Signale
Signale • Gedanken zur Zeit
Sonntag • 12:10
22.2.2004
Die Schwulen und die Ehe: Es geht ums Theater
Von Eva Demski

Vor kurzem wurde der kluge und für einige Überraschungen gute Hape Kerkeling gefragt, was er von Schwulenehen halte und ob er heiraten wolle. Das wolle er nicht, gab er zur Antwort, denn er könne nicht entscheiden, ob er der Bräutigam oder die Braut sei. Das hatte nur jemand wie er sagen dürfen: Politisch unkorrekt. Und trotzdem kann sich die zunehmend erstaunte Beobachterin des Zeitgeists die Frage nicht verkneifen, warum denn ausgerechnet die Institution Ehe für Homosexuelle das Ziel - aufs innigste zu wünschen - sein soll? Es geht ja in den meisten Fällen offenbar nicht nur um eine juristische Klärung gegenseitiger Zuständigkeiten und Pflichten. Das ließe sich anders regeln. Möglichkeiten dafür sind denkbar und realisierbar. Nein, es geht um eine Adaptierung des Rituals, um Simulation also. Damit entlarvt sich Missverständnis oder kollektiv falsche Selbsteinschätzung.

Die Homosexuellen, lange verfolgt, verfemt und ausgegrenzt, empfanden sich per se als Gegenentwurf zur bürgerlichen Welt. Sie entsprachen damit dem begreiflichen Wunsch einer von der Gesellschaft zurückgestoßenen Gruppe: Dann wenigstens für sich Gegenwelt zu sein, erkennbar, ritualisiert, ästhetisch, beruflich, vielleicht sogar politisch eindeutig definiert. Da war Trotz dabei, Anarchie, auch Kraft. Das bloße So-sein - denn so ist man ja eben und beschließt es nicht als Akt freier Willensbekundung - hat vielen Fähigkeiten entlockt, die sie auf dem zählen Boden unbedrohter Bürgerlichkeit nicht entwickelt hätten.

Und die Attitüde wechselte von Schüchternheit und Verstecken zum Offensiven. Die Offensive - einer ihrer interessantesten Vorreiter war Rosa von Praunheim - wurde 'gesellschaftsfähig'. Und entwickelte ihre eigenen Formen, auch, durch AIDS, ihre eigenen Tragödien. War also, um es überspitzt zu sagen, eine neue und wandlungsfähige Lebensvariante innerhalb, nicht mehr außerhalb der Gesellschaft. Und nun also die schrillen Töne zugunsten der Ehe. Wie das zusammengeht, ist mir rätselhaft. Von den sexualzentralistischen Frechheiten des Christopher Street Day mittenmang ins blumenbestreute 'Treulich geführt'? Tut mir leid, da kann ich nicht folgen. Natürlich gab und gibt es Paare, denen das Demonstrative mit seinen Kostümierungen und Knalligkeiten fatal ist, die in Stille und betont bürgerlich zu leben und zu wirken wünschen. Gewiss ist immer noch ein Bodensatz von Angst und Verfolgungserinnerung da - bei einer jüngsten Geschichte wie der unseren kein Wunder. Aber helfen da die Nachahmungen bürgerlicher Rituale? Man könnte sagen, dass die Ehe nur noch für Homosexuelle und katholische Priester ein Wunschziel ist. Wie gesagt, ich glaube nicht an das Vorherrschen des Wunsches nach juristischer Absicherung eines lang währenden Verhältnisses. Das muss selbstverständlich gehen - und ist auch übrigens unter Freunden, ohne sexuelle Konnotation machbar. Notarielle Verfügungen dieser Art habe ich selbst schon gesehen, wonach Erben, Auskunfts- und Entscheidungsrecht im Krankheitsfall und Ähnliches geregelt wird.

Ich glaube, es geht ums Theater. Es hat eben auch den Geschmack nach Show, Kostümierung, Anprobieren von Modellen, die nicht für einen gemacht sind, wir spielen Mami und Papi. Denen die Authentizität ihrer Lebensmodelle so wichtig, so überlebensnotwendig war, erkämpfen sich nun den Weg in eine Art des Lebensvertrags, die für sie weder gedacht noch gemacht noch passend ist. Kritik daran wird mit einer Hysterie und Schärfe abgetan, die auf eigene leise Zweifel schließen lässt. Aber was immer Ehe in der heutigen Zeit sein mag - Rollenmodell, Spiel und Probebühne des Lebens ist sie nicht. Dafür ist sie denn doch noch zu schade.

Eva Demski, Schriftstellerin und Journalistin, 1944 in Regensburg geboren, studierte Germanistik, Kunstgeschichte und Philosophie. Sie arbeitete zunächst am Theater und als freie Lektorin und Übersetzerin, später für Kultursendungen in Hörfunk und Fernsehen sowie für verschiedene Zeitschriften. Nebenbei entstanden zahlreiche Fernsehfilme und Essays. Ihr Romandebüt gab Eva Demski 1979 mit 'Goldkind'. Zuletzt erschienen der Roman 'Das Narrenhaus' und 'Zettelchens Traum'. Die mit mehreren Preisen ausgezeichnete Autorin lebt in Frankfurt am Main.

-> Signale
-> weitere Beiträge