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Signale • Gedanken zur Zeit
Sonntag • 12:10
30.5.2004
Die Zukunft der Altersvorsorge: Länger arbeiten, weniger Rente?
Zeit für Veränderungen (3)
Von Meinhard Miegel

Meinhard Miegel (Bild: Deutschlandradio)
Meinhard Miegel (Bild: Deutschlandradio)
Die Versorgung der Menschen im Alter ist kein neues Thema, doch hat es erst in neuester Zeit seine jetzige Brisanz erhalten. Während der längsten Zeit der Menschheitsgeschichte beteiligte sich der einzelne an der Wertschöpfung, so lange es irgend ging. Wer nicht bereits in der Blüte seiner Jahre durch Krankheiten oder Unfälle hinweg gerafft worden war, starb nach einer allenfalls kurzen Phase von Alter und Siechtum. Folglich bildeten nicht mehr arbeitsfähige Alte bis zum frühen 19. Jahrhundert selbst in einem Land wie Deutschland eine kleine Minderheit, die von der großen Mehrheit Erwerbsfähiger mehr oder minder problemlos mit versorgt werden konnte. Trotzdem trafen alle, die dies konnten, Vorsorge für Wechselfälle des Lebens. Sie zogen Kinder groß, unterhielten ihre Häuser und Gerätschaften und pflegten ihre Felder und Wälder, kurz: sie investierten.

Mit der starken Zunahme der Lebenserwartung im 19., insbesondere aber im 20. Jahrhundert reichten diese Investitionen nicht mehr aus. Mit der Herausbildung einer dritten, der so genannten Altenphase, stellte sich die Versorgung dieses Bevölkerungsteils mit einer zuvor nicht gekannten Dringlichkeit. Dabei geschah zweierlei: Die Altenphase wurde zunehmend nicht mehr biologisch, sondern sozial-kulturell definiert. Die Menschen sollten ein möglichst arbeitsfreies Alter "genießen" können. Und zweitens glaubte man, auf altenspezifische Investitionen weitgehend verzichten zu können. Die Beteiligung an der Versorgung der jeweils Alten sollte ausreichen, um selbst im eigenen Alter versorgt zu sein. Dieses Konzept konnte nicht aufgehen und es geht nicht auf. Die Gesellschaft ist kollektiv ist in die Irre gegangen - an ihrer Spitze die Politik.

Jetzt gilt es eine Suppe auszulöffeln, die über zwei Generationen und länger eingebrockt worden ist. Die arbeitsfreie Altenphase ist viel zu lang geworden und zugleich wurde viel zu wenig für diese Phase vorgesorgt, konkret: investiert. Allerdings trifft letztere Feststellung die Bevölkerung recht unterschiedlich. Rund die Hälfte hat nämlich alles getan, um im Alter sorgenfrei leben zu können. Sie hat eine ausreichende Zahl von Kindern großgezogen, Häuser gebaut und oft auch noch einiges auf die hohe Kante gelegt, was über vielfältige Kanäle in Forschung und Entwicklung, Infrastrukturen und nicht zuletzt Arbeitsplätze fließt. Die andere Hälfte stand hierbei nicht ganz abseits. Aber insgesamt war ihr Beitrag nicht ausreichend, um eine auskömmliche Versorgung aller Alten zu gewährleisten. Das ist der ernüchternde Befund zu Beginn des 21. Jahrhunderts.

Die Zahl der Alten, die nach der geltenden Rechtsordnung Anspruch darauf hat, von den Jüngeren versorgt zu werden, nimmt lawinenartig zu, während gleichzeitig die Zahl der Jüngeren abnimmt. Lag zum Zeitpunkt der Schaffung unseres Rentensystems das Verhältnis von Beitragszahlern zu Rentnern bei drei zu eins, so wird es sich binnen einer Generation auf ein Verhältnis von eins zu eins hin entwickeln. Jeder Beitragszahler müsste dann annähernd einen Rentner schultern. Dass das ein höchst wirklichkeitsfernes Szenario ist, bedarf keiner Begründung. Was also ist zu tun?

Die Antwort ist offensichtlich, doch fällt ihre Umsetzung schwer. Eine Bevölkerung, die in naher Zukunft fast geschlossen das 80., in starken Divisionen das 90. und in beachtlichen Zahlen das 100. Lebensjahr erreicht, eine Bevölkerung, in der mittlerweile 70-Jährige annähernd die gleichen physischen und psychischen Befunde aufweisen wie 60-Jährige vor zwanzig Jahren, eine solche Bevölkerung kann nicht erwarten, ungefähr ab sechzig für die Dauer von zwei bis drei Jahrzehnten von den Jüngeren lebensstandardsichernd versorgt zu werden. Derartiges hat es in der bisherigen Menschheitsgeschichte nicht gegeben und wird es auch künftig nicht geben.

Aber, so die prompte Frage: Gibt es denn genügend Beschäftigungsmöglichkeiten gerade für ältere Menschen? Wenn dies gewollt ist: ja. Vor allem seit Mitte des 20. Jahrhunderts ist die Erwerbsarbeit in eine immer kürzere Lebensphase gepresst worden. Das war, wie sich inzwischen zeigt, ein Fehler. Jüngere Menschen sollten mehr arbeitsfreie Zeit haben, unter anderem um sich intensiver um ihre Kinder kümmern zu können. Ältere Menschen sollten hingegen über einen längeren Zeitraum aus dem Erwerbsleben ausgleiten - von der Vollzeit- über die Teilzeit- bis zur geringfügigen Tätigkeit, die heute auch noch viele 70-Jährige ausüben können.

Noch sind Wirtschaft und Gesellschaft auf solche Lebensmuster nicht vorbereitet. Das aber muss sich ändern - es sei denn, die Erwerbstätigen sind bereit, künftig 40 Prozent und mehr ihrer Einkommen ausschließlich für Zwecke der Alterssicherung aufzuwenden. Die Gesellschaft muss verinnerlichen, dass sich die individuelle Lebenserwartung jedes Jahr um durchschnittlich sieben Wochen verlängert und deshalb 60-, 70- und selbst 80-Jährige keine randständigen Minderheiten mehr darstellen. Vielmehr sind sie tragender Bestandteil dieser Gesellschaft, was allerdings zugleich auch heißt, dass sie nach Kräften zu deren Wertschöpfung beizutragen haben.

Prof. Dr. Meinhard Miegel, geboren1939 in Wien, studierte in Washington, Frankfurt/Main und Freiburg Philosophie, Soziologie und Rechtswissenschaften. Nach der Promotion zum Dr. jur.utr. arbeitete er als Anwalt. 1973 wurde er Mitarbeiter des CDU-Generalsekretärs Kurt Biedenkopf. Von 1975 bis 1977 war Miegel Hauptabteilungsleiter Politik in der Bundesgeschäftsstelle der CDU. Seit 1977 ist er Leiter des Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft in Bonn. 1992 wurde er außerplanmäßiger Professor an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig. Neben der Mitgliedschaft in zahlreichen wissenschaftlichen
Gremien leitete er unter anderem auch die Kommission für Zukunftsfragen der Freistaaten Bayern und Sachsen. Zuletzt erschienen ist sein Buch "Die deformierte Gesellschaft. Wie die Deutschen ihre Wirklichkeit verdrängen".
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