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Sonntag • 12:10
31.5.2004
Die Macht im Wort: Glaubwürdigkeit
Von Michael Stürmer

Die Dankesrede klang wie eine Regierungserklärung, die dem Bundespräsidenten verfassungsmäßig gar nicht zusteht. Horst Köhler hat nach der Wahl am Sonntag vor Pfingsten den richtigen Ton der kritischen Lage des Landes angeschlagen, einen Grundton, der Kraft, Autorität, Herz und internationalen Schliff erkennen ließ. Wer als hoher Beamter zuerst und dann als Chef des Weltwährungsfonds, der Staaten in Schieflage Kredite bewilligt, globale Finanzarchitektur zu denken gewohnt war, der wird schwerlich ein übertriebenes Maß an Dankbarkeit und Folgsamkeit zeigen, wenn ihn die Bundesversammlung zum Präsidenten kürt. Horst Köhler ist für sein brüskes Wesen, klaren Verstand und Durchsetzungsfähigkeit bekannt. Davon bekamen die Politiker einen Vorgeschmack.

Während das Volk an den Bildschirmen die klaren Worte zur Lage der Republik, zum Defizit der Politik und die Liebeserklärung an Deutschland wahrscheinlich mit Freude zur Kenntnis nahm, dürfte bei den Politikern ein Gefühl der Beklommenheit aufgekommen sein, und es mag auch schon die Versuchung wach geworden sein, bei nächster Gelegenheit den hohen Herrn daran zu erinnern, wo die Macht wohnt - und die wohnt jedenfalls nicht im Schloß Bellevue im Berliner Tiergartenviertel. Ein Bundespräsident nach dem Willen des Grundgesetzes hat sich bescheiden zu verhalten, immer politisch korrekt, und wenn einmal ausnahmsweise nicht, dann doch immer noch Allegro moderato. So ist die Tradition, und daran haben sich alle Bundespräsidenten gehalten, auch wenn der eine und andere mitunter so tat, als wage er den Konflikt mit dem Establishment der Parteien und der organisierten Interessen.

"Ich liebe dieses Land" - die drei Worte klingen ungewohnt in einem Land, das immer noch Angst hat vor sich selbst und wo "typisch deutsch" niemals schmeichelhaft gemeint ist. Gustav Heinemann, als er Präsident wurde, sagte mit eitler Uneitelkeit, er liebe seine Frau, und damit Ende der Durchsage. Man muß wohl wie Horst Köhler, Flüchtlingskind sein, sich an das karge Brot der frühen Jahre erinnern, aber auch an Stipendien und Aufstieg und dann die internationale Karriere, um auszusprechen, dass alles dies weiß Gott nicht selbstverständlich war und ist, und dass dem Lande, das solches ermöglichte, Dank gebührt. So war diese Liebeserklärung zu verstehen, und Köhler wird daraus das Recht ableiten, künftig andere zu mahnen, wenn sie es mit der Undankbarkeit übertreiben. Beispiele des Beutemachens gibt es genug, von den Gewerkschaften bis zu den Großbanken, von den Abgeordneten bis zu den hohen Amtsinhabern.

Die Machtgeometrie des Grundgesetzes lässt dem Bundespräsidenten wenig Spielraum. Köhler wird das wissen, notfalls wird sein Staatssekretär ihn daran erinnern. Nicht Macht hat der gewählte Präsident, aber er hat Autorität. Mit der muss er indes vorsichtig umgehen, aber wenn er sie braucht, dann bitte mit vollem Einsatz. Man sagt, dass außer Worten ihm wenig zur Verfügung stehe: Sein Etat ist der bescheidenste von allen, sein Stab der kleinste. Aber dass dem Wort nicht Macht innewohne, das ist im Lande Luthers und Marx' eine ganz und gar unrealistische Behauptung. Worte können sich abnutzen, Mahnungen können ins Leere gehen, Übertreibungen blockieren sich selbst. Der künftige Bundespräsident aber hat Glaubwürdigkeit, und das ist ein knappes Gut geworden in der Krise der Politik, der Wirtschaft und des Vertrauens. Mit dieser Glaubwürdigkeit muss er sparsam umgehen. Dass er sie einsetzt, das kann man erwarten. Wenn der künftige Bundespräsident einlöst, was er jetzt versprochen hat, dann werden die Politiker sich, das kann man heut schon sagen, mehr anstrengen müssen als bisher - und das nicht nur mit Worten, sondern auch mit Werken.


Der 1938 in Kassel geborene Michael Stürmer studierte in London, Berlin und Marburg, wo er 1965 promovierte. Nach seiner Habilitation wurde er 1973 ordentlicher Professor für Neuere und Neueste Geschichte, Sozial- und Verfassungsgeschichte; außerdem lehrte er u.a. an der Harvard University, in Princeton und der Pariser Sorbonne. 1984 wurde Stürmer in den Vorstand der Konrad-Adenauer-Stiftung berufen und zwei Jahre später zum Vorsitzenden des Forschungsbeirates des Center for European Studies in Brüssel. Zehn Jahre lang war er überdies Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik. Zu seinen Veröffentlichungen zählen: ‘Das ruhelose Reich', ‘Dissonanzen des Fortschritts', ‘Bismarck - die Grenzen der Politik' und zuletzt 'Die Kunst des Gleichgewichts. Europa in einer Welt ohne Mitte'. Im sogenannten ‘Historikerstreit' entwickelte Stürmer die von Habermas und Broszat bestrittene These von der Identität stiftenden Funktion der Geschichte. Stürmer, lange Kolumnist für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", schreibt jetzt für die "Welt" und die "Welt am Sonntag".
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