Signale
Signale • Gedanken zur Zeit
Sonntag • 12:10
9.4.2004
Die Pforten der Hölle
Von Michael Stürmer

"Vieles Furchtbares gibt es, nichts ist furchtbarer als der Mensch". Was der griechische Dichter Sophokles vor mehr als zweitausend Jahren sagte, in abgründiger Verzweiflung, hat bis heute nichts von seiner illusionslosen Wahrheit verloren. Die Bilder aus Faludschah, wie zwei Geländewagen brennen, deren zivile Insassen, im Sterben begriffen, aufgehängt, geschleift, zerstückelt werden von einem vor Vergnügen tanzenden Saddam-Mob, sie haben eine Präsenz, die sich nicht leicht vergisst.

Die politischen Folgen sind eine Sache, die moralische Erschütterung eine andere. Vor einem Jahrzehnt wurde von Warlords in Mogadishu - "Black Hawk Down" - ein amerikanischer Hubschrauber abgeschossen, die Leichen der Besatzung durch die Straßen geschleift. Vor zwei Jahrzehnten wurden in Beirut 282 US-Marines in ihrem schwer befestigten Quartier durch eine Selbstmordmission getötet. Beide Male brachen die Amerikaner, weil die Fernsehbilder zu Hause unerträglich waren, und ungeachtet der Demütigung, die militärische Intervention ab - aufs Ganze gesehen nicht zum Guten der nunmehr ihren eigenen Dämonen überlassenen Länder.

Es ist unwahrscheinlich, dass diesmal die Folgen die gleichen sind. Es bleibt die fatale Frage, ob die Präsenz der westlichen Kameras die Grausamkeit befeuerte, weil sie ein Glied in der Kette der psychologischen Kriegführung des Schreckens bildete und vorkommendenfalls wieder bilden wird. Der Schrecken jedenfalls sucht, wie an "Nine/Eleven", weltweit sein Publikum. Er ist nicht privat, er wirkt erst dadurch, dass er öffentlich ist und globale Verbreitung findet. Die Botschaft lautet: Seht, so kann es Euch gehen, Ihr seid die Verlierer, Ihr haltet nicht einmal den Anblick dessen aus, was wir für Euch bereithalten.

Damit aber geht es um die moralische Erschütterung. Es zeigt sich, dass es nicht abstrakte Opferzahlen sind, an denen das 20. Jahrhundert wahrhaftig nicht geizte, Hekatomben von Toten im industriellen Krieg hingemäht, im industriellen Massenmord vernichtet, oder auch auf altmodische Weise, Feuer und Schwert, oder dem Hunger preisgegeben. Es ist die Erschütterung über das, was Menschen anderen Menschen antun, ohne Gesetz und ohne Grenze.

Jenes "Nie wieder!", welches in Feierstunden der Erinnerung rituell ertönt und der seelischen Entlastung dient, hat einen hohlen Klang. Allein in den neunziger Jahren gab es, von Srebrenica bis zu den afrikanischen großen Seen, von den Schlächtereien Saddams bis in die Diamantenkriege des Kongo Gelegenheit genug, den Worten Taten folgen zu lassen. Selten hat sich die UN ermannt, eher schon einzelne Staaten wie Großbritannien in Sierra Leone oder Frankreich, übrigens mit deutscher Logistik, in Afrika.

In der Bundesrepublik Deutschland hat man sich in den herbstlichen Tagen des Kalten Krieges die Theorie zurechtgelegt, wir seien "Zivilstaat". Wir wollten uns vorstellen, es sei Krieg, "und keiner geht hin", nach dem bekannten Wort Brechts. Der moralische Stolz des bekehrten Sünders klang darin an, die höhere Weisheit des Kaufmanns gegenüber dem Krieger, die Hoffnung auf neue Machtwährungen anstelle der alten, blutigen. Das alles war nicht ohne Eitelkeit, im doppelten Sinne des Wortes.

Aber die Bilder von Faludschah erschüttern auch deshalb, weil sie uns daran erinnern, dass der Mensch nicht so ist, wie wir ihn gern hätten. Jean Jaques Rousseau ist bis heute der Prophet der Linken, der im 18. Jahrhundert den Menschen im Naturzustand schilderte als den edlen Wilden, der, nicht korrumpiert von gesellschaftlichen Zwängen und Konventionen, nur das Edle, Wahre, Gute will. Abgrundtief pessimistisch dagegen klang schon aus dem 17. Jahrhundert die Warnung des Thomas Hobbes, der das Leben im Naturzustand beschrieb als "lonesome and poor, brutish nasty and short - auf Deutsch einsam und arm, rau, widerwärtig, und kurz. Gegen den Krieg aller gegen alle setzte Hobbes den Staat, den Rousseau später am liebsten abgeschafft hätte.

Das jüdisch-christliche Menschenbild war von jeher mehr auf der Seite des Pessimismus. Aber die Aufklärung setzte vor 200 Jahren die Hoffnung dagegen, dass Erziehung und heilsame Institutionen ein besseres Menschengeschlecht erzeugen würden. Die Französische Revolution, auf die wir doch so stolz sind, hinterließ den Europäern ein doppeldeutiges Erbe, den Terror und die Menschenrechte. Was aber ist das letzte Wort zum moralischen Zustand des Menschen? Am Ende des furchtbaren 20. Jahrhunderts bleibt die Botschaft doppeldeutig. Ohne Hobbes herrscht das Chaos, ohne Rousseau die Angst. Die christliche Botschaft des Karfreitag enthält beides, das Leiden an der Conditio humana und, für die Gläubigen, die Hoffnung auf Erlösung.

Der 1938 in Kassel geborene Michael Stürmer studierte in London, Berlin und Marburg, wo er 1965 promovierte. Nach seiner Habilitation wurde er 1973 ordentlicher Professor für Neuere und Neueste Geschichte, Sozial- und Verfassungsgeschichte; außerdem lehrte er u.a. an der Harvard University, in Princeton und der Pariser Sorbonne. 1984 wurde Stürmer in den Vorstand der Konrad-Adenauer-Stiftung berufen und zwei Jahre später zum Vorsitzenden des Forschungsbeirates des Center for European Studies in Brüssel. Zehn Jahre lang war er überdies Direktor der StiftungWissenschaft und Politik. Zu seinen Veröffentlichungen zählen: "Das ruhelose Reich", "Dissonanzen des Fortschritts", "Bismarck - die Grenzen der Politik" und zuletzt 'Die Kunst des Gleichgewichts. Europa in einer Welt ohne Mitte". Im so genannten "Historikerstreit" entwickelte Stürmer die von Habermas und Broszat bestrittene These von der Identität stiftenden Funktion der Geschichte. Stürmer, lange Kolumnist für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", schreibt jetzt für die "Welt" und die "Welt am Sonntag".

-> Signale
-> weitere Beiträge