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Sonntag • 12:10
28.3.2004
Europa und die Türkei
Ausblick und Konsequenzen
Von Josef Schmid

Mit scheinbarer Teilnahmslosigkeit quittierten die Deutschen das Versprechen von Kanzler Schröder gegenüber der Türkei, sie nach einer gewissen Anstands- und Verhandlungsfrist in die Europäische Union aufzunehmen. Die Mehrheit hierzulande lehnt dies ab. Es bewahrheitet sich mehr und mehr: In Deutschland ist Europapolitik ein Elitenprojekt, das hinter verschlossenen Türen vorangetrieben und im Parlament durchgewunken wird.

Ob der Kanzler und seine Adlaten, Herr Verheugen in Brüssel und Außenminister Fischer in Berlin gleich um die Ecke, mit der Eingemeindung der Türkei diese selbstherrliche Praxis nicht überdehnen?!

Uns bleibt nur zu rätseln über den großen Plan, der dahinter steckt. Ist es eine weltpolitische Gefälligkeit, die in letzter Konsequenz Mitteleuropa auf Generationen hinaus ungewollt verändert!? Mit Außengrenzen am Kaukasus und am Nahen und Mittleren Osten begeben sich die Europäer unweigerlich in das religiöse, politische und kulturelle Schlamassel des 21. Jahrhunderts. Doch zuerst einige harte Daten zur Demographie der Türkei, wovon unsere progressiven Vormünder so gar nichts wissen wollen:

Die türkische Bevölkerung von derzeit 70 Millionen wächst jährlich um 1,5 Prozent. Das entspricht einer Wachstumsrate von Ländern wie Brasilien und Indien und bedeutet, dass die Türkei zur Mitte des Jahrhunderts 100 Millionen zählen wird und damit die größte Bevölkerung der EU wäre. In Deutschland, so schätzt man, würden nach Wegfall der Grenzen die Türkischstämmigen von zwei auf acht bis zehn Millionen hochschnellen.

Die Türkei hat die Problemberge eines Entwicklungslandes, die Jahrzehnte brauchen werden, bis sie auf Westeuropareife abgetragen sind. Seine Geborenenziffer von 22 (gegenüber zehn im Westen) bedeutet starke Jugendjahrgänge, wie sie selbst eine florierende Wirtschaft zurzeit nicht integrieren könnte. Das Brutto-Inlandsprodukt pro Kopf liegt bei einem Viertel des EU-Durchschnitts. Hinzu kommen noch hohe Analphabetismus-Raten im Landesinnern. Die Senkung der Geburtenzahlen auf ein verkraftbares Niveau braucht mindestens 20 Jahre, die Alphabetisierung Anatoliens ebenso lange. Entwicklungsschritte, die eine große, junge Erwerbsbevölkerung in Arbeit und Brot setzen, brauchen 30 bis 50 Jahre. Das sind die eigentlichen Fristen und Fragen, die der deutschen Bevölkerung, dem EU-Hauptzahlmeister, offen und klar vorgelegt werden müssten. Die immer in den Vordergrund gerückten Kriterien zu Demokratie und Menschenrecht nehmen sich dagegen wie Sekundärtugenden aus. Demokratie setzt sich auch nur dort durch, wo sie mit wirtschaftlichem Aufstieg einhergeht. Die Deutschen wissen das am besten.

Sollten im Jahre 2010 Beitrittsverhandlungen beginnen, würden die Wirtschaftsdaten der Türkei so tief liegen, dass alle Stützungszahlungen und Fonds der EU für strukturschwache Gebiete auf die Türkei entfallen. Das käme einer finanziellen Lähmung der EU auf lange Zeit gleich.

Die Idee, die Türkei durch eine baldmögliche Integration in die westliche Moderne dem Zugriff des Islamismus zu entziehen, klingt nicht unvernünftig. Doch nach Ansicht von Experten wird sich dort kein Laizismus nach westlicher Art entwickeln trotz der Weichen, die der verehrungswürdige Kemal Atatürk dafür gestellt hatte. Zum andern liefert gerade Deutschland kein gelungenes Exempel dafür, wie man Muselmanen integriert, geschweige denn fremdreligiösen Eifer eindämmt. Der florierende Moscheenbau und die Zunahme von Gruppen, die heimlich oder offen das Banner des Propheten entrollen, finden bis heute von deutscher Seite keine entschlossene Zurechtweisung.

Die Frage nach den Grenzen der EU darf sich die deutsche Politik nicht länger ersparen. Sie wird sie in Verlegenheit bringen, wenn sie glaubt, neben Demographie auch noch Kultur als den zweiten konfliktträchtigen Beweger des 21. Jahrhunderts ausklammern zu können. Da kommt der Gestus toleranter Weltumarmung rasch an sein Ende; es kann keine Gemeinschaft bestehen, ohne dass stichhaltige Kriterien für Einschluss und Ausschluss genannt werden. Politisch-korrekte Ermahnungsdiplomatie ist nichts als ein Ausweichen vor der Grenzenfrage. Das Vorhandensein einer Verfassung reicht nicht, denn dann könnten Staaten in Asien und Afrika sich Hoffnung auf Aufnahme machen. Die Einhaltung von Menschenrechten kann es auch nicht sein, denn dann könnten in einem Jahrzehnt Dutzende von Staaten in aller Welt, denen seit einiger Zeit nichts vorzuwerfen ist, um Aufnahme bitten. Zufriedenstellender Entwicklungsstand der Wirtschaft und die Aussicht, in der EU einen "Nettozahler" abzugeben, kann es auch nicht sein, denn dann wären die Ölförder-Staaten des Nahen Ostens längst willkommen.

Wenn Europa eine Wertegemeinschaft sein will, kann es das nicht mit allgemeinen Schlagworten wie Freiheit, Toleranz, Humanität und Menschenrechte. Es reicht nicht aus, sich zum Teil der Menschheit zu erklären, der an den Rändern zerfließt und mit den übrigen Teilen verschmilzt. Hieran lässt sich zeigen, wie das alleinige Operieren mit universellen Prinzipien ins Leere läuft. Europa charakterisiert Persönlichkeitsrechte, Besitz und Bildung für den einzelnen, Wert der Arbeit, Gleichheit der Geschlechter, freie Assoziation der Bürger, Religionsfreiheit im Rahmen aufgeklärter Nationalkulturen, die ihren anerkannten Geltungsbereich haben. Irgendwo sind wir und bleiben wir ein "christlicher Club", auch wenn wir uns schon längere Zeit in keiner Kirche mehr haben blicken lassen.

Allein nach kulturellen Kriterien können die Europäer ihre Grenzen ziehen. Sie müssen das abstecken, was Europa Jahrhunderte lang nach außen hin verteidigt und damit geprägt hat.


Josef Schmid, geboren 1937 in Linz/Donau, Österreich, zählt zu den profiliertesten deutschen Wissenschaftlern auf seinem Gebiet. Er studierte Betriebs- und Volkswirtschaft sowie Soziologie, Philosophie und Psychologie. Seit 1990 ist Schmid Inhaber des Lehrstuhls für Bevölkerungswissenschaft an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Seine Hauptthemen: Bevölkerungsfragen der industrialisierten Welt und der Entwicklungsländer, Kulturelle Evolution und Systemökologie. Schmid ist u.a. Mitglied des Kuratoriums des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung, Wiesbaden, Mitglied der International Union for the Scientific Study of Population (USSP) und der European Association für Population Studies (EAPS). Veröffentlichungen: Einführung in die Bevölkerungssoziologie (1976); Bevölkerung und soziale Entwicklung (1984); Das verlorene Gleichgewicht - Eine Kulturökologie der Gegenwart (1992); Bevölkerung - Umwelt - Entwicklung. Eine humanökologische Perspektive (1994); Sozialprognose - Die Belastungen der nachwachsenden Generation (2000). Außerdem zahlreiche Veröffentlichungen in Fachzeitschriften, in der Presse und im Rundfunk.
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