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Sonntag • 12:10
25.4.2004
Das Anstandsopfer
Von Cora Stephan

Cora Stephan (Bild: Sven Paustian)
Cora Stephan (Bild: Sven Paustian)
Anstand, lehrt das Lexikon, ist ein den guten Sitten entsprechendes Benehmen. Da die guten Sitten ein ziemlich weites Feld sind heutzutage, begnügen wir uns im Folgenden mit der weniger aufwendigen Definition: Anstand bezeichnet ein Verhalten, das in einer gegebenen Kultur als im weitesten Sinne angemessen empfunden wird.

Und in diesem Sinne werden die Petitessen, mit denen sich Manager, Bundesbankpräsidenten oder Politiker ihr hartes Arbeitslos versüßen, von Millionengehältern, -abfindungen oder -prämien bis hin zu gesponserten Hotelaufenthalten oder Ferienflügen, hierzulande als unanständig, also als nicht angemessen empfunden - mehr und mehr auch von denjenigen, die sich sonst nicht bei jeder mutmaßlichen Fehlbarkeit reicherer oder prominenter Mitbürger in einen Neidkomplex stürzen und zum Aufstand der Anständigen aufrufen.

Und deshalb soll auch hier nicht die übliche Bußpredigt gehalten werden - nein, wir wollen es denen da oben noch nicht einmal übel nehmen, dass sie uns Wasser predigen, aber selbst schwere Rote trinken. Sie beleidigen uns durch etwas ganz anderes: durch die Paarung von Gier und Blödheit, die sie vorführen und durch die Zumutung, ihnen dabei zusehen zu müssen.

Unsere Skandalnudeln zeichnen sich durch Wirklichkeitsferne und mangelndes Gespür für Erpressbarkeit aus. Übrigens fällt auf: es sind fast ausnahmslos Männer. Und diese Buben scheinen in einer Welt zu leben, in der man nicht wissen muss, was eine Flugreise kostet oder ein Hotelaufenthalt, ganz zu schweigen von den ganz normalen Lebenshaltungskosten eines Mittelklassehaushalts. Eine Männerwelt, in der es gang und gäbe zu sein scheint, dass gute Freunde einander teure Geschenke machen und lukrative Geschäfte zuschieben. Die große Mehrheit der Bundesbürger lebt anders, und wenn wir mal den Neid in der allfälligen Empörungsbereitschaft wegstreichen, dann bleibt das Erstaunen über das, was bei "denen da oben" offenbar alles so üblich ist.

Vor allem: wie dumm man sein darf für soviel Geld im Jahr! Oder warum vertrauen sie offenbar alle darauf, dass schon nichts herauskommt? Dabei weiß sogar unsereins: wer Mitwisser hat, und das sind naturgemäß genau jene, deren Vergünstigungen man annimmt, der liefert sich aus. So entsteht Munition, die man dem skandalerpichten Boulevard zum richtigen Zeitpunkt zuschieben kann - nämlich dann, wenn der Mohr nicht mehr nützlich ist und gegangen werden muss. Und wer kann schon sicher sein, nicht irgendwann einmal fallengelassen zu werden von den Mitmächtigen?

Die meisten der großen und kleinen Skandale der letzten Jahrzehnte beruhen auf diesem Mechanismus: da muss einer ins Gras beißen, nicht, weil er gefehlt hat, sondern weil das gesammelte Material sich dazu eignet, ihn zum Aufgeben zu zwingen. Mit Anstand und Sittlichkeit hat das alles nichts zu tun, wenn die unappetitlichen Details des Vergehens an die Öffentlichkeit gebracht und die Schweine durchs Dorf getrieben werden. Natürlich nicht, das ist reine Machtpolitik, die sich jener Medien bedient, über die man anderenfalls gern klagt, sie hätten sich heute zum Richter und Henker in einer Person aufgezwungen. Mag sein, aber sie finden immer jemanden, der sie als Undercoveragent mit Anklagematerial versorgt.

Wer nicht, auf dem hohen Ross der Moral sitzend, lediglich fehlenden Anstand im Sinne von Unsittlichkeit beklagen will, kommt nur zu einem Schluss: unsere Leitungsfiguren sind zu blöd, um das Spiel zu durchschauen, das unter dem Deckmantel öffentlicher Reinigungsrituale mit schönster Regelmäßigkeit abläuft. Und dann wären sie in der Tat nicht einen Penny ihrer Riesengehälter wert.

Einst lautete die Theorie, gute Gehälter sollen dafür sorgen, Beamte vor Bestechlichkeit zu bewahren. Spitzengehälter geben ihren Empfängern die Freiheit, sich nicht erpressbar zu machen. Wenn sie es trotzdem tun, verdienen sie das Schlachtfest ihrer öffentlichen Entlarvung mit allen Konsequenzen.

Womit wir bei einer anderen Bedeutung des Wortes "Anstand" wären: Anstand heißt auch jene Kanzel, auf die der Jäger sich begibt, um das Wild zu erlegen. Jede Anstandsdebatte bläst also auch zur Jagd, in der rituell ein großer Platzhirsch aus dem Rudel zur Strecke gebracht wird. Vielleicht lautet die Wahrheit also ganz anders: unsere männlichen Spitzenkräfte erhalten hohe Gehälter und andere Vergünstigungen nicht, weil sie einen nützlichen Job erledigen, sondern als vorsorgliche Entschädigung für den Fall, dass sie skandalträchtig zur Strecke gebracht werden. Sie sind die modernen Opfer, die nicht mehr auf dem Altar der Priester verbluten, sondern am Pranger der Medien stehen und stellvertretend für alle anderen Buße tun.

Sollten wir also nicht ihren mangelnden Anstand beklagen, sondern gar noch dankbar sein dafür, dass sie sich opfern, damit das Gemeinwesen sich über sie erheben darf?

Die Frankfurter Publizistin und Buchautorin Cora Stephan, Jahrgang 1951, ist promovierte Politikwissenschaftlerin. Von 1976 bis 1984 war sie Lehrbeauftragte an der Johann Wolfgang von Goethe Universität und Kulturredakteurin beim Hessischen Rundfunk. Von 1985 bis 1987 arbeitete sie im Bonner Büro des "Spiegel". Zuletzt veröffentlichte sie "Der Betroffenheitskult. Eine politische Sittengeschichte", "Die neue Etikette" und "Das Handwerk des Krieges".
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