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Sonntag • 12:10
1.8.2004
Kriege als Beschleuniger
Der "Vater aller Dinge" und seine Impulse
Von Michael Stürmer

Französischer Atombombentest auf dem  Mururoa Atoll 1971 (Bild: AP Archiv)
Französischer Atombombentest auf dem Mururoa Atoll 1971 (Bild: AP Archiv)
Am ersten Tag des Zweiten Weltkriegs wurden noch Kavalleriesäbel geschliffen, am Ende verzehrte das nukleare Feuer zwei japanische Industriestädte mit allem lebenden und toten Inventar. Das Zeitalter von Stahl gegen Stahl war zu Ende, jedenfalls an der künftigen Hauptfront der Welt in der Epoche des Kalten Krieges. Nukleare Waffen wurden Struktur bildend.

Weder der Nordatlantikpakt noch die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, die heutige Europäische Union, wären möglich, ja überhaupt denkbar gewesen ohne diese Strukturbildung. So und nur so war die erweiterte Abschreckung möglich - die über die Weite des Atlantischen Ozeans Stalin und seine Nachfolger davon abhielt, zuerst Berlin und dann den Rest Westeuropas sich zu unterwerfen. Die Waffe aller Waffen, der Trumpf aller Trümpfe war lange genug allein in amerikanischer Hand, um den Aufbau der europäischen Gegenküste zu ermöglichen. Aus der Angst vor dem Weltuntergang entstand der lange nukleare Frieden, und als die Russen halbwegs gleichzogen, da entstand in gewagtem weltpolitischem Spiel das Zeitalter von Abschreckung und Entspannung. Und noch am Ende des Kalten Krieges zwangen die nuklearen Waffen die beiden Supermächte in einen sehr vorsichtigen diplomatischen Tango, der mit der deutschen Einheit begann und mit der Abdankung der Sowjetunion von der Weltbühne endete.

Der Krieg ist ein großer Beschleuniger der Dinge, die mächtigste Kraft der Innovation, mehr als die Konkurrenz des Marktes, die menschliche Phantasie oder die Liebe der Männer zu den Frauen. Die Atomspaltung wurde Ende 1938 erstmals in Berlin am Kaiser- Wilhelm-Institut für Chemie nachgewiesen, die Publikation folgte auf dem Fuße. Dass dies eine strategische Revolution bedeuten konnte, das ahnten die Kundigen früh. Den Deutschen Physikern fehlte es weniger an dem Willen, die Bombe zu bauen, als an den Möglichkeiten. Anders die USA: Kein Geringerer als Albert Einstein schrieb eine Denkschrift für Präsident Roosevelt und deutete die Möglichkeiten an, welche die Deutschen möglicherweise hätten, durch ein U-Boot eine Bombe in den Hafen von New York zu bringen und die Stadt zu vernichten. Daraus entstand das amerikanische Manhattan-Projekt, das zunächst gegen Deutschland gerichtet war, nach dem 8. Mai 1945 aber den Sieg im Pazifik zu sichern hatte.

'Nichts schärft den Geist so wundervoll wie der Gedanke, in 14 Tagen gehängt zu werden'. Was Dr. Samuel Johnson im 18. Jahrhundert seinen Mit-Briten sagte, hatte zweitausend Jahre zuvor der Grieche Herodot erfasst, als er den Krieg den Vater aller Dinge nannte. Das war gewiss eine Übertreibung, aber wer griechische Vasenmalerei kennt, weiß, dass sie besessen war von zwei Themen: Liebe und Tod. Es war in der griechischen Zeit, dass die Bronzemänner von den Eisenmännern besiegt wurden, und seitdem war es immer wieder der Fortschritt der Metallurgie, der Physik und Chemie, der Krieg und Frieden vorantrieb. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs fehlte es dem Deutschen Reich an Stickstoff, bis im Haber-Bosch-Verfahren der in der Luft enthaltene Stickstoff für die Granatenproduktion einzusetzen war - wie später noch für viele andere Dinge. Ohnedem hätte das Deutsche Reich noch vor Weihnachten 1914 kapitulieren müssen. Panzer entschieden das Ende des Ersten Weltkriegs. In Kombination mit systematischem Flugzeugeinsatz wurden sie Mittel der Blitzkriege, die Hitler 1939 begann. Die Briten antworteten, indem sie zum Flugzeug das Radar als Führungsinstrument hinzufügten und die Luftwaffe ausmanövrierten. Es folgte der Bombenkrieg. Aber die Luftwaffe antwortete wiederum mit der Jet-Engine, die ersten Düsenjäger fegten über den Himmel, und mit V1 und V2, unbemannten Flügelbomben, da wurde schon ein neues Kapitel von Krieg und Frieden aufgeschlagen. Denn zu deren modernen Nachfahren gehören nicht nur Raketen aller Reichweite, sondern auch Cruise Missiles, jene Flügelbomben, die dem Gelände folgen und in ihrem Suchkopf durch moderne Informationstechnologie ein geographisches Profil eingespeichert haben, das sie ins Ziel lenkt. Es war nicht ohne Grund, dass am Ende des Zweiten Weltkriegs Russen und Amerikaner sich in einem Wettlauf befanden um deutsche Technik und Technologien. Sie wussten: Der Krieg ist der größte Beschleuniger der Dinge, auch im Frieden. Oder ist die moderne Welt, globalisiert und in Echtzeit pulsierend, denkbar ohne die Technologien des Krieges?

Wenn der Krieg aber der Vater aller Dinge ist, dann ist er ein grausamer Vater, und Dank gebührt ihm nicht. Aber zuerst und zuletzt ist es nicht der Krieg, der alles beschleunigt, sondern es sind die Menschen, wie sie sind und waren und wahrscheinlich immer sein werden.

Der 1938 in Kassel geborene Michael Stürmer studierte in London, Berlin und Marburg, wo er 1965 promovierte. Nach seiner Habilitation wurde er 1973 ordentlicher Professor für Neuere und Neueste Geschichte, Sozial- und Verfassungsgeschichte; außerdem lehrte er u.a. an der Harvard University, in Princeton und der Pariser Sorbonne. 1984 wurde Stürmer in den Vorstand der Konrad-Adenauer-Stiftung berufen und zwei Jahre später zum Vorsitzenden des Forschungsbeirates des Center for European Studies in Brüssel. Zehn Jahre lang war er überdies Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik. Zu seinen Veröffentlichungen zählen: "Das ruhelose Reich", "Dissonanzen des Fortschritts", "Bismarck - die Grenzen der Politik" und zuletzt "Die Kunst des Gleichgewichts. Europa in einer Welt ohne Mitte". Im so genannten "Historikerstreit" entwickelte Stürmer die von Habermas und Broszat bestrittene These von der Identität stiftenden Funktion der Geschichte. Stürmer, lange Kolumnist für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", schreibt jetzt für die "Welt" und die "Welt am Sonntag".
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