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Sonntag • 12:10
7.3.2004
Über die Freiheit der Religion
Von Wolfgang Sofsky

 Wolfgang Sofsky (Bild: privat)
Wolfgang Sofsky (Bild: privat)
Von Geburt an hat jeder Mensch ein gleiches und unverjährbares Recht, in allem, was sich ausschließlich auf ihn selbst bezieht, unabhängig von seinen Mitmenschen zu leben und sein Geschick nach eigenen Fähigkeiten zu gestalten. Er darf denken, was er will, glauben, was er will, beten, zu wem er will. Seinen Verstand darf er ungehindert benutzen, aber er kann sich auch der Torheit verschreiben. Klugheit ist nicht geboten, Einfalt nicht verboten. Er darf sich religiöser Schwärmerei hingeben, einem Aberglauben anhängen und an Kulthandlungen teilnehmen. Wo immer er sein Heil zu erlangen hofft, kein Weg ist ihm versperrt. Weder der Verstand noch die Urteilskraft sind imstande, die Grenzen abzustecken, innerhalb derer die Menschen ihre Seligkeit zu finden glauben.

Gewiss erleidet das Individuum Schaden, wenn es die Pflichten gegen sich selbst missachtet. Wer auf Dauer sich selbst belügt, vernichtet seine Selbstachtung. Sich in der Unmündigkeit komfortabel einzurichten, bedeutet einen Verlust des Realitätssinns. Wer sich, verfangen im eigenen Tugendstolz, der Nähe der Götter allzu sicher wähnt, krönt seine Frömmigkeit mit Hochmut - einer Todsünde. Und wer sich vor dem Heiligen zur Erde wirft, gibt seine Würde preis. Religiöse Kriecherei kommt einer Selbstdemütigung gleich. Der Wundergläubige unterwirft sich einem Idol, das doch nicht mehr ist als ein menschliches Machwerk.

Sobald der einzelne die Bühne der Öffentlichkeit betritt, ist es mit dem privaten Glück der Illusion vorbei. Welt- und Gottesbilder prallen aufeinander, Ideologien und Glaubenslehren werden beargwöhnt, entzaubert, verlacht. Der Anfechtungen sind viele. Mit Blasphemie ist stets zu rechnen. Auch wenn das Gesetz die Freiheit der Religion garantiert, so herrscht in einer freien Gesellschaft doch keine Eintracht der Bekenntnisse. Es ist unvermeidlich, dass sich die Menschen auch bei den letzten Dingen ins Gehege kommen. Die Glaubensfreiheit des einen endet, wo jene des anderen beginnt. Niemand ist dazu verpflichtet, die Götter des anderen zu verehren. Des einen Frömmigkeit ist dem anderen nichts als Bigotterie. Was dem einen heilig ist, hält der andere für Häresie und Ketzerei. Gottes-, Götzen- und Fetischdienste, Aufmärsche und Paraden der Frömmigkeit treffen nicht überall auf Ovationen.

Religiöse Rivalitäten werden oft mit grausamer Inbrunst ausgefochten. Wenn um höhere Werte gestritten wird, bezeugt zuletzt der Blutzoll, wer im Besitz der Wahrheit zu sein scheint. Um den Krieg der Religionen zu beenden, hat der moderne Staat daher den Glauben zur Privatsache erklärt und die Religion in abgeschirmte Kultorte verbannt. In Bethäusern, Kirchen, Synagogen und Moscheen können die Gläubigen unbehelligt ihr geistlichen Leben führen.

Dennoch ist der gottlose Staat für viele Zeitgenossen keineswegs selbstverständlich. Zum Schutz der Menschen muss der Staat in Glaubensdingen neutral bleiben. Die Verfassung findet ihren Grund nicht in den Glaubenssätzen einer Tradition, sondern in dem Gebot, eines jeden Freiheit zu sichern. Die Bildungseinrichtungen sind freizuhalten von religiöser Propaganda und Maskerade, sei sie christlich, jüdisch, hinduistisch oder islamisch. Bibel und Koran sind als Lehrbücher nicht zugelassen. Kippa, Kreuz und Kopftuch haben im Klassenzimmer nichts verloren. Die Schule ist die Schule der Nation, nicht der Religion.
Der Neutralität des Staates widerspricht die populäre Forderung nach Toleranz keineswegs. Die Trennung von Staat und Religion ist die institutionelle Voraussetzung für die soziale Duldung religiöser Einfalt und Vielfalt. Sie bewahrt die Minderheiten vor der Hegemonie der Mehrheit, und sie weist den Fanatismus in seine Schranken. Religionen wollen wachsen, wollen ihre Anhänger in Gemeinschaft vereinigen, wollen sich die Erde untertan machen. Im religiösen Erlebnis suchen Menschen nicht nur die Nähe ihrer Götter, sondern auch die soziale Bewegung der Gleichgestimmten. Dieser Tendenz beugt der neutrale Staat vor. Indem er den Religionen die Waffen der politischen Macht aus der Hand schlägt, schützt er die Strenggläubigen und die Ungläubigen, die Gleichgültigen, die Abtrünnigen, denen das Hemd des Glaubens locker sitzt, und die Freidenker, welche ihre Urteile allein auf gottlose Vernunft stützen.

Ohne Zweifel haben die christlichen Kirchen längst ihren alten Bekehrungseifer eingebüßt. Bei ihren Bemühungen, dem Zeitgeist hinterherzuhinken, erwecken sie teils Mitleid, teils Heiterkeit. Dem Anspruch auf universale Wahrheit haben sie weitgehend entsagt. An seine Stelle ist hierzulande die Predigt allseitiger Versöhnung getreten. Das schlechte Gewissen hat über alle Gegensätze den Mehltau des kulturellen Relativismus und des ökumenischen Einvernehmens gelegt. Für die Attacken des Fundamentalismus ist man daher schlecht gerüstet. Doch taugt der Dialog der Religionen nicht zum Widerstand gegen die rechtgläubigen Feinde der Freiheit.

Das Postulat der Toleranz wird nicht selten missbraucht, um kulturellen Konflikten aus dem Wege zu gehen. Jeder Glaube, jede Gesinnung, jeder Ritus sei in seinem Eigenwert zu achten und in voller Überzeugung anzuerkennen, fordern die Apologeten der verzagten Toleranz. Das ist viel verlangt. Kritik und Wahrheit wären aufgegeben, müsste man jede Glaubensgrille und jeden Eiferer anerkennen. Mehr als die passive Duldung privaten Eigensinns ist daher kaum einzufordern. Pluralismus heißt nicht Verzicht auf Wahrheit, Toleranz bedeutet nicht Beliebigkeit. Respekt ist mit Furcht verbundene Achtung. Sie duldet und erträgt den anderen, obwohl er das eigene Terrain bedrohen kann. Und sie verlangt denselben Abstand von der Gegenseite. So ist schon viel gewonnen, wenn die religiöse Toleranz eine Pufferzone markiert, welche Gläubige und Ungläubige voreinander bewahrt und sie einander ertragen lässt.

Wolfgang Sofsky, Jahrgang 1952, ist freier Autor und Pro-fessor für Soziologie. Er lehrte an den Universitäten Göttin-gen und Erfurt. 1993 wurde er mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet. Er publizierte u.a.: "Die Ordnung des Terrors. Das Konzentrationslager" (1993), "Figurationen sozia-ler Macht. Autorität - Stellvertretung - Koalition" (mit Rainer Paris, 1994) und "Traktat über die Gewalt" (1996). 2002 er-schien 'Zeiten des Schreckens. Amok, Terror, Krieg", und zu-letzt der Band "Operation Freiheit. Der Krieg im Irak".
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