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Signale • Gedanken zur Zeit
Sonntag • 12:10
18.7.2004
Alt und einsam? Neue Lebensformen jenseits der Sechzig
"Zeit für Veränderungen" (10)
Von Gesine Schwan

Gesine Schwan, Präsidentin der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder (Bild: AP)
Gesine Schwan, Präsidentin der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder (Bild: AP)
Drei Tage vor meinem fünfzigsten Geburtstag fragte mich einer meiner drei - sehr geliebten - Neffen: "Na, fühlst Du Dich jetzt richtig alt?" Dabei lachte er, aber ein bisschen ernst meinte er es schon. "Ich fühle mich nicht alt," war meine Antwort. "Aber 'sechzig' wird dann wahrscheinlich doch, zumal für mich als Frau, eine Schallgrenze sein!"

Heute bin ich einundsechzig und fühle mich wohler und glücklicher als mit fünfzig. Vor allem: mehr als vor zehn Jahren lebe ich mit dem Empfinden, noch viel sinnvolle Zukunft vor mir zu haben. Beruflich und privat. Wie lange dieses "Viel" an sinnvoller Zukunft noch dauern wird, zehn, zwanzig, dreißig Jahre - es kümmert mich nicht wirklich. Natürlich wünsche ich mir eine möglichst lange Zeit und dazu Gesundheit, damit ich die Dinge anpacken kann, an denen mir liegt. Sie ist, zumal wenn man älter wird, ein Geschenk der Gnade - und ein bisschen Ergebnis des Lebensstils, vielleicht auch der Disziplin, die man sich auferlegt.

Zugegeben, ich habe gut reden: mit einem anstrengenden, aber sehr sinnvollen Beruf ist alles leichter. Und persönliches Glück kommt dazu. Nichts davon versteht sich von selbst, nichts ist von sicherer Dauer. Was lässt sich daran verallgemeinern?

Vor allem die Voraussetzung, dass das Leben jenseits der sechzig eines mit Zukunft sein soll und sein kann, mit sinnvoller Zukunft. Um mich herum leben Menschen, die ihr Berufsleben abgeschlossen haben und sich weiter als One-Dollar-Personen ehrenamtlich engagieren. Ihre Lebens- und Berufserfahrung bringen sie auf wertvolle Weise ein. Das sind keine Einzelfälle, darin kommt ein Trend zum Ausdruck.

Seit einigen Jahren, seitdem die demographische Entwicklung auch breiteren Kreisen in Deutschland aufgefallen ist, hat die so genannte Altenforschung Konjunktur. Ihre Koryphäen wie Paul Baltes, der gerade seinen 65. Geburtstag gefeiert hat und nach dem Ausscheiden als Max-Planck-Direktor nun so richtig loslegen wird, haben schon viel früher begonnen mit ausgiebigen und langfristig angelegten Lebenslaufstudien und Untersuchungen zum Alter. Sie bestätigen, was sofort ins Auge fällt, wenn man Albrecht Dürers berühmtes Bild von seiner "Mutter" mit heutigen Frauen Anfang sechzig vergleicht. Dürers anrührende faltenreiche, steinalt wirkende Mutter war 63 Jahre alt, als ihr Sohn sie malte. Sechzigjährige - Frauen wie Männer - wirken dagegen heute wie Menschen in der Mitte ihres Lebens. Das liegt nicht nur am verjüngenden Blick einer Sechzigjährigen. Die Altenstudien bestätigen die weit länger anhaltende Vitalität der Menschen im Vergleich zum vergangenen Jahrhundert, erst recht zu früheren Jahrhunderten.

Das ist angesichts der gängigen Klagen über die alternden Gesellschaften eine gute Nachricht, weil das Alter nicht einfach gleichzusetzen ist mit Plage und Pflege. Die Phasen haben sich um etwa zwanzig Jahre verschoben. Intelligenz, auch Kreativität sind nicht mehr Privilegien der Jugend. Mit Ende zwanzig verfügt man wohl über eine erhebliche intellektuelle Beweglichkeit, die zunehmende Lebens- und Berufserfahrung mit fortschreitendem Alter, die Fähigkeit, Fragen mit einem größeren Abstand behandeln zu können, bietet aber auch überaus wertvolle geistige Ressourcen, die insbesondere die Wirtschaft bisher in ihrem Jugendlichkeitswahn weitgehend ignoriert hat. Sehr zu ihrem - auch betriebswirtschaftlichen - Nachteil, wie die Klügeren, weniger Vorurteilsbereiten bereits merken. Die Tatsache, dass wir alle älter werden und dabei lebenstüchtiger und leistungsfähiger bleiben, bietet nämlich für die Zukunft Deutschlands und Europas erhebliche Chancen, die wir zur Kenntnis nehmen und nutzen sollten.

Da wir alle einen Vorrat an Lebenserfahrung ansammeln, spricht alles dafür, den ehrgeizigen Karrieredruck, der hinter den Kulissen so vieler Familien zerstörerisch wirkt, abzuschütteln und das Berufsleben über fünfzig, ja sechzig, ja bis zu siebzig Jahren hinaus auszudehnen. Wir könnten langsamer und organischer Verantwortungsfunktionen übernehmen und sie auch wieder in Stufen abbauen. Aufgeschlossene Unternehmen und Industrie- und Handelskammern haben übrigens den Vorteil bereits erkannt, den ein menschlicheres Leben für die Mitarbeiter auch dem betrieblichen Gewinn beschert. Mehr Arbeitszufriedenheit, weniger Krankheit, mehr Initiative, wenn man in der Betriebsorganisation den Raum dazu lässt, schlagen zu Buche. Man muss nicht, um den globalen Wettbewerb zu bestehen, die jungen Menschen zur sozial isolierenden Flexibilität verpflichten und als Dispositionsmaterial möglichst vernutzen, bis sie nicht mehr profitabel sind.

Wenn es gelingt, neuen Familien eine gedeihliche Chance zu eröffnen, dann bietet dies zugleich dem Leben jenseits der sechzig eine reichere Zukunft. Die berufliche Beschäftigung füllt uns länger aus, und soziale Bindungen veröden nicht so schnell, weil man in eine familiäre Abfolge eingebettet ist. Wer im Alter ohne Nachkommen lebt, wird allzu leicht einsam. Umgekehrt bieten rüstige ältere Menschen, die sich den Wirklichkeitsbezug und eine Lebensneugier bewahrt haben, den nachwachsenden Jüngeren einen Reichtum an Erfahrung und Ratschlägen, von dem sie gut und nach meiner Beobachtung auch gern profitieren. So wächst eine neue Art des gegenseitigen Respekts und der Dankbarkeit, dem Respekt vergleichbar, den die Antike den Alten zollte, aber nun eher gegenseitig, weil dialogisch und in gegenseitiger Neugier.

Seit Jahren pflegen wir wöchentliches gemeinsames Sonntags-Abendessen, das so genannte family-dinner. Wir freuen uns alle darauf, kochen abwechselnd, berichten uns gegenseitig von den Erlebnissen der Woche und sprechen, zuweilen temperamentvoll, über kontroverse Themen. Wir legen alle Wert auf diese regelmäßigen Zusammenkünfte, brauchen sie nicht zu einem Zwang werden zu lassen, um die Tradition zu erhalten. Was gibt es Schöneres, als ein Essen im Gespräch zwischen Jungen und "Alten" bei einem leckeren Rotwein ausklingen zu lassen?

Gesine Schwan, 1943 in Berlin geboren, ist Präsidentin der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder. Nach dem Studium der Romanistik, Geschichte, Philosophie und Politikwissenschaften war sie Professorin für Politikwissenschaft mit den Spezialgebieten Marxismus, Demokratietheorien und Theorien des Sozialismus; von 1993 bis 1995 leitete sie als Dekanin den Fachbereich Politische Wissenschaft der Freien Universität Berlin. Gesine Schwan ist seit vielen Jahren Mitglied der Grundwertekommission beim Parteivorstand der SPD. Sie trat bei der Bundespräsidentenwahl im Mai 2004 als Kandidatin an und unterlag Horst Köhler. Ihre wissenschaftlichen Veröffentlichungen konzentrieren sich auf normative Fragen der Demokratie und des Sozialismus, auf politische Ideengeschichte und politische Psychologie. Publizistisch hat sie sich mit Berlin-, Deutschland-, Entspannungs- und Europapolitik beschäftigt.



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