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Sonntag • 12:10
11.4.2004
Bewegendes Pathos
Die Wiederentdeckung einer Kraft
Von Gert Ueding

Der Transrapid (Bild: AP)
Der Transrapid (Bild: AP)
"Und er schwebt doch", so überschrieb kürzlich eine große deutsche Tageszeitung ihren Bericht über die Chancen des "Transrapid"-Zuges und der Schwebebahntechnologie. Der Artikel stand im Wirtschaftsteil der Zeitung, doch dem Verfasser kommt es nicht bloß auf die ökonomisch-technischen Umstände an, er sympathisiert mit dieser Technologie, will seinen Beitrag zu ihrem Durchbruch leisten. So ist die pathetische Überschrift durchaus am richtigen Platz; sie zitiert eines der berühmtesten geflügelten Worte der europäischen Wissenschaftsgeschichte - Galileis trotziges Aufbegehren gegen seine theologischen Widersacher: "Und sie (nämlich die Erde) bewegt sich doch!" Wer aufmerksam durch das Universum unserer öffentlichen Rede flaniert, ob in Politik oder Wirtschaft, Kultur oder Wissenschaft, der hat längst herausgefunden, dass sich der Bann, mit dem pathetisches Sprechen und Schreiben Jahrzehnte belegt war, zu lösen beginnt.

Nach 1945 hatten vor allem die Deutschen ihre eigenen Schwierigkeiten mit dem Pathos. Als nach dem Krieg jener vermeintliche Nullpunkt in ihrer Geschichte schlug, entstand eine Literatur, die den Kahlschlag propagierte, und auch die öffentliche Rede tendierte zu Understatement, Kürze, Lakonie; wo sie pathetische Töne anschlug, war die Kritik mit dem Vorwurf der unheilvollen Kontinuität mit der jüngsten Vergangenheit schnell zur Stelle. Die Gründe liegen auf der Hand, die nationalsozialistische Propaganda hatte sich dieses rhetorischen Mittels reichlich bedient und es gänzlich ihren betrügerischen Zwecken dienstbar gemacht. Die Davongekommenen hörten die hohen oder schrillen Töne noch in den Ohren widerhallen, die sich überschlagenden Stimmen, das Wortgeklingel. Davon wollte man nichts mehr wissen: wie so häufig, büßte ein Instrument für diejenigen, die darauf ihr garstiges Lied spielten.

Doch scheint die Nachkriegszeit auch auf diesem Felde endgültig vorbei. Die Literatur, man denke an Botho Strauß oder Peter Handke, entdeckt die pathetisch-bewegende Rede- und Schreibweise erneut; nicht ohne Schwierigkeiten, denn die ersten Gehversuche nach so langer Abstinenz können nicht schon gleich zu vollkommenen Ergebnissen führen. Das Fernsehen, ein unbekümmerter Seismograph für Richtungsänderungen, verschleißt die großen Gefühle und vorgeblich singulären Leidenschaften gleich serienweise. Die deutsche Vereinigung markierte auch für die politische Rede den Wendepunkt: das historische Ereignis fand in Ost und West gleichermaßen seine hohe, bewegende Sprache. Doch wie ungewohnt der Umgang mit diesem rhetorischen Mittel noch ist, lässt sich auch an kulturwissenschaftlichen Publikationen bis heute ablesen: Philosophen, Sprachwissenschaftler und Germanisten wollen das unpathetische Sprechen immer noch als eine Auszeichnung verstanden wissen und ziehen eine historisch höchst fragwürdige Unheilslinie von den Befreiungskriegen über Nietzsche bis hin zu Hitler.

Die Befreiung des Pathos aus seiner kleingeistigen Tabuisierung war hoch an der Zeit: abermals nämlich drohten sich die Falschen seiner zu bemächtigen; in nationalistischen Zirkeln und faschistischen Jugendverbänden triumphierten (seit NPD und Republikaner in der deutschen Politik mitreden wollten) bereits wieder die schwülstigen Worte, die aufgeblasenen Symbole, die Scheinraserei. Genau besehen, hätten diese verzerrten Töne darauf aufmerksam machen können, dass hier ein legitimes Bedürfnis politisch verbogen wurde und nicht etwa eine Ächtung des Pathos, sondern sein richtiger Gebrauch verlangt war. Schließlich gehört die pathetische Redeweise seit jeher (genauer: seit Aristoteles) zu den drei möglichen Überzeugungsmitteln der menschlichen Kommunikation. Neben der logisch-rationalen, pragmatischen Argumentation verfügen wir noch über zwei weitere Überzeugungsmittel, nämlich die Glaubwürdigkeit unseres Charakters und unsere Gefühlsgründe, eben das Pathos; "denn ein und dasselbe erscheint nicht in gleicher Weise den Liebenden und den Hassenden", wie es Aristoteles ausdrückte. Gefühlsgründe geltend zu machen, verstand die Antike, noch weit von unserer rationalistischen Einsperrung des Menschen in seine instrumentelle Vernunft entfernt, durchaus nicht als Schande oder Manipulation: Der Mensch ist auch ein Wesen mit Affekten und emotionalen Bedürfnissen und muss als solches ernst genommen werden. Es kommt also allemal nur auf den richtigen und guten Gebrauch an - diesen zu lehren und zu überwachen, besaß man praktische Philosophie und Redekunst. Wer auf das bewegende Pathos verzichtet, verzichtet auf Entscheidung und Handlung, denn das Denken strebt nicht, und das Streben denkt nicht. Das Pathos vermittelt beide, Denken und Streben, es ist Farbe und Dynamik des Lebens. Ohne seine Beteiligung konnte nichts Großes geschehen, keine neue Entdeckung, kein schwerer Verzicht, keine humane Heldentat und kein erhabenes Meisterwerk - und auch noch die tägliche Entbehrung in einem schweren Beruf zehrt davon. "Das Gesetz hat noch keinen großen Mann gebildet, aber die Freiheit brütet Kolosse und Extremitäten aus", dichtete der junge Schiller im Sturm-und-Drang-Überschwang. Wer zu etwas bewegen will, muss bewegende Worte finden, der Krämergeist der Zahlen kommt dagegen nicht auf: zu Recht, denn er missachtet uns als fühlende Wesen, ist zudem beliebig interpretierbar. Mann kann keine Reformpolitik als Rechenexempel vermitteln - dem Volk aufs Maul zu schauen täte auch heute manchem Politiker gut. Vom "Herrn der Ringe" bis zu Mel Gibsons Passionsfilm sind die großen Publikumserfolge mit Pathos geladen. Schließlich bedeuten Pathos und Passion - auch daran sollte man sich in diesen Tagen erinnern - der Wortwurzel nach Leiden und Ergriffensein.

Gert Ueding ist Direktor des Seminars für Allgemeine Rhetorik der Universität Tübingen und Inhaber des einzigen Lehrstuhls für Rhetorik in Deutschland. Geboren 1942 in Bunzlau (Schlesien), studierte er in Köln und Tübingen und war Wissenschaftlicher Mitarbeiter und persönlicher Assistent von Ernst Bloch. Nach seiner Promotion bei Walter Jens über Schillers Rhetorik arbeitete Ueding als Wissenschaftlicher Assistent von Hans Mayer. Inzwischen habilitiert, wurde er als Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an die Universität Oldenburg berufen. 1983 ging Ueding als Professor für Allgemeine Rhetorik zurück an die Universität Tübingen, wo er seit 1988 das Seminar für Allgemeine Rhetorik leitet. Neben Studien über Schiller, Jean Paul und Wilhelm Busch veröffentlichte er u.a. "Glanzvolles Elend. Versuch über Kitsch und Kolportage", "Aufklärung über Rhetorik" und "Klassische Rhetorik".
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