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Sonntag • 12:10
15.2.2004
Heimatgefühle im Widerspruch
Befreiung oder Bedrohung?
Von Helga Hirsch

Helga Hirsch (Bild: privat)
Helga Hirsch (Bild: privat)
Ist es befreiend, wenn wir im Zeitalter der Globalisierung einer vielleicht erdrückenden Heimat entfliehen können - oder ist es bedrohlich, wenn wir stabilisierende Rückzugsmöglichkeiten verlieren? Sind Weltläufigkeit und Heimatgefühle ein Widerspruch - oder gewinnt die Heimat aufgrund größerer Mobilität sogar noch an Bedeutung?

Mein Patenkind Katharina hat eine Mutter aus Polen und einen Vater aus Deutschland. Kindheit und Jugend verbrachte sie in Köln, die großen Festtage und Ferien hingegen verlebte sie mit ihren Großeltern aus Warschau. Köln war ihr viel vertrauter als Warschau, aber "babcia" und "dziadek" in Polen standen ihr viel näher als die Großeltern in Deutschland. Sie habe es genossen - sagt Katharina - , von hier nach dort zu fahren, zwei Sprachen zu sprechen und sich in zwei Kulturen zu bewegen. Als Katharina jedoch zwanzig Jahre alt war und der Großvater in Warschau starb, stellte sich überraschend heraus, dass ihre vermeintlich polnischen Großeltern gar keine Polen, sondern Juden gewesen waren.
Seitdem befindet sich Katharina in einem Zustand der Verwirrung. Viele bisherige Deutungen der Familiengeschichte treffen nur noch bedingt zu. Sätze erhalten eine andere Bedeutung, Tatsachen stehen in einem neuen Kontext. Warum hat sie nicht nachgefragt, woher all die Kontaktadressen stammten, die ihr die Tante in Warschau bei ihrer ersten Reise nach Israel mitgab? Warum ist ihr nicht aufgefallen, dass "babcia" und "dziadek" nicht nur Atheisten waren, sondern keinerlei kulturellen Bezug zum Katholizismus und erst recht nicht zur katholischen Kirche besaßen und an Allerheiligen nicht mit zehntausend anderen zum Friedhof pilgerten, um der Gefallenen des Warschauer Aufstands zu gedenken?

"Ich weiß nicht mehr, zu wem ich gehöre", sagt Katharina. Was ihr als Raum großelterlicher Geborgenheit erschien, erwies sich als eine aus Angst und Not errichtete Kulisse, die letztlich kein Urvertrauen und keine sichere Bindung ermöglichten. Von der Heimat aber, das bestätigen alle Untersuchungen, erwarten wir Vertrautheit, Wärme, Einbindung und Unterstützung.

Denn unser Heimatgefühl wird durch die sinnlichen Erfahrungen in der Kindheit geprägt, wenn wir uns, noch ganz im Zustand der Hilflosigkeit, der Obhut der Mutter, des Vaters, der Großeltern überlassen. Heimat erscheint als Zufluchtsort, der Harmonie verströmt und das Gefühl der Sicherheit vermittelt. Ein Zustand, so unwirklich wie ersehnt, dass viele sich mit Ironie vor seiner Anziehungskraft schützen, während andere jede Distanz sogar zu seinen sentimentalen, kitschigen Varianten aufgeben.

Mit Heimat assoziieren wir satte, grüne Wiesen, durch die sich sandige Wege schlängeln oder stille Schneelandschaften, die im gleißenden Sonnenlicht funkeln. Auch den strengen Geruch des Bohnerwachses, mit dem die Mutter samtags den Linoleum-Fußboden einrieb oder den Dialekt und die Sprachmelodie, in denen sie sich mit der Familie, mit Verwandten und Nachbarn verständigte.

Heimat wird ihr spezifisches Gesicht immer bewahren, so globalisiert die Welt auch werden mag. Denn die Berge, die Farben, die Gerüche und Töne in Warschau werden nie identisch sein mit denen in Köln. Und mag die Tiefebene sich auch vom Westen Deutschlands bis in den Osten Polens ziehen, so wird das karge Niedersachsen immer ganz andere Gefühle hinterlassen als das sanfte, hügelige Masuren.

Weil diese Kindheitserfahrungen prägend wirken auf unsere individuellen Wahrnehmungsmuster, ziehen sie uns auch als Erwachsene an neuen Orten zu allem hin, was uns von früher vertraut erscheint. Gleichgültig, ob sich der Schriftsteller Uwe Johnson nach der Flucht 1945 erst in Mecklenburg oder später in Amerika und England aufhielt: stets hat er die Nähe des Wassers gesucht, das wie in seiner Kindheit an der Ostseeküste von Hinterpommern irgendwo am Horizont mit dem Himmel verschmolz. In Mecklenburg ließ er einen Romanhelden in einem Haus mit Blick auf den Hafen wohnen, in New York faszinierten ihn der East und der Harlem River an der Ostseite von Manhattan, in England kaufte er sich ein Haus an der Mündung der Themse. Im Neuen fand er das Alte, dessen Bilder sowohl Trost spendeten, aber auch Gefühle der Melancholie, der Trauer, der Sehnsucht wach hielten, die der gewaltsame Verlust der Heimat nach sich gezogen haben muss.
Heimatliche - das heißt vertraute - Gefühle vermögen offensichtlich sogar Orte in uns zu wecken, in denen wir nie gelebt haben. So fuhr vor kurzem eine Bekannte nach Breslau, weil sie es für ihre Pflicht hielt, wenigstens einmal die Geburtsorte der Eltern zu besichtigen. Emotional, betonte sie immer wieder, fühle sie sich selbst mit Schlesien allerdings in keiner Weise verbunden. Doch als der Reisebus dann die Oder überquerte, stiegen plötzlich Tränen in ihr auf. Da spürte sie auf einmal etwas von dem Verlust, den die Eltern erlitten und gefühlsmäßig auf sie übertragen haben müssen. Da konnte die Beziehung zu einem Ort, den sie mit 60 Jahren das erste Mal sah, wach gerufen werden, weil sie das Bild von ihm bereits lange in sich trug.
Wird uns dieses innere Bild aber genommen, das erfährt Katharina augenblicklich sehr schmerzlich, wird unser Selbstverständnis verunsichert. Während ihr Freund demnächst ein Sprachstudium in Moskau absolvieren wird und schon Anträge für ein anschließendes Auslandsstipendium stellt, geht ihr Bedürfnis in die entgegen gesetzte Richtung: Sie braucht Ruhe, um sich neu zu orten und neu zu verwurzeln. Denn wenn andere ihr Heimat entziehen, kann nur sie selbst sich - mühsam - eine neue schaffen.


Dr. Helga Hirsch studierte Germanistik und Politologie in Berlin und arbeitet seit 1985 als freie Journalistin, unter anderem für den Westdeutschen Rundfunk und die F.A.Z. 1988 bis 1994 war sie Korrespondentin der "Zeit" in Warschau. 1998 erschien ihr erstes Buch, "Die Rache der Opfer". Zuletzt veröffentlichte sie das Buch "Ich habe keine Schuhe nicht. Geschichten von Menschen zwischen Oder und Weichsel".

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