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8.8.2004
Ronaldo, Schumacher und Kant oder: Sport als ästhetische Erfahrung
Von Hans Ulrich Gumbrecht

Michael Schumacher, Autorennfahrer (Bild: AP)
Michael Schumacher, Autorennfahrer (Bild: AP)
Haben Sie sich schon einmal gefragt - im Ernst gefragt, meine ich, warum Sie unbedingt das nächste Fußballspiel oder noch ein Formel-I-Rennen sehen müssen, obwohl Sie dringende Arbeit zu erledigen haben und außerdem wirklich müde sind? Es ist eigenartig, aber statistisch wahrscheinlich, dass Sie dazu, falls Sie ein Sport-Fan sind, keine ernsthafte Meinung haben. Und es ist wohl noch bemerkenswerter, dass Sie dazu eher eine Antwort parat haben werden, falls Ihnen nichts am Sport liegt. Die Standard-Antworten von Sport-Gegnern beruhen fast immer auf pop-psychologischen Unterstellungen, welche den Kontrast von Siegen und Niederlagen in den Vordergrund rücken. Etwa, dass Sportbegeisterung ein Symptom für den allgemeinen Erfolgsdruck in modernen Gesellschaften sei; oder auch, dass es Verlierer im Alltag nötig haben, sich am Wochenende mit Siegertypen zu identifizieren. Natürlich kommt es für die Fans nicht in Frage, sich solche Deutungen an den Hut zu stecken. Aber warum haben sie kaum je intelligentere Gegen-Meinungen?

Die Antwort auf die Frage, warum ein Fan keine Meinung zu seiner eigenen Begeisterung braucht, ist aber schon eine Teil-Antwort auf die ursprüngliche Frage, warum den Fans soviel am Sport liegt. Fans brauchen keine Meinung zu ihrer eigenen Begeisterung, weil Tennis oder eben auch Fußball als Zuschauer zu verfolgen, zu jenen Beschäftigungen gehört, die ohne explizite Zweckbestimmungen auskommen (und für die man sich deshalb auch leider, wir so unschön sagen, "nichts kaufen kann”). Solche Beschäftigungen sind, um eine Formulierung von Immanuel Kant zu verwenden, getragen von "interesselosem Wohlgefallen.” Natürlich soll das Wort "interesselos” hier nicht bedeuten, dass man sich - für den Sport zum Beispiel - nicht wirklich interessiert. Es verweist einfach auf den Umstand, dass solches Interesse auf Distanz gesetzt ist gegenüber all jenen Zwecken, die wir mit klarer Zielrichtung im Alltag verfolgen (und für deren Erreichen wir uns meistens dann auch "etwas kaufen können”).

"Interesseloses Wohlgefallen” hingegen ist der zentrale Begriff in Kants Beschreibung des ästhetischen Urteils. Sportbegeisterung als einen Fall von "ästhetischer Erfahrung” zu beschreiben, das werden Sie wohl für einigermaßen überzogen halten, wenn Sie kein Sportfan sind. Und wahrscheinlich fühlen Sie sich als Sportfan auch nicht besonders wohl mit dieser Einordnung. Aber schieben Sie Ihren Protest doch bitte für einen Moment auf.

Es ist nämlich ganz erstaunlich, wie genau die Sportbegeisterung auch Kants anderen Bestimmungen der ästhetischen Erfahrung entspricht. So nennt er das ästhetische Urteil ein Urteil, das keiner Begriffe und objektiven Kriterien bedürfe, sondern auf einem "inneren Gefühl” beruhe. Und den Fans unter Ihnen ist es wohl schon einmal aufgefallen (und vielleicht sogar peinlich gewesen), dass Sie tatsächlich nicht genau sagen oder gar "beweisen” können, warum Sie etwa das "Tor des Monats” schön finden - selbst wenn es eine Niederlage Ihrer Lieblingsmannschaft eingeleitet haben sollte. Obwohl Sie selbst also keine Worte dafür haben, unterstellen Sie auf der anderen Seite, dass jeder Fußballkenner dieses Tor so schön findet wie Sie. Ohne eine solche Unterstellung würde sich das Fernsehen mit "Toren des Monats” ja sehr unbeliebt machen. Und auch an diese Unterstellung hat Kant gedacht. Denn er merkt an, dass wir alle beim ästhetischen Urteilen mit der Beistimmung aller anderen rechnen - obwohl sich Kunstfreunde (oder Sport-Freunde) in Wirklichkeit gar nicht immer so einig sind.

Und was ist es schließlich am Fußball (oder an einem Formel I-Rennen), das wir "schön” finden? Es sind, hätte Kant wohl geantwortet, Formen, welche "zweckmäßig” wirken, ohne einen wirklichen "Zweck” zu haben. Wenn Sie für einen Moment vergessen können, wie viel Ronaldo pro Tor und Schuhmacher pro Kilometer verdienen, dann wird Ihnen das sofort einleuchten. Denn als genießender Fan können Sie sich ja wirklich gar nichts kaufen für die Bewegungen und die Siege ihrer Lieblingssportler. Für Sie, die Fans, hat der Sport wirklich gar keinen "Zweck.” Aber gerade das erlaubt es Ihnen zu sehen, wie wunderbar zweckmäßig die Bewegungen der großen Sportler sind oder sein können.

Sind Sie nun immer noch dagegen, Sport-Begeisterung als einen Fall ästhetischer Erfahrung in den Blick zu bringen? Voraussichtlich wird es stets Leute geben, die nichts im Ernst "schön” finden können, das nicht zwischen zwei Buchdeckel, in ein Museum oder auf eine Bühne gehört. Den meisten Sport-Fans aber wäre es zunächst wohl einfach peinlich, mit der gestelzten Beflissenheit von Wörtern wie "ästhetische Erfahrung” assoziiert werden. Und es würde dem Spaß am Sport auch gar nicht schaden, wenn dies so bliebe. Andererseits, verehrte Sport-Liebhaber: wäre es nicht ein ganz besonderes Vergnügen, die blaulippigen Ästheten zu beunruhigen mit der Wahrheit, dass ein Tor von Schalke 04 so schön sein kann wie ein Schluss-Akkord der Berliner Philharmoniker?

Hans Ulrich Gumbrecht zählt zu den deutschen Literaturwissenschaftlern mit internationalem Renommee. Er studierte Romanistik, Germanistik, Philosophie und Soziologie in Deutschland, Spanien und Italien, lehrte dann an den Universitäten Konstanz, Bochum und Siegen. Seit 1989 ist er Inhaber des Lehrstuhls für vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Stanford in Kalifornien.

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