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Signale • Gedanken zur Zeit
Sonntag • 12:10
27.6.2004
Deutsche Kultur – schöner Luxus oder Zukunftskapital der Demokratie?
Zeit für Veränderungen (7)
Von Christoph Stölzl

Christoph Stölzl (Bild: AP)
Christoph Stölzl (Bild: AP)
Wer sich in Deutschland als Mensch mit Kulturneigungen bekennt, hat es gut. Der Staat, dessen Pass wir Kulturbürger tragen, bekennt sich nicht minder zu unseren Neigungen. Und zwar nicht nur in Sonntagsreden, sondern auch in der öffentlich unsichtbaren Sphäre der finanzpolitischen Marathonsitzungen. Es gibt wenig Staaten auf der Welt, die für Kunst und Kultur absolut und relativ zu den Gesamtbudgets so viel Geld ausgeben wie Gemeinden, Länder und Bund in Deutschland zusammen. Über 90 Prozent der Kulturausgaben bei uns werden aus staatlichen Haushalten aufgebracht, weniger als zehn Prozent von Privatpersonen, gemeinnützigen Organisationen oder Sponsoren. Deren Anteil an der Gesamtfinanzierung der Kultur wird meistens maßlos überschätzt - wobei man dies kulturstrategisch nicht einmal für falsch halten muss: vielleicht funktioniert beim "Tue Gutes und rede darüber!" ja die Ansteckung durch das leuchtende Beispiel.

In ungefähr 130 professionellen Symphonie- und Kammerorchestern werden jeden Abend die Bögen an die Instrumente gesetzt. Das sind, man glaubt es kaum, aber die Statistiker versichern es uns, so viele Ensembles wie im Rest der Welt zusammen. Acht große Orchester allein in Berlin, sechs im Ruhrgebiet. 150 öffentliche und über 200 private Theater, dann 37 Festspielhäuser und unzählbare Off-Bühnen erreichen mit ihren Produktionen jährlich fast 35 Millionen Zuschauer und Zuhörer. Macht man eine Stippvisite im soziologischen Seminar, Abteilung "erweiterter Kulturbegriff" und fährt dann frohgemut aus in die deutschen Lande, dann wird einem ganz schwindlig von dem Ameisengewimmel des sogenannten Brauchtums: keine Stunde ohne Bierzelt und Blasmusik und Umzug und Umritt und Wettspiel und Wettlauf.

Alles in bester Ordnung also? Chöre bereit, Sänger auf dem Sprung, sozusagen bundesweit das "Wachet auf!" vom Schluss der "Meistersinger" anzustimmen und in einen Jubel über das Weltniveau der deutschen Kultur auszubrechen? Wer sich allein auf die Statistiken verlässt, der kann sich schon einmal einsingen. Wer Statistiken misstraut, der könnte auf den Gedanken kommen, einmal zwischen den Zahlenkolonnen zu lesen. Da stellte sich zunächst die ketzerische Frage, ob die Deutschen wirklich ein Volk von Museumsbesuchern sind, wie es die gigantischen Zahlen nahe legen, die jedes Jahr von der Kulturlobby mit den geringeren - versteht sich - der Besucher von Bundesligaspielen verglichen wird. Aber sind zum Beispiel 100.000 Museumsbesucher, die Bevölkerung einer mittleren Stadt, wirklich 100.000 Individuen, die einmal im Jahr ins Museum gehen? Oder sind es nicht viel wahrscheinlicher 10.000, die zehnmal die heiligen Pforten durchschreiten? Oder gar nur 5.000 Paare gleicher Museumsleidenschaft? Damit sieht die Kulturstatistik sogleich ganz anders aus und wir landen bei der Vermutung, dass das Kulturmilieu eine kleine radikale Minderheit sein könnte. Das Spiel kann man in den anderen Kunstformen wiederholen, es wird gerade beim Publikum der sogenannten klassischen Musik nahe legen, das gute alte Wort von der Kulturelite hervorzuholen. Leider gibt es keine exakten Zahlen, aber wer sich umschaut in seinem Familienkreis, wird feststellen, dass Leute, die Bücher kaufen auch genau die sind, welche in Konzerte, ins Theater oder eben ins Museum gehen. Alles Schwellen-Senken, alle Parolen von der "Kultur für alle!" ändern nichts daran, dass die Menschen sich ihre Unterhaltungsformen selbst suchen und Kultur dabei nur eine Rolle unter vielen Konkurrenten spielt. Freilich darf man daraus auch nicht gleich die Theorie ableiten, zwischen Kulturkonsumenten und den anderen bestünden quasi ethnographische Unterschiede. Genau das aber macht das allmächtige Leitmedium unserer Tage, das Fernsehen. Was dort geschieht, ist eine dramatische Wettervorhersage für das Kulturklima der Zukunft. Das Fernsehen, ob öffentlich-rechtlich oder privat, hat sich auf die Statistik eingestellt, es gebe in Deutschland gerade einmal 19 Prozent sogenannter "echter Kulturinteressierter". Die Folge ist eine dramatische Entmischung der Programme; Kultur wandert ab in die Minderheiten-Kanäle und in exotische Sendezeiten.

Genau das gegenteilige Signal aber bräuchte unser Land. Gerüttelt von der Globalisierung, herausgefordert durch eine europäische und internationale Migration, verunsichert durch einen rapiden Wertewandel der Industriegesellschaft bedürfen wir der Kultur als Labor der Verständigung. Keine praktische Humanität gibt es ohne die ständige Vergewisserung über kulturelle Symbolik. Nichts anderes baut so gut Brücken zwischen unterschiedlichen Menschen, zwischen Fremd und Vertraut, zwischen Alt und Jung, zwischen Arm und Reich. Migranten sind wir nämlich alle, die einen mehr, die anderen weniger. Kein Leben kann gelingen ohne die Erfahrung des Glücks, einverstanden sein zu können mit gemeinsamen Bildern und Sätzen, mit vertrauten Akkorden und Mustern. Jede gemeinsame Beschäftigung mit kulturellen Werten führt zu einem Rollenspiel. Kultur ist nie etwas fix Vorgegebenes, in das man sich in Reih und Glied formiert, sondern immer ein wechselnder Text mit wechselnder Besetzung. Ohne diese Spielergemeinschaft kann es Heimat nicht geben. Und ohne Heimat, des bin ich gewiss, auch keine Demokratie. Denn was ist Heimat? Nichts anderes als der Ort, wo uns alles etwas angeht und wo der urpolitische Akt das Gespräch zwischen Nachbarn ist. Gesellschaft als bloße Addition von Minderheiten hat keine Zukunft. Darum: Der Kultur in Deutschland geht es erst dann wirklich gut, wenn ihre Rolle als demokratiestiftende Kraft endlich entdeckt wird.


Christoph Stölzl, 1944 in Westheim bei Augsburg geboren, studierte Geschichte, Literaturgeschichte und Soziologie. Er war wissenschaftlicher Mitarbeiter des Bayerischen Nationalmuseums in München und Chef des dortigen Stadtmuseums und zählte bald zu den profiliertesten Ausstellungsmachern und Museumsleitern Deutschlands. 1987 wurde Stölzl zum Generaldirektor des Deutschen Historischen Museums im Zeughaus Unter den Linden in Berlin berufen, das unter seiner Ägide mit vielen erfolgreichen Ausstellungen einen internationalen Ruf erwarb. Ende 1999 wurde Stölzl Leiter des Feuilletons und stellvertretender Chefredakteur der Zeitung "Die Welt", bis er im Frühjahr 2000 zum Berliner Kultursenator berufen wurde. Dieses Amt hatte er inne bis zum Ende der Großen Koalition im Juni 2001. Ein Jahr lang führte er den Vorsitz des CDU-Landesverbandes Berlin. Stölzl ist Vizepräsident des Berliner Abgeordnetenhauses.

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