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Signale • Gedanken zur Zeit
Sonntag • 12:10
1.2.2004
Langsame Entfernung: Männlichkeit
Von Claus Koch

Claus Koch (Bild: claus-koch.com)
Claus Koch (Bild: claus-koch.com)
In den Feuilletons, den gesprochenen wie den geschriebenen, geht es selten unterhaltsam und zukunftsfroh zu. Sie wären noch ärmer dran, gäbe es dort nicht die niemals abreißenden Todesanzeigen. Nein, nicht die Nachrufe auf Prominente, sondern die Verlustmeldungen aus den bürgerlichen Sitten, die Beschädigungen des bürgerlichen Charakters. Sie sind zwar auch nicht unterhaltsam, aber sie breiten Stoffe des Vergangenen aus, Leser und Hörer müssen dazu nicken. Die Eleganz der Frauen ist verschwunden. Ja, richtig, wo ist sie geblieben? Es gibt keine Würde des Alters mehr. Ja, sehr traurig. Wir können die Ferne nicht mehr erleben, stimmt ebenfalls. Es gibt keine Distanz mehr zwischen den heutigen Menschen, und deshalb auch keine Höflichkeit. Sehr wahr, aber schon zu lange, man kann das kaum mehr bemerken. Dito: Die Tischmanieren. Sehr betrüblich. Aber die meisten Feuilletonschreiber haben selber keine. Es pfeift niemand mehr auf der Strasse, es werden auch keine Schlager mehr gesungen. Ja, das ist mir auch schon aufgefallen, jedenfalls sehr schade. Man kann wohl nichts dagegen machen. Die Ironie kommt kaum noch vor, es verstehen sie nur die wenigsten. In vielen öffentlichen Situationen ist sie geradezu verboten, in anderen schlechthin unmöglich. Zum Beispiel bei Sabine Christiansen. Ja, sehr wahr, die Ironie ist hin, sie wird wahrscheinlich nie wiederkommen.

Alles in allem, unsere Sitten sind demnächst am Ende der bürgerlichen Zeit. Dann werden auch die Verluste nicht mehr auffallen. Und was kommt dann, wenn keine Verluste mehr zu vermerken sind? Dann ist jedenfalls das Feuilleton ziemlich am Ende.

Heute wollen wir gegen unser eigenes Verschwinden ankämpfen. Und wir nehmen einen Verlust dran, der auch anderen aufgefallen ist. Warum gibt es immer weniger männliche Männer, was ist mit der Männlichkeit geschehen? Viele Frauen werden da aufhorchen, die ganz jungen weniger. Das ist ein heikles Thema, man sollte es nicht witzig parfümieren. Über die Vermehrung der unmännlichen Männer ist leicht zu höhnen, von Weibern selbstverständlich, die dabei sehr weiblich sein dürfen. An ihrem Hohn merken die Klügeren, dass auch sie unter diesem Mangel leiden. Jedenfalls ist das heute zum Thema geworden, es fällt in dieser sehr geselligen Gesellschaft auf.

Wie kommt es also, dass von heutigen Männern die Männlichkeit, die von den Lateinern die virtus, die Mannestugend genannt wurde, so schwer gelebt werden kann? Und dass damit auch das Verhältnis zwischen Frauen und Männern gestört scheint? Denn schon wenn dieser Mangel benannt wird, zeigt er eine Schwäche, eine Ohnmacht auf beiden Seiten an. Wenn den Männern die Männlichkeit abhanden kommt, sind auch die Frauen um etwas beraubt, das sie nicht ersetzen können. Sie müssen nun ihre eigene Unvollkommenheit wahrnehmen. Nicht wenige werden sich darüber quälen, auch wenn sie sich sagen können, dass sie wenig zum Mangel an Männlichkeit beigetragen haben.

So kommt es, dass das Verschwinden des männlichen Charakters als ein moralischer Defekt betrachtet wird. Es wäre nicht so, würden wir nicht die Männlichkeit, die virtus, als eine Tugend ansehen, die nicht entbehrt werden kann. Würde sie nur als ein Verhalten betrachtet, das man mit gutem Willen überwinden kann, brauchte man nicht lange darüber zu sinnieren.

Männlichkeit ist schwer zu bewahren, wo alle von allen verlangen können, jederzeit mit allen zu reden. Die Dauergeschwätzigkeit der Dienstleistungsgesellschaft erlaubt nicht, dass jemand schweigt. Dass er wohl eine Meinung hat, darüber aber nicht reden mag. Ebenso ist es mit der Geradlinigkeit, mit dem festen Stand. Schon an der Universität werden sie den jungen Leuten abtrainiert. Berufswerbung und Stellenausschreibung verlangen Flexibilität, Anpassungsfähigkeit, ständige Bereitschaft für alles und jedes. Lies auch: Opportunismus. Durchhaltekraft, eine eigene Meinung nach eigener Einsicht zu vertreten und gerade damit Erfolg zu haben, das ist kaum gefragt. Und auch in den Fortbildungskursen für Manager steht der eigenwillige Charakter, der Männlichkeit beweist, nicht auf dem Programm. Dafür ein Dutzendmal Leerformeln wie 'Vernetzungsfähigkeit'. Dass man aus seiner männlichen Natur nicht mit jedermann kann, dass man Feindschaften, wo sie unvermeidlich sind, nicht aus dem Wege geht und sie aushält - das wird bei der Ausbildung des jungen Mannes nicht gefordert.

Männlichkeit muss auch verschwinden in einer moralisierten Gesellschaft, in der von jedermann die Begründung und die Rechtfertigung seines Tuns und Lassens verlangt werden können. Zur Männlichkeit gehört aber, dass man nicht gerne über sich redet und reden lässt. Und dass man die fortwährenden Entschuldigungen verachtet, denen sich jeder unterziehen muss, der für etwas steht. Sagen wir, ein gestandener Mann. Wenn er einer ist, wird er andere nach ihren Taten achten, nicht nach ihren Reden. Nur auf diese Weise nämlich kann er höflich sein.

Die deutsche Gesellschaft infantilisiert sich, wie Kulturkritiker feststellen. Sie bleibt aber auch, das merkt man an den Männern, eine Gesellschaft von Funktionären, die als Funktionäre aufeinander angewiesen sind. Männliche Naturen können darin nicht unterkommen. Wo es sie noch gibt, entfernen sie sich ganz leise. Sie wollen nicht bemerkt werden.


Claus Koch, Publizist, in München geboren, studierte Philosophie, Ökonomie und Geisteswissenschaften und war zunächst in einem Wirtschaftsverlag tätig. Seit 1959 arbeitet er als freier Journalist für Presse und Rundfunk, seit 2003 gestaltet er den Mediendienst 'Der neue Phosphoros'. In den sechziger Jahren redigierte Koch die Monatszeitschrift ‘atomzeitalter', später war er Mitherausgeber und Redakteur der Zeitschrift für Sozialwissenschaft ‘Leviathan' und Mitarbeiter mehrerer sozialwissenschaftlichen Forschungsprojekte. Zu seinen Buchveröffentlichungen zählen ‘Ende der Natürlichkeit - Streitschrift zur Biotechnik und Biomoral', ‘Die Gier des Marktes - Die Ohnmacht des Staates im Kampf der Weltwirtschaft' und ‘Das Ende des Selbstbetrugs - Europa braucht eine Verfassung'.
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