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Sonntag • 12:10
21.3.2004
Schnäppchenjagd
Von Claus Koch

Claus Koch (Bild: claus-koch.com)
Claus Koch (Bild: claus-koch.com)
Wenn eine Dame einer anderen Dame anvertraut, sie habe soeben ein schönes Schnäppchen gemacht, weiß man schon, dass sie beide keine Damen sind. "Schnapp, Bello, schnapp!" sagt der Hundehalter und ist vergnügt darüber, dass das Tier seinem Reflex folgen muss. Wer seinem Tier Respekt entgegenbringt, wird es nicht zum Schnäppchen-machen treiben, sondern ihm seine Bröckchen ordentlich auf Teller oder Schüssel legen. Wilhelm Busch, der seine Pudel Schnäppchen machen ließ, hat sich damit als Spießerhumorist verraten.

In einer intakten bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft wird alles zum Gut, bekommt seinen Preis und muss preisgerecht erworben werden. Wer da etwas weit unter seinem Preis anbietet oder verschenkt, macht sich verdächtig. In der alten, nunmehr abgeschafften Industriegesellschaft, in der Proletarier und Bauern ihren Berufsstolz haben durften, misstrauten die arbeitenden kleinen Leute dem auffälligen Billigangebot und der fast verschenkten Ware. Sie spürten, dass an der allzu guten Gelegenheit etwas Faules war, dass sie einen Schimmer von Diebesgut an sich hatte. Die bürgerliche Moral gebot, dass man nichts umsonst haben wollte. Wer etwas billig oder ohne Preis annimmt, so ahnten sie, macht sich zum Gefangenen. Auch wer knapp dran war, bot sich zu solcher Gefangenschaft nicht an. Dies hatte ihn die Erwerbsarbeit gelehrt, und eben diese Verweigerung stützte auch die Marktmoral des Kapitalismus.

Ein Zeichen kapitalistischer Verwahrlosung ist es also, dass sich in Europa während des letzten Jahrzehnts die Schnäppchenkultur so rasch ausgebreitet hat. Auch bessergestellte Kreise beteiligen sich daran und nehmen die Schleuder-Rabatte für Luxusautos gerne an, auch wenn sie zurzeit keinen Bedarf haben und die paar tausend Euro ihnen nichts bedeuten. Dies ist als ein Warnzeichen zu lesen, dass eine wichtige Triebfeder der Marktmaschine seine Funktion nicht mehr ausüben kann: Die conspicuous consumption, der Auffälligkeits- und Geltungskonsum. Er soll, indem er die Ansprüche ständig höher schraubt, und daher auch Konsumkunst erfordert, zur Konkurrenz anhalten und somit den Fortschritt anheizen. Damit dies gelingt, der Kapitalismus also sein Versprechen einhalten kann, ist vorausgesetzt, dass es eine beträchtliche Menge von Armen und Mittelsituierten gibt, die mitmachen wollen, aber einstweilen nicht mitmachen können. Es ist dann Sache der Reichen und der Eliten, immer wieder neue Ansprüche auszubilden, deren Erfüllung sich in Gütern ausdrücken kann. Die letzteren müssen geeignet sein, Massengütern zu werden, bis hin zu den Inselpalmen, die die Werbung überall aufstellt.

Die Schnäppchenkultur trägt dazu bei und ist selber ein Ausdruck davon, dass dieser Mechanismus gelähmt ist und in einem krankhaften Kleinbürger-Konsumismus erstarrt. Die Verführung und die Erziehung dazu hatte einmal heiter begonnen, nämlich als die europäischen Massentouristen im Orient das Feilschen um vermeintlich billige Teppiche und Messingwaren lernten. Sie durften das sogar als Entwicklungshilfe betrachten.

Die Wirtschaftspolitiker von heute werden freilich die Lust aufs Schnäppchen begrüßen. Sie müssen nämlich wünschen, dass die Arbeitnehmer, die auch Rentenanwärter sind, nunmehr entsparen und einen guten Teil ihrer Rücklagen in den Konsum tragen - damit zu neuen Investitionen angereizt werden kann. Die gute alte Ökonomen-Lehre vom fürsorglichen Hausvater soll vergessen werden, nicht zuletzt darin, dass die privaten Vorsorgemittel den großen Investment-Fonds anvertraut werden, auf dass diese sich im Aktienmarkt freier bewegen können. Die Gemeinschaft, sich dem schlimmen Sozialstaat entwindend, soll sich als Händlergesellschaft erleben, in der Jedermann jede Gewinnmöglichkeit nutzt, zum Wohl des Ganzen. Die Schnäppchenkultur ist also eine Sumpfblüte marktwirtschaftlicher Verwahrlosung, in der keine Preisvernunft walten kann.

Der globale Finanzkapitalismus, der sich auf die Schmiedung von Machtblöcken konzentriert, kann dabei wenig Rücksicht auf die Qualität von Gütern und auf die Qualität von Ansprüchen nehmen. Dauerhafte Qualität, die aus guter Erfahrung zum Festhalten zwingt, ist im Gegenteil lästig. Wie sich an den neu eröffneten Übernahme-Schlachten in Frankreich, Deutschland und den USA erweist, ist das globalisierte Finanz-Regime auch nicht fähig, zu lernen. Kaum drei Jahre lang ging das Regime nach seiner großen Niederlage im Neuen Markt in Trauer und Asche, da fängt es schon wieder an mit der Verwilderung. Das Aufblasen von ungedeckten Aktienwerten wird erneut einen Verschleuderungsmarkt nach sich ziehen. Davon profitiert wiederum der Schnäppchengeist. Er fragt nicht lange danach, dass die Schleuderware zu immer größeren Teilen in Asien hergestellt wird, auf Kosten der zuhause verlorenen Arbeitsplätze. Einstweilen ist die Kaufkraft noch nicht weit genug abgesunken. Bis dann eines Tages die Millionen von Chinesen und Indonesiern, die in Europa Ferien machen werden, entdecken können, dass sie hier die Produkte, die sie in ihren Fabriken herstellen, billiger erwerben können als in der Heimat. Dann wird der Sieg der Globalisierung vollzogen sein.

Claus Koch, in München geboren, studierte Philosophie, Ökonomie und Geisteswissenschaften und war zunächst in einem Wirtschaftsverlag tätig. Seit 1959 arbeitet er als freier Journalist für Presse und Rundfunk, seit 2003 gestaltet er den Mediendienst "Der neue Phosphoros". In den sechziger Jahren redigierte Koch die Monatszeitschrift "atomzeitalter", später war er Mitherausgeber und Redakteur der Zeitschrift für Sozialwissenschaft "Leviathan" und Mitarbeiter mehrerer sozialwissenschaftlichen Forschungsprojekte. Zu seinen Buchveröffentlichungen zählen "Ende der Natürlichkeit - Streitschrift zur Biotechnik und Biomoral", "Die Gier des Marktes - Die Ohnmacht des Staates im Kampf der Weltwirtschaft" und "Das Ende des Selbstbetrugs - Europa braucht eine Verfassung".

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