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Sonntag • 12:10
9.5.2004
Hat Europa eine Seele?
Von Josef Schmid

Die Frage nach der Seele einer politischen Einheit unterstellt, dass etwas Verehrungswürdiges vorhanden sein müsste, das ihr ein höheres Leben verschafft. Die Frage unterstellt auch, dass die politische Einheit mehr verdient, mehr braucht als die Funktionalität eines Fahrkartenschalters für weite Reisen, mehr als Straßenschilder, die von Warschau nach Dublin, von Gibraltar nach Helsinki zeigen.

"Nur der Geist, der den Lehm behaucht", sagt Saint-Exupéry, "kann den Menschen schaffen." Das mag als der erste Hinweis gelten, dass die nun 455 Millionen EU-Bürger schon etwas mit sich herumtragen, das über sie selbst hinausweist. Doch womit soll der Lehm aus Eurokratie, Bürokratie, Verordnungs- und Gesetzesflut behaucht werden, damit etwas Erhabenes entsteht, etwas in die Herzen der Europäer leuchtet und über dem Streit um Fördermittel, über dem Papiergeraschel lärmender Übersetzungsbüros steht?

Doch Geist klingt in unseren Ohren nach Verstandesschärfe, Aufklärung, Psychoanalyse, und das wäre nur die eine Seite Europas; sie füllt nicht alles aus. Es muss etwas geben, das neben Geist auch noch Weltanschauung, Weltsicht und Kultur in Erwägung zieht, - das neben eigener Daseinsgewissheit die nicht weniger menschengemäße Ahnung, Vorstellung, Erzählung, die Mythen erfasst. Sie werden von Menschen in Gemeinschaft hervorgebracht, sie sind das Ursprüngliche. Kultur und Mythos haben Europa gemacht, haben das Gefühl von Innen und Außen entstehen lassen. Es war im Frühstadium Europas stark genug, um Europäer zu befähigen, Weltreiche zu schmieden und fremde Eroberer in ihre Schranken zu weisen.

Kulturen werden zum Begriff im Kampf um ihre Grenzen. Je unerbittlicher er geführt wird, umso mehr wird er zum Mythos und gibt den Gefühlen der Zugehörigkeit seine Weihe. Indem die Europäische Union ihre Grenzen erweitert, bringt sie die Frage nach den endgültigen Grenzen Europas auf. Und schon sind die Protagonisten des Allerweltsglaubens, die Überflieger des Planetarischen zur Stelle, um die Aura, die einer kontinentalen Fügung zugewachsen ist, in Frage zu stellen und sie als Abschottung und Ausgrenzung zu verdächtigen. Doch das wird nichts nützen: eine Aufklärung, die gegen die Christianisierung Europas vorgeht, sie aus der Gründungsakte streichen möchte, ist zum Scheitern verurteilt; eine Geschichtspolitik, die den Kampf um die kulturellen Grenzen Europas in die Fußnoten verbannt, ist es ebenfalls.

Wir mögen uns im Strom der Modernisierung von allerhand trennen: von nationalstaatlicher Politik, vom transatlantischen Bündnis, selbst von der gemeinsamen Währung - nur von einem nie: von den Sprachbildern Homers und vom äußeren und inneren Eindruck unserer Kathedralen und Dome - auch wenn die Asphaltstraße gegenwärtiger Massenkultur gerade diese großräumig zu umgehen scheint. Man müsste also Kultur und Mythos den fortschrittlichen Lästermäulern entwinden, doch die können ihnen gar nicht so viel anhaben. Kultur und Mythos installieren sich nämlich selbst als tiefes menschliches Bedürfnis. Sie sitzen bei der Schaffung politischer Einheiten in der ersten Reihe.
Wie können wir uns Europas Seele vorstellen? Was können wir von uns in das Seelenbild Europas hineinlegen? Wir wollen drei Visionen nachgehen, in denen wir glauben, Europas Seele aufzufinden:

Als erstes fällt uns ein Gedankengebilde der deutschen Romantik zu: Novalis träumt von der religiös-kulturellen Einheit Europas: "sie muss kommen die heilige Zeit des Friedens... bis dahin seid heiter und mutig". Friedrich Gentz möchte Europa als Universalmonarchie sehen, nicht in Nationalstaaten zersplittert. Es ist die Sehnsucht nach einem ruhigen Fahrwasser, in dem auch Hegels Weltgeist seine Heimat finden könnte.

Sodann die Sorge ums Ganze, die in Oswald Spenglers ,Untergang des Abendlandes' ausgeführt wurde und sich als Schlagwort bis heute behauptet. Doch die Sorge um das Vergehen Europas findet sich in Gedichten Romain Rolland's: "Europa, ich kann nicht hinnehmen, dass du stirbst". Enttäuschung und Verzweiflung sprechen aus diesen Zeilen, niedergeschrieben im Ersten Weltkrieg. In ihm zerstob alles, was Europa an Fortschrittsoptimismus im 19. Jahrhundert aufgebaut hatte. Und Paul Valéry setzt hinzu: "Wir Kulturvölker; wir wissen jetzt, dass wir sterblich sind".

Die dritte Vision scheint uns sehr gegenwartsbezogen: Europas Seele ist in ständiger Unruhe. Sie schiebt den Kontinent von einer Metamorphose zur nächsten, getrieben von seiner Vielgestaltigkeit und seiner Skepsis. Sich selbst in Frage zu stellen, scheint der Motor, mit dem Europa anderen Völkern davonläuft auf einem Weg zu einer begehrten Lebensform. Das bewirkt jedoch ein Leben in ständigem Aufbruch, - ein Laufen, um auf der Stelle zu bleiben, eine Unbehaustheit. Ihr müssen die Seelen der Europäer entgegenkommen und das Dauerhafte und Beruhigende im Wechsel auffinden - getreu nach Lampedusa: Es muss sich alles ändern, wenn es bleiben soll, wie es ist.

Europas Seele besteht aus diesen drei Visionen: Es muß den Zwängen aus seiner Wandelbarkeit gerecht werden, mit einer Todesangst leben, mit der sich Europa unter die denkenden Lebewesen einreiht und eine Sehnsucht nach Ruhe und Vollendung wach halten, die als notwendige Illusion einen Kreis schließt.

Josef Schmid, geboren 1937 in Linz/Donau, Österreich, zählt zu den profiliertesten deutschen Wissenschaftlern auf seinem Gebiet. Er studierte Betriebs- und Volkswirtschaft sowie Soziologie, Philosophie und Psychologie. Seit 1990 ist Schmid Inhaber des Lehrstuhls für Bevölkerungswissenschaft an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Seine Hauptthemen: Bevölkerungsfragen der industrialisierten Welt und der Entwicklungsländer, Kulturelle Evolution und Systemökologie. Schmid ist unter anderem Mitglied des Kuratoriums des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung, Wiesbaden, Mitglied der International Union for the Scientific Study of Population (USSP) und der European Association für Population Studies (EAPS). Veröffentlichungen: Einführung in die Bevölkerungssoziologie (1976); Bevölkerung und soziale Entwicklung (1984); Das verlorene Gleichgewicht - Eine Kulturökologie der Gegenwart (1992); Bevölkerung - Umwelt - Entwicklung. Eine humanökologische Perspektive (1994); Sozialprognose - Die Belastungen der nachwachsenden Generation (2000). Außerdem zahlreiche Veröffentlichungen in Fachzeitschriften, in der Presse und im Rundfunk.




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