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Signale • Gedanken zur Zeit
Sonntag • 12:10
12.4.2004
Auslaufmodell Familie?
Von Rolf Schneider

Rolf Schneider (Bild: Therese Schneider)
Rolf Schneider (Bild: Therese Schneider)
Es gibt die bekannte Notrufnummer der Polizei. Es gibt Telefonanschlüsse für Feuerwehreinsätze und für dringende medizinische Hilfe. Es existieren telefonische Anschlüsse für verfolgte Frauen und für Kinder in Not, so wie es auch eine Telefonseelsorge gibt. Alle diese Anlaufadressen, zu denen man noch die entsprechenden Unterbringungsmöglichkeiten zählen darf, bringen besorgte Zeitgenossen zu dem Urteil, hier würde elektronisch ausgelagert, was in früheren und besseren Zeiten ganz selbstverständlich innerhalb einer Familie ausgehandelt und beigelegt worden sei. Woraus insgesamt eine schwindende Bedeutung der Familie hervor gehe, und dies sei beunruhigend.

Hieran ist manches wahr und manches falsch. Familien sind nicht mehr so stabil wie einst. Jede dritte Ehe wird geschieden, zum Nachteil der daraus hervorgegangenen Kinder. Die Zahl der Single-Haushalte nimmt zu, dieweil die Zahl der Geburten abnimmt, zum Nachteil der Alterspyramide und des umlagefinanzierten Rentensystems. Es existieren familienähnliche Lebensgemeinschaften mit und ohne Kind, von hetero- wie von gleichgeschlechtlichen Partnern, die, wider den heftigen Protest konservativer Kreise, seit neuestem sogar rechtlichen Schutz genießen. Befindet sich die traditionelle Familie in der Krise?

Ein Blick in die Geschichte beweist: Frauen und Kinder in Not gab es auch früher schon, bloß das Angebot einer telefonischen Hilfe gab es nicht, weil es das Telefon noch nicht gab. Wenn damals die einschlägigen Konflikte im Familienkreis entschieden wurden, musste dies nicht zu Vorteil und Nutzen des Hilfesuchenden geschehen; Märchen, Volksballaden und andere literarische Zeugnisse erzählen von Beispielen familiärer Grausamkeit und den daraus resultierender Frustrationen. Die heutigen Hilfseinrichtungen mit ihren geschulten Personal und ihrem berufsbedingten Altruismus sind dem in manchen Fällen wohl vorzuziehen.

Weiterhin steht die Familie unter dem besonderen Schutz der Verfassung. Sie gilt dort als kleinste, als elementarste Form gesellschaftlichen Zusammenlebens und als Garant für die biologische Weiterexistenz eines Volkes. Sie wird steuerlich privilegiert. Zusammenschluss und Auflösung unterliegen strengen Ritualen. Verstöße gegen die Einehe sind strafbewehrt.

Unsere Verfassung folgt darin den durch das Christentum geschaffenen Vorgaben. Die Einehe, die andere Religionsgemeinschaften, etwa der Islam, so nicht kennen, erhob das europäische Hochmittelalter zum Sakrament und dadurch zur gottgewollten Einrichtung, mit dem Gebot der Unauflöslichkeit. Freilich: Daneben gab es reichlich Konkubinate, zumal in höheren Gesellschaftsschichten, und auch sie erfuhren durch entsprechende Rituale eine Bestandsgarantie. Ehen wurden nicht aus Liebe geschlossen, sondern aus wirtschaftlicher Erwägung, denn sie dienten ausschließlich dem Zusammenhalt und der Mehrung von Besitz; war keine materielle Grundlage vorhanden, fand keine Eheschließung statt. Liebe, so die Überzeugung, ergab sich irgendwann von selbst, und wenn sie sich nicht ergab, existierten neben dem Konkubinat noch reichlich andere Möglichkeiten zur sexuellen Hingabe, wie das öffentliche Badehaus und das Bordell. Die in der Ehe gezeugten Kinder wurden vornehmlich als Hilfs- und Arbeitskräfte gebraucht.

Die Familie war ein Zweckverband fürs materielle Überleben. Sie bedeutete soziale Sicherung und Gütergemeinschaft in einem. Sie war sehr viel größer als heute, und sie war anders geordnet. Das Oberhaupt stellte der Familienvater, der das Haus nach außen vertrat und innerhalb des Hauses die Rechtshoheit besaß. Ihm unterstanden: die Ehefrau, die minderjährigen Kinder, die zwar erwachsenen, aber noch nicht verheirateten Kinder sowie, falls vorhanden, das Gesinde, mithin sämtliche Bewohner eines Hauses, und auch "Haus" bezeichnete einen konkreten Rechtsbegriff.

Die Bedeutung dieser Großfamilie nahm im Verlauf der Jahrhunderte ständig ab. Für die Vereinigung zweier Eheleute wurde mehr und mehr die persönliche Zuneigung wichtig, bis sie schließlich zum entscheidenden Kriterium gedieh. Die Rechtsherrlichkeit des Familienvaters ging über an den Staat, ebenso wie viele soziale Verpflichtungen. Die fortwährenden ökonomischen und gesellschaftlichen Umbrüche in der von uns bewohnten Welt hatten ihre Rückwirkung auf das familiäre Zusammenleben, auf dessen Organisation, auf dessen Normen; der soziale Mikrokosmos ist so wandelbar wie der soziale Makrokosmos.

Dies alles sollte beherzigen, wer von der intakten Ordnung in früheren Zeitaltern schwärmt, dieweil der die Permissivität und Gleichgültigkeit heutiger Zustände beseufzt. Die Freiheiten, die wir inzwischen besitzen und die wir überwiegend begrüßen, beinhalten auch Risiken und Härten. Man darf darüber nachdenken, ob das eine das andere wert sei, doch wie immer das Ergebnis lautet: Die Dinge sind, wie sie sind, und wir müssen mit ihnen und in ihnen leben. Etwelche Korrekturen und Verbesserungen schließt das nicht aus. Bis dahin greifen wir in Fällen akuter Bedrängnis weiterhin zum Telefon.

Rolf Schneider stammt aus Chemnitz. Er war Redakteur der kulturpolitischen Monatszeitschrift Aufbau in Berlin (Ost) und wurde dann freier Schriftsteller. Wegen "groben Verstoßes gegen das Statut" wurde er im Juni 1979 aus dem DDR-Schriftstellerverband ausgeschlossen, nachdem er unter anderem zuvor mit elf Schriftstellerkollegen in einer Resolution gegen die Zwangsausbürgerung Wolf Biermanns protestiert hatte. Veröffentlichungen u.a. "November", "Volk ohne Trauer" und "Die Sprache des Geldes". Rolf Schneider schreibt gegenwärtig für eine Reihe angesehener Zeitungen und äußert sich insbesondere zu kultur- und gesellschaftspolitischen Themen.
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