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Sonntag • 12:10
4.7.2004
Gentechnologie und individualisierte Medizin
Zeit für Veränderungen (8) - Beitrag von Friedrich von Bohlen und Halbach
Von Friedrich von Bohlen und Halbach

Friedrich von Bohlen und Halbach
Friedrich von Bohlen und Halbach
Die Gentechnologie hat längst begonnen, unsere Gesellschaft und Kultur nachhaltig und unwiderruflich zu verändern. Von ihr wird schon von der 'dritten industriellen Revolution' gesprochen, und das ist wahrscheinlich nicht einmal untertrieben. Denn betrafen die ersten beiden eher dingliche Aspekte wie zum Beispiel Produkte und Prozesse, so adressiert die gentechnologische Revolution viel stärker individuelle Aspekte und Wahrnehmungen. Vor allem adressiert die Gentechnologie etwas, das jeden einzelnen interessiert: mein Leben und meine Gesundheit. Es geht um die Frage: Wie kann ich gesünder und länger leben?

Damit wird aber auch ein anderer Aspekt aufgeworfen: Veränderung. Veränderungen können Vorteile, aber auch Nachteile bringen. Diese Erkenntnis ist zwar trivial, aber für eine risikoscheue Gesellschaft wie die unsrige ein Problem und damit eine Herausforderung.

Das Thema Gentechnologie ist kompliziert, vielschichtig und von niemandem bisher völlig durchdrungen. Um es zu versachlichen, bedarf es einer - so gut es heute eben geht - Nutzenanalyse sowie einer ex ante ethischen Betrachtung. Beides ist nicht so einfach. Erschwerend kommt hinzu, dass das Gebiet inhaltlich komplex und für den Laien kaum wirklich verständlich ist. So ist auch nicht immer klar, ob die, die es diskutieren, auch verstehen, worüber sie diskutieren.

Das ist beunruhigend genug. Dabei wird übersehen, dass versucht wird, das Pferd von hinten aufzuzäumen. Denn ein wichtiges, das wichtigste Element überhaupt, wird im Prinzip ignoriert: der Einzelne, als Kunde, als Patient, ganz einfach als Mensch. Letztlich geht es bei der Gentechnologie und ihrer Anwendung in der modernen Medizin um das Thema Lebensqualität' insbesondere um Gesundheit und Krankheit. Das ist nun einmal - ob bewusst oder unbewusst - das wichtigste Thema für den Menschen überhaupt. Bedürfnistheoretische Abhandlungen belegen, was einem der gesunde Menschenverstand sagt. Und letztlich ist es genau das, was die Gentechnologie adressiert: sie leistet und wird noch viel stärker zu leisten imstande sein einen qualitativ bisher nicht gekannten Beitrag zum ursächlicheren und damit besseren Verständnis von Leben, Gesundheit und Krankheit. Das interessiert jeden, sicherlich nicht genau gleich und gewiss auch in der Tiefe der Ausprägung anders. Genauso wie es Menschen gibt, die vor dem Fliegen Angst haben, wird es Menschen geben, die von molekularer Diagnostik, von therapeutischem Klonieren und Stammzellenforschung nichts wissen wollen. Das wird aber auf die Dauer eine Minderheit sein; eine solche Minderheit gilt es natürlich zu respektieren. Die Mehrheit wird die Vorteile aber wissen und nutzen wollen, weil sie erkennen wird, dass es einem mit hoher Wahrscheinlichkeit hilft, länger und gesünder zu leben.

Wir werden erleben, dass man besser und verursachungsgerechter diagnostiziert und behandelt werden kann. Abgesehen davon wird die Gentechnologie helfen, logistische Probleme der globalen Nahrungsmittelverteilung zumindest teilweise zu beheben. Das alles adressiert Instinkte, die einfach nicht wegzudiskutieren sind, schon gar nicht in einer aufgeklärten Gesellschaft. Andersherum könnte man auch fragen: mit welchem Recht darf dem Einzelnem die Möglichkeit genommen werden, zu wissen und anzuwenden, was man zu seinem eigenen Vorteil wissen und anwenden kann? Wer darf sich so über die Not und den Wunsch des Einzelnen erheben und zurückhalten oder verbieten, was an sich verfügbar wäre?

Dies zeigt aber auch, wie wichtig es ist, derartig komplexe Themen, die jeden betreffen und berühren, breit zugänglich und verständlich zu machen. Unser Bildungssystem ist auf derartige umfassende gesellschaftliche Herausforderungen nicht wirklich vorbereitet. Der von uns so großzügig finanzierte Staat würde meines Erachtens am besten dazu beitragen, wenn er sich auf eine wirkliche Reform des Bildungssystems einigen könnte, die z.B. auch solche Themen früh in die Ausbildung mit einfließen lassen würden. Dies werden universelle Themen werden, auch wenn sie heute noch nicht so wahrgenommen werden.

Letztlich aber wird der Markt entscheiden. Es ist vielleicht etwas früh, dies zu erkennen oder erkennen zu wollen. Auch muss man den Begriff 'Markt' hier richtig verstehen. Wir leben schon lange nicht mehr in geschlossenen Systemen, im Gegenteil: im Zeitalter von Internet, UMTS und Satellitenkommunikation sind wir Teil des 'global village'. Deshalb lassen sich Diskussionen zwar innerhalb eines Systems zum Teil geschlossen führen, es lassen sich aber Entscheidungen nicht mehr geschlossen betrachten. Es interessiert die Welt nun einmal nicht, was wir beschließen und warum. Und es interessiert den Einzelnen bei uns auch nicht, wenn er Alternativen außerhalb unseres Systems hat. Insbesondere wenn es um sein wichtigstes Gut, seine Gesundheit geht. So funktionieren die Märkte der Zukunft, ob wir es mögen oder nicht.

Wir stehen mit der Gentechnologie vor gewaltigen Veränderungen und Herausforderungen und müssen erkennen, dass wir in Europa und insbesondere auch in Deutschland nicht gerade gut darauf vorbereitet sind. Dabei hätten wir bereits vor über 20 Jahren damit beginnen können, die Themen zu versachlichen und als zukünftige Herausforderung und Chance zu begreifen. Wir haben diese Chance bisher nicht wirklich wahrgenommen. Jetzt sind wir in einem Dilemma. Einerseits haben die USA heute mehr als zehn Jahre Vorsprung, was zu einem ungeheuren Vorteil auf Seiten der Patente und Schutzrechte geführt hat. Das wird noch teuer für uns. Andererseits wird laut Schätzungen China bereits im Jahre 2030 die USA als größten Gesundheits-Binnenmarkt der Welt überholt haben. Was zu einer Verlagerung von Produktion und know-how führen wird. Auch das wird noch teuer für uns werden.

Was ich bei uns vermisse, ist eine neue Kultur des Aufbruchs und des Mutes, eine Kultur, die uns vor 200 Jahren als Folge der Aufklärung und der sich daran anschließenden Reformen den Wohlstand beschert hat, von dem wir heute noch zehren. Es wird eine völlig andere Zukunft werden als die Vergangenheit, die wir kennen. Es liegt an uns, ob wir sie mitgestalten wollen. Oder ob wir nur mitgestaltet werden. Die Zukunft hat bereits begonnen, auch wenn viele es noch nicht so wahrnehmen.


Friedrich von Bohlen und Halbach, geboren 1962 in Essen, studierte nach Abitur und Militärdienst Biochemie und Betriebswirtschaftslehre an der Universität Zürich. Er promovierte am Institut für Neurobiologie der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich. Nach mehreren Jahren als leitender Mitarbeiter in Firmen der freien Wirtschaft arbeitete er für die LION Bioscience AG in Heidelberg, deren Mitgründer und Vorstandsvorsitzender er war. Seit 2004 ist er Projektentwickler. Friedrich von Bohlen wurde mehrfach ausgezeichnet. Er erhielt den Innovationspreis der SPD, 1998 wurde er Sieger des Start-Up-Wettbewerbs in Baden Württemberg (als Mitgründer), 1999 Entrepreneur des Jahres (Manager Magazin, Ernst&Young). 2000 bekam er den Zukunftspreis der Deutschen Bank.
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