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Signale • Gedanken zur Zeit
Sonntag • 12:10
11.7.2004
Gibt's noch Arbeit? Auf der Suche nach neuen Definitionen von Beschäftigung
Zeit für Veränderungen (9)
Von Gertrud Höhler

Gertrud Höhler (Bild: privat)
Gertrud Höhler (Bild: privat)
Arbeitslos, das ist die Hölle, nicht der Himmel, rufen Millionen Arbeitslose. Ohne Arbeit sein, das ist nicht Segen, sondern Fluch. Ohne Arbeit sein, heißt ausgestoßen sein, auch wenn man sein Auskommen hat. Wer keinen Arbeitsplatz hat, gehört nicht mehr dazu.

Es geschah im 19. Jahrhundert, dass die Arbeit an verteilte 'Plätze' gebunden wurde, außerhalb der privaten Welt. Die Industriekultur wertete das Leben um. 'Arbeitsplatz', das war bis dahin die eigene Welt mit den zugehörigen Menschen, und jeder tat seinen Teil der Arbeit. Das war Handwerk oder Landarbeit, damit verbunden Handel und Einkauf, Tausch und Kooperation. Die Industriekultur schuf einen neuen Entwurf des homo sapiens, den homo oeconomicus. Die Opfer an Lebensbalance und privatem Zusammenhalt erschienen gering, gemessen an dem Wohlstandsversprechen, das die neue Arbeitswelt durchzog wie eine visionäre Melodie.

Die neue Sozialkultur wurde ausgebaut mit dem Optimismus einer Gesellschaft, die genug leistungsstarke Erwachsene und genug Kinder hat, um auch die zu versorgen, die nicht mehr im Erwerbsleben mitwirken. Die Verbindung von Arbeitsplätzen mit Sozialleistungen erschien logisch und fortschrittlich. 'Arbeit' in der Welt der Hochöfen und Autoschmieden, der Großdruckereien und Textilfabriken, wurde 'Erwerbsarbeit'. Ein 'Arbeitsplatz' hatte einen 'Arbeitgeber' und auch der fleißigste Lohnempfänger hieß nun 'Arbeitnehmer'. Wer Arbeit so eng definiert, handelt Probleme ein. Immer größere Freizeitpakete, immer mehr Mobilität, immer mehr Einkommen, homo oeconomicus ist ja kein Tier: Das heißt, er wird niemals satt.

Langsam und stetig entgleiste derweil das Verhältnis der Generationen. Wer den Mitspieler in der Karrierewelt idealisiert, hat immer weniger Platz für Kinder. Die Koppelung der Sozialsysteme an die schmal definierten 'Erwerbsarbeitsplätze' rächt sich nun. Weil alle Belohnungen sich an den Erwerbsplatz heften, verlieren die Arbeitsplatzverlierer auch das Kostbarste: soziales Prestige, Anerkennung. Sie verlieren, wenn sie sich dem dürftigen Arbeitsbegriff unserer Tage fügen, ihr Selbstwertgefühl und ihre Ehre. Die Verengung des Arbeitsbegriffs auf bezahlte Erwerbsarbeit war das Programm für den sozialen Absturz, den wir heute erleben.

Dass 'uns die Arbeit ausgehe' können nur Leute mit diesem verengten Blick behaupten. Jeder Mensch arbeitet sich durchs Leben, er arbeitet, um die Welt zu verstehen, wie es Säuglinge und Kleinkinder tun - und neugierige Leute ein Leben lang -, er lernt und begreift, er teilt seine Arbeit mit anderen, profitiert von ihren Stärken und gibt sein Bestes, wenn er spürt: Es lohnt sich. Jeder Mensch unterscheidet bald erreichbare von unerreichbaren Zielen; er fordert nicht, wenn er nicht zum Fordern erzogen wird. Der fordernde Bürger, der sich uneinsichtig gibt, ist in Wahrheit der zornige, der enttäuschte Bürger. Sein Zorn gilt den Führungsfehlern und den Systemfehlern, in denen er nun gefangen ist. Als Arbeitsverlierer erlebt er, dass nichts, was er tut, geachtet wird, wenn es nicht bezahlt wird.

Nur eine entschiedene Umkehr der politischen Doktrin kann uns aus diesem Dilemma heraushelfen: Arbeit, so muss die Botschaft heißen, ist ein so hoher Wert für die Selbsterkundung und den Austausch zwischen den Menschen, dass sie nie mehr in den Käfig einer engen Erwerbsfixierung eingeschlossen werden darf. Die Erträge unserer vielfältigen Leistungen müssen, flankiert von arbeitsunabhängigen Sozialsystemen, gerecht verteilt werden. Jeder, auch der traditionell unbelohnte Einsatz im Gemeinwesen, berechtigt zur Teilnahme an den sozialen Sicherungssystemen.

Eine schrumpfende Gesellschaft mit hochentwickelten Bildungssystemen wird nicht mehr Menschenheere durch die Fabriktore des Kapitalismus schicken. Die Arbeit verteilt sich und sickert in Nischen: bei jungen Unternehmern, wo Innovation gemacht wird, bei Müttern und Vätern, die genau dies wieder sein wollen und nicht nur Karrierejäger im verengten Sinne. Nur so werden 'Kinderkarrieren' wieder möglich. Jeder, der konstruktiv am Zusammenleben teilnimmt, erkennt Verantwortung für sich und andere. Indem er sie wahrnimmt, wird er Nutznießer der Sozialsysteme neuen Zuschnitts. Es ist nicht weniger als eine Revolution, was vor uns liegt, wenn wir uns den steilen Abstieg in die Talsohle unserer Irrtümer ersparen wollen. Jetzt Arbeit von den Ketten des Erwerbsarbeitsplatzes befreien - weil wir diesen nie mehr an Mehrheiten vergeben können - , und jetzt die halbherzigen Reformen durch den beherzten Sprung in eine neue Gegenüberstellung von Leistung und Sozialtransfers ersetzen: Das wird die Loserkultur, in der wir uns einzurichten beginnen, aufsprengen und den 'Arbeitslosen' alter Ordnung den Verliererstempel von der Stirn nehmen. Alle, die dann mehr Verantwortung tragen, werden weniger Unerfüllbares fordern. Für einen Kanzler, der sichtlich Lust hat, Lösungen zu liefern, wäre diese Umkehr der Abwärtsspirale das attraktivste Wagnis mit hohem Erfolgspotential.


Gertrud Höhler, 1941 in Wuppertal geboren, studierte Literaturwissenschaften und Kunstgeschichte. Nach ihrer Promotion wurde sie Professorin für Literaturwissenschaft und Germanistik in Paderborn und arbeitete für Rundfunk, Fernsehen und Presse. Seit 1985 berät Gertrud Höhler Wirtschaft und Politik in Fragen der Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation, Führung und Unternehmenskultur. 1996 wurde sie 'Frau des Jahres' des Deutschen Staatsbürgerinnen-Verbandes. Sie veröffentlichte mehr als ein Dutzend Bücher, darunter 'Wettspiele der Macht', 'Herzschlag der Sieger', 'Die Entzweiung - das neue Bündnis der Geschlechter', 'Wölfin unter Wölfen. Warum Männer ohne Frauen Fehler machen' und 'Die Sinn-Macher'.
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