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Signale • Gedanken zur Zeit
Sonntag • 12:10
20.6.2004
Das Ende der Geistlichkeit? Ich back' mir meine eigene Religion
Zeit für Veränderungen (6)
Von Hans Apel

Hans Apel (Bild: picture alliance / dpa - Horst Galuschka)
Hans Apel (Bild: picture alliance / dpa - Horst Galuschka)
Die Menschen unserer Zeit in unseren Breiten haben einen materiellen Wohlstand erreicht, der noch für uns in unserer Jugend utopisch war. Die Bitte im Vater Unser "unser tägliches Brot gib" uns heute", klingt wie Vieles wie ein Nachhall aus alter Zeit. Irrelevant für uns heute. Beten um Gottes Hilfe? Wozu das?

Und dennoch treibt den modernen Menschen Angst um: Um die Gesundheit, um den Arbeitsplatz, die Sicherung des individuellen Wohlstandes. Fatale Krankheiten, der eigene Tod werden als unabweisbares Schicksal verdrängt und möglichst totgeschwiegen. Die Lehren und die Tröstungen des Christentums scheinen nach 2000 Jahren ihre Kraft zu verlieren. Selbst der Mehrheit der jungen Pfarrer macht die wachsende Distanz zwischen ihrer Ordination auf Bibel und Bekenntnis und ihren eigenen Glaubenswelten zu schaffen.

Im 19. und 20. Jahrhundert ist für den marxistischen Sozialismus "Religion Opium des Volkes". Für Nietzsche ist "Gott tot". Doch so "tapfer" wollen die Menschen unserer Zeit nicht sein. Sie wollen sich selbst verwirklichen, als Individuen ihren eigenen Weg zum Glück suchen. Doch die Konsequenz - alles im Leben ist Zufall, nach dem Tode bleibt von uns nichts - ziehen nur wenige. Der überzeugte Atheismus spielt im Bewusstsein der Menschen kaum eine Rolle.

Übertrieben ist es, von einer neuen Konjunktur für Religion und Suche nach Transzendenz zu sprechen. Zumindest ist die Konjunktur gespalten. Einerseits laufen die beiden großen Kirchen in Deutschland, insbesondere den evangelischen Landeskirchen, ihre Kirchensteuerzahler davon, der Besuch ihrer Gottesdienste nimmt laufend ab. Andererseits wächst das Interesse am bunten Angebot religiöser Sinnvermittler und esoterischer Gruppen. Charismatische Freikirchen haben Zulauf. Dieser Widerspruch ist das Ergebnis der Privatisierung der religiösen Vorstellungen vieler Menschen in unserer Zeit. Ein fester Glaube kann stören. Religion muss pflegeleicht sein, keine einengenden Vorgaben machen. Sie muss dem individuellen Lebenszuschnitt gerecht werden. Auch aus diesem Grunde können im Verlauf des Lebens andere religiöse Anbieter zum Zuge kommen. Die Gottesbilder können wechseln, ein religiöser Flickenteppich entsteht. Der Einfluss der festgefügten christlichen Kirchen auf die Menschen nimmt ab. Nimmt aber der Friede in den Seelen der Menschen im gleichen Maße zu?

Der religiöse Testfall ist der Tod. Wir Christen vertrauen darauf, dass Jesus am Kreuz unsere Sünden weggenommen hat, dass er auferstanden ist und wir von ihm beurteilt werden zum ewigen Leben. Das wollen immer weniger Menschen glauben. Auch die evangelische Theologie scheut sich nicht, Jesu Auferstehung in Frage zu stellen. Aber was bleibt von uns, wenn wir nicht die Auferweckung der Toten von Gott erwarten? Viele erwarten ihr Weiterleben in ihren Kindern und Enkeln. Stark kann dieser Glaube angesichts der drastisch gesunkenen Geburtenraten nicht sein. Die "religiösen Renner" sind die Unsterblichkeit der Seelen und damit die Seelenwanderung. Sie verspricht uns einen neuen Anfang. Sie erklärt, dass wir im derzeitigen Leben das ernten, was wir im Leben davor gesät haben. Doch wollen die Menschen das hinnehmen?

Deshalb die selbst gebackene Religion: Die weich gespülte Nächstenliebe des Christentums ohne die stringenten Vorgaben der 10 Gebote, die reduzierte Seelenwanderung der östlichen Religionen. Dazu etwas New-Age - der "Steinbruch" der Traditionen der großen Religionen kann alles liefern und den Menschen und den Anbietern auf dem Markt religiöse Sinnstiftung Nachschub liefern für immer neue Lebensentwürfe.

Es geht aber auch simpler. Etwas Transzendenz und dazu jede Menge Aberglaube. Doch wie lange halten solche Tröstungen in einer Zeit wachsender Unsicherheit, der Suche nach Vorgaben und Festpunkten in unserem Leben, der Sehnsucht nach dauerhafter Bindung im vermeintlichen Chaos? Da ist Jesus Christus noch lange nicht aus dem Spiel, auch wenn kirchliche Gefäße zerbrechen und viele Rituale ausgedient haben. Seine Botschaft bleibt. Sie hebt sich ab von den religiösen Modetrends. Sie ist ein stetiges Leuchtfeuer für unser gefährdetes Leben.

Hans Apel, ehemaliger Bundesminister. Jahrgang 1932, studierter Volkswirtschaftler, war in den siebziger Jahren zunächst Parlamentarischer Staatssekretär im Auswärtigen Amt, anschließend Bundesfinanzminister, von 1978 bis 1982 Bundesverteidigungsminister. Ende der achtziger Jahre Aufgabe seiner Funktionen in der SPD aus politischen Gründen. Nach 1991 Honorarprofessor an der Universität Rostock für Fragen der Europäischen Integration, zudem Mitglied mehrerer Aufsichtsräte in Ostdeutschland. Apel, der 1999 aus der Evangelischen Kirche in eine Freikirche übertrat, veröffentlichte mehrere Sachbücher, zuletzt "Zerstörte Illusionen - meine ostdeutschen Jahre" und "Volkskirche ohne Volk - der Niedergang der Landeskirchen".



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