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Sonntag • 12:10
18.4.2004
Die Sehnsucht nach Sicherheit
Von Wolfgang Sofsky

 Wolfgang Sofsky (Bild: privat)
Wolfgang Sofsky (Bild: privat)
Drei Unsicherheiten bedrohen das Dasein der Menschen. Katastrophen zerstören ihre Lebenswelt, Gefahren überschatten ihre Zukunft, und Risiken sind der Preis ihres Handelns. Ein Erdbeben, ein Krieg oder ein Terroranschlag bricht wie ein Verhängnis herein. Auch wenn die Katastrophe von Menschen ausgelöst wurde, ist sie für die Opfer stets ein Schlag des Schicksals. Sie zertrümmert die Grundfesten des Welt- und Selbstvertrauens. Dagegen ist nichts auszurichten.

Gefahren lassen sich manchmal noch abwenden. Eine Katastrophe ist überwältigende Wirklichkeit, eine Gefahr nur eine künftige Möglichkeit. Gegen das nächste Hochwasser lassen sich Dämme errichten, gegen drohendes Elend kann man rechtzeitig Hilfe herbeirufen, gegen Terrorzirkel die Überwachung verschärfen und Spezialkommandos einsetzen.

Gefahren wehrt man mit präventiver Aktion, gegen Risiken hilft nur strikte Unterlassung. Gefahren ist man ausgesetzt, Risiken geht man ein. Wer es darauf ankommen lässt, stellt sich der Gefahr nicht entgegen, sondern fordert sie heraus. Das Wagnis spekuliert auf ein Quentchen Glück, welches das Risiko aufwiegen soll. Lässt man jedoch die Chance verstreichen, dann erspart man sich auch das Risiko. Schäden infolge eigenen Tuns sind stets vermeidbar. Nichtstun war immer schon das beste Mittel gegen Unheil und Verantwortung.

Seitdem die Menschen die Welt für ihr eigenes Werk halten, ist ihr Leben riskanter geworden. Wagnisse sind an die Stelle von Widerfahrnissen getreten. Das Schicksal gilt nun als Schöpfung des Menschengeschlechts. Nicht höhere Fügung, sondern der Geist der Wahrscheinlichkeit scheint die Weltläufte zu regieren. Solange man Seuchen, Not und Tod für Geißeln Gottes hielt, gab es keine Hoffnung auf Sicherheit. Und solange man Katastrophen als Zufälle der Natur ansah, lag der Gedanke fern, man könne dem Unglück durch eigene Vorsicht entgehen. Doch mittlerweile gelten Unwetter, Hungersnöte, Kriege oder Wirtschaftskrisen als Unheil von Menschenhand. Immer schon lebten Menschen in einer gefährlichen Welt. Aber erst seitdem sie sich zu den Herren dieser Welt gekrönt haben, müssen sie sich das Unglück selbst zuschreiben und ihre Ängste allein bekämpfen.

Das Programm der Weltbeherrschung nährt die Illusion totaler Sicherheit. Nicht Freiheit, Gleichheit oder Brüderlichkeit sind die Leitideen heutiger Politik, sondern Sicherheit - jederzeit, überall. Der Aufwand ist beträchtlich. Zahllose Objekte und Vorschriften dienen einzig und allein der Reduktion von Gefahren. Fortwährend sind Bürokratien damit befasst, alte Grenzwerte zu überprüfen und neue zu erfinden. Lebensmittel und Medikamente, Haushalts- und Sportgeräte, Verkehrsmittel, Arbeitsplätze und Produktionsanlagen, Häuser und Wälder, Erde und Himmel, alles untersteht der Überwachung. Die zentralen Institutionen des Staates sind Organe der Sicherheit: Polizei, Justiz und Militär, Sozial-, Umwelt und Ordnungsverwaltung. Der heutige Staat ist vor allem Sicherheitsstaat.

In der Gesellschaft indes grassiert eine untergründige Todesangst. Besitz fördert die Ängstlichkeit. Je mehr man hat, desto mehr kann man verlieren. Und je länger man lebt, desto schwerer fällt der Abschied. So sind die Bewohner der Wohlstandsinseln darauf aus, das Lebensrisiko auf Null zu verringern - ein ebenso kostspieliges wie aussichtsloses Unterfangen. Alarmiert beäugen sie jede verdächtige Substanz und jedes verdächtige Subjekt.

Dennoch ist der Umgang mit der Unsicherheit alles andere als rational. Viele Entscheidungen erfolgen nach Neigung und Gespür, nicht nach dem realen Risiko. Man fürchtet Phantomrisiken wie die Gentechnologie, verleugnet aber die Gefahren des Alltags. Wissen produziert keine Sicherheit. Denn je mehr man weiß, desto mehr weiß man, was alles man nicht weiß. Zu viel Wissen blockiert das Handeln, während Unkenntnis zwar nicht vor Schaden, wohl aber vor lähmender Angst bewahrt.

Im Privaten spielen viele Zeitgenossen tagtäglich mit ihrer Lebenserwartung. Sie essen zu viel, bewegen sich zu wenig und sterben schließlich vor der Zeit. Aber sie glauben immun zu sein. Was sie kennen, gilt ihnen kaum als Bedrohung. Was man freiwillig tut, kann unmöglich gefährlich sein. Das eigene Unglück ist nichts als eine Wahrscheinlichkeit. Der wahrscheinliche Tod indes lässt gleichgültig. Er hat kein erkennbares Gesicht. Daher sind alle Warnungen vor tödlichen Lastern umsonst. Jeder denkt, dass es nicht ihn, sondern den Nachbarn trifft. Schuld an der Gefahr sind ohnehin stets die anderen.

Der Wunsch nach umfassender Sicherheit hat fatale Folgen. Der Unternehmungsgeist versiegt, man wartet und sichert sich ab. Vom Staat will der Untertan zuerst Schutz und Geborgenheit. Er soll für das Dasein vorsorgen, in der Not einspringen, vor Übergriffen bewahren. Aus dem Sicherheitsgefühl der Bürger bezieht der Staat seine Basislegitimität. Augenblicklich büßt er diesen Bonus ein, wenn ein Unglück geschieht, eine Seuche auszubrechen scheint oder ein Blutbad angerichtet wird. Sofort ertönt der Ruf nach verschärfter Kontrolle. Um sich der Staatstreue der Bürger zu versichern, erneuert die Obrigkeit ihr Schutzversprechen und nährt so die Illusion restloser Sicherheit. Strengere Gesetze werden erlassen, neue Aufsichtsbehörden eingerichtet, Polizei und Geheimdienste aufgerüstet. Doch versetzt die Nervosität des Staates die Gesellschaft in Aufregung. Wird überall kontrolliert, muss die Gefahr überall sein. Dabei ist die Wahrscheinlichkeit, bei einem Terroranschlag oder Chemieunfall getötet zu werden um viele Größenordnungen geringer als der Tod im morgendlichen Straßenverkehr. Die Sehnsucht nach Sicherheit indes endet zuletzt im Maßnahmestaat - vor dem niemand mehr sicher ist.

Wolfgang Sofsky, Jahrgang 1952, ist freier Autor und Pro-fessor für Soziologie. Er lehrte an den Universitäten Göttin-gen und Erfurt. 1993 wurde er mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet. Er publizierte u.a.: "Die Ordnung des Terrors. Das Konzentrationslager" (1993), "Figurationen so-zialer Macht. Autorität - Stellvertretung - Koalition" (mit Rainer Paris, 1994) und "Traktat über die Gewalt" (1996). 2002 erschien "Zeiten des Schreckens. Amok, Terror, Krieg", und zuletzt der Band "Operation Freiheit. Der Krieg im I-rak".

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