Signale
Signale • Gedanken zur Zeit
Sonntag • 12:10
25.7.2004
Rückzug ins Private?
Von Cora Stephan

Cora Stephan (Bild: Sven Paustian)
Cora Stephan (Bild: Sven Paustian)
Spätestens seit 2001 ist die deutsche Spaßgesellschaft einer Gemeinde gewichen, in der Heulen und Zähneklappern zum beherrschenden Ton gehört, wir wissen es, sehen es, hören es Tag für Tag. Fast sehnt man sich zurück nach den angeblich so unbeschwerten 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als die Aktienkurse noch täglich stiegen und die Muttermilch der Yuppies Champagner hieß, denn die Meldungen vom neuen Ernst des Lebens kommen im schwarzen Talar der Offenbarung daher. Die Party ist vorbei und die Deutschen ziehen sich bedröppelt ins Privatleben zurück. Kennen wir diese Prognose nicht schon? "Cocooning" hieß dieser Trend, als er beim vorletzten Mal erfunden wurde.

Die wenigsten sehen diesen Rückzug ins Private gern, so es ihn denn wirklich gibt. Die Gastronomie nicht - die sich den Trend zum Selberkochen doch weiß Gott selbst zuzuschreiben hat - und noch nicht einmal die Politiker, inkonsequenterweise übrigens, da viele von ihnen doch zugleich die geringe Fruchtbarkeit der Deutschen beklagen, für deren Ausübung sich bekanntlich die eigenen vier Wände am besten eignen.

Aber wir leben nun einmal in einem Lande, in dem das Private in Verruf ist. Seit ganze Bataillone von Studenten in Proseminaren zu deutscher Geschichte und deutschen Verhängnis gelernt haben, dass am Ursprung des Bösen der teutonische Hang zur Innerlichkeit liegt; seit die nach 1945 Geborenen die Ausrede der Eltern verachten lernten, man habe sich als Widerstand gegen die Durchpolitisierung unter der Naziherrschaft ins Private zurückgezogen; seit die Generationen um `68 das Wunder der Politisierung erlebten und jedes Individuelle mit dem Satz "Das sind Einzelschicksale!" diffamierten; seit die moralischen Eliten von Heute den Bürger zum Hingucken und Einmischen und Widerstand leisten auffordern, wo immer sich die unschönen Seiten der Gesellschaft zeigen - seither weiß man hierzulande, dass mit dem Rückzug ins Private die Katastrophe beginnt.

Die Jugend, barmen die Meinungshabenden dann, sei unpolitisch geworden, interessiere sich nur noch für den eigenen kleinen Beritt, von welcher Mangelhaltung aus es nicht weit ist zu Schrebergarten- und Bunkermentalität, zu ichbezogener Weltabgewandtheit, in der sich das tätige Mitleid auf eine Spende für Brot für die Welt beschränkt.

Dass die permanente Aufforderung an den "mündigen Bürger", sich einzumischen und "aufzumucken", auch etwas Totalitäres hat, kommt ihnen dabei nicht in den Sinn. Mitmachen und Mitmeinen ist zu einem Wert an sich geworden, denn man bitte nicht bezweifeln möge, denn ohne den stets einmischungswilligen Bürger ist mindestens die Demokratie in Gefahr.

Es gibt starke Evidenzen dafür, dass diese Behauptung verdunkeln soll, dass der Bürger nur da gefragt ist, wo Politik eine zusätzliche Legitimation zu benötigen meint. Ansonsten aber kommt das Große Ganze vortrefflich ohne unser Mittun aus, ja, noch nicht einmal unsere Zustimmung ist gefragt. Die so genannte Rechtschreibreform ist ein schönes Beispiel: kaum jemand will sie, außer denen, die sie erfunden haben, aber niemand scheint etwas ausrichten zu können gegen eine durch nichts als ihr Beharrungsvermögen legitimierte Instanz.

Wäre es also ein Wunder, wenn der denkende Mensch sich angesichts dessen zurückzieht in den Kreis der Nächsten und Liebsten oder auch nur in die vier Wände, die ihn schützen vor nassen Sommern, überteuerten Kneipen und Restaurants sowie den anderen Zumutungen einer Öffentlichkeit, der die Bürgerlichkeit zugunsten der Massenhaftigkeit vollständig abhanden gekommen ist? Mehr noch: gilt es das Private nicht wieder zu entdecken als einen Ort der Wahrhaftigkeit, an dem etwa Solidarität noch das ist, was das Wort einst meinte, und nicht der Propagandaruf von Lobbyisten, die Anteilnahme zuvörderst für die eigenen Interessen einklagen? Und sollten uns die wirtschaftlichen Interessen von Innenaustattern, Kochutensilienherstellern und Buchverlagen nicht ebenso am Herzen liegen wie die der Gastronomie oder Bekleidungsindustrie?

Vielleicht liegt die Wurzel fürs deutsche Unheil gar nicht in vorderster Linie in der politikabgewandten Innerlichkeit, sondern im Gegenteil - in der Unfähigkeit der Deutschen, dem Privaten Aura, Pathos, Ästhetik zu verleihen?

Sebastian Haffner jedenfalls meinte schon 1939, die Anfälligkeit der Deutschen für Totalitarismen aller Art darauf zurückführen zu können, dass sie vom Leben nichts verstünden. Die Deutschen hätten eben nie gelernt, "wie man aus eigenem lebt, wie man ein kleines privates Leben groß, schön und lohnend machen kann, wie man es genießt und wo es interessant wird."
Und deshalb - nicht nur wegen Hartz IV: Deutsche, spart die Fernsehgebühren, ladet Freunde ein und spielt wieder Mensch-ärgere-dich-nicht. Angesichts öffentlicher Zumutungen sei es gelobt, dass kleine, das große, lohnende, das private Leben.

Die Frankfurter Publizistin und Buchautorin Dr. Cora Stephan, Jahrgang 1951, ist promovierte Politikwissenschaftlerin. Von 1976 bis 1984 war sie Lehrbeauftragte an der Johann Wolfgang von Goethe Universität und Kulturredakteurin beim Hessischen Rundfunk. Von 1985 bis 1987 arbeitete sie im Bonner Büro des "Spiegel". Zuletzt veröffentlichte sie "Der Betroffenheitskult. Eine politische Sittengeschichte", "Die neue Etikette" und "Das Handwerk des Krieges".
-> Signale
-> weitere Beiträge