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Sonntag • 12:10
15.8.2004
Der hilflose Antikapitalismus
Von Wolfgang Sofsky

 Wolfgang Sofsky (Bild: privat)
Wolfgang Sofsky (Bild: privat)
Der Kapitalismus hat einen ruinösen Ruf. Man empört sich über die Gehälter einiger Manager, beschimpft gewissenlose Währungsspekulanten, beschwert sich über die Vaterlandsverräter, die im Ausland investieren, weil dort Löhne und Nebenkosten niedriger sind als hierzulande. Gewinne sind ohnehin verdächtig, Renditen nichts als Teufelswerk. Profite können unmöglich mit rechten Dingen zustande kommen, Spekulation gilt als Betrug, stagnierende Löhne entfachen einen Proteststurm.

Im öffentlichen Schaukampf der Privatinteressen bedient man sich gerne volkstümlicher Ressentiments. Sie gewinnen sofort Beifall, wenn sie moralisch aufgeladen sind. Hier die staatlich geförderte Massenarmut, die schweißgebadeten Lohnsklaven, die tragischen Opfer globaler Ausbeutung; dort die Profitgeier und Großmagnaten, die Glücksritter auf dem Börsenparkett, die Zigarren qualmenden Bosse in Maßanzügen und Luxuslimousinen. Je härter der Verteilungskonflikt, desto persönlicher werden die Zerrbilder. Es genügt schon die kleine, triumphale Geste eines siegesgewissen Bankkaufmanns, um bundesweit Empörung auszulösen. Damit ist die intellektuelle Schwundstufe der Kapitalismuskritik erreicht. Man hält die Wirtschaft allen Ernstes für eine Institution der Sittlichkeit, mokiert sich über die Habgier ihres Führungspersonals, appelliert an die Vaterlandsliebe der Charaktermasken und fordert - wie zu Beginn der Arbeiterbewegung - den gerechten Lohn.

Lässt man die Parolen beiseite, zeigt sich das Ende einer Illusion. Über Jahrzehnte glaubte man, Freiheit und Eigennutz durch den nationalen Wohlfahrtsstaat zähmen zu können. Noch immer wird erwartet, der Staat könne Arbeitsplätze und Wachstum schaffen. Der Konsensdemokratie entsprach die Ideologie der Sozialen Marktwirtschaft. Jedermann verhieß man wachsenden Wohlstand bei immer weniger Arbeit, versprach einen sicheren Dienstplatz und erklärte sich selbst zum Hüter des ewigen Burgfriedens. Und nun ist man bass erstaunt, dass nach dem Fall des nationalen Schutzwalls die globale Konkurrenz auf die Wohlstandsinseln zurückkehrt. Europa ist nicht mehr der Ausgangspunkt ökonomischer Expansion, sondern ein Kampffeld unter anderen. Auch hierzulande kennen die Bewegungsgesetze des Kapitals keine Gerechtigkeit, sondern nur den Zwang zur Konkurrenz.

Mit Wehklagen ist dem Kapitalismus nicht beizukommen. Strukturen kennen keine Moral. Der Motor der kapitalistischen Produktionsweise ist die Rivalität. Unaufhörlich revolutioniert sie die Wirtschaft von innen heraus, und zwar nicht nur durch den Wettbewerb um Preise und Käufer, sondern vor allem durch den Kampf um neue Technologien, Versorgungsquellen und Organisationsformen. Die kapitalistische Entwicklung ist ein Prozess der schöpferischen Zerstörung. Wachstum kostet Verluste, Fortschritt ist Aufruhr. Alle Geschäftsbedingungen stehen zur Disposition. Jede Verjüngung bedeutet das Ende der alten Produkte, des alten Wissens und des alten Personals. Wer dem Zwang zur Profitmaximierung nicht folgt, scheidet früher oder später aus. Wer in dieser Konkurrenz zu spät kommt, den ereilt der ökonomische Tod.

Wirtschaft ist ein riskantes Geschäft. Dies gilt für Güter-, Finanz- und Arbeitsmärkte gleichermaßen. Der Preis für die Ware Arbeitskraft richtet sich nach Angebot und Nachfrage. Steigt das Angebot, fallen die Löhne, steigt die Nachfrage, steigt auch der Lohn. Dieser Mechanismus ist durch das Kartell der Tarifpartner vielfach außer Kraft gesetzt. Gewerkschaften sind ein Interessenverband der Beschäftigten gegen die Kapitaleigner - und gegen die Unbeschäftigten. Erwerbslose haben von ihnen wenig zu erwarten. Gewerkschaften sind ihren Mitgliedern verpflichtet. Für sie erzielen sie höhere Löhne, Beschäftigungsgarantien oder Vorkehrungen des Arbeitsschutzes. Gerechte Löhne haben sie noch nie erstritten. Auf dem Arbeitsmarkt erhält man nicht, was einem zusteht, sondern was der Vertragspartner zahlen will. Von Verdienst nimmt der Markt keine Kenntnis. Harte Arbeit, Zuverlässigkeit, Geschäftssinn, waghalsiges Spekulieren, die Prostitution aller Talente, all dies wird manchmal vergolten und manchmal nicht. Daraus folgt jedoch nicht, dass der Markt abgeschafft gehöre, sondern dass niemand wegen seiner Herkunft oder seiner fehlenden Marktmacht von dessen Chancen abgeschnitten werden darf. Nicht Gerechtigkeit, sondern Gelegenheit ist das Prinzip freier Märkte.

Lohnarbeit fördert die Apathie. Dem Lohnabhängigen fehlt die Chance, über sein eigenes Leben zu bestimmen und sich durch höhere Leistung einen Extragewinn zu verschaffen. Risiko lohnt sich für ihn nicht. Er gewinnt nichts, wenn sein Unternehmen floriert. Ihm bleiben nur die Leiden des Misserfolgs. Weder die Verantwortung für den Gewinn noch der Stolz auf die vollbrachte Leistung gehören ihm. So strebt er vor allem nach Sicherheit - und nach Verringerung seines Einsatzes. Wem die Erfrischungen des freiwilligen Risikos vorenthalten bleiben, setzt nicht auf Arbeit, Disziplin und Initiative, sondern auf Freizeit und Konsum, und wenn ihm hierzu das Geld fehlt, dann zeichnet er einen Kredit. Der heutige Pumpkapitalismus wird durch das Lohnsystem nur begünstigt. Erst kommen die Schulden, dann der Genuss, schließlich die Arbeit.

Der Kapitalismus ist eine expansive Bewegung. In jede Sphäre dringt er ein, alles sucht er in eine Ware zu verwandeln. Denn Geld antwortet auf alle Dinge. Es ist der allgemeine Kuppler, der alle moralischen Schranken durchbricht und manchmal schändliche Verbindungen schafft. Will man Politik, Recht oder Religion von der Macht des Geldes frei halten, muss man die Despotie des Marktes begrenzen. Dies ist einfacher, als den Imperialismus des Staates einzuhegen. Die Händler aus dem Tempel, der Lobby oder den Behörden zu jagen, ist etwas anderes, als die Straßen, Marktplätze, Werkshallen und Bankschalter mit Polizisten, Beamten oder Tugendwächtern zu bevölkern. Mit den alten Plänen und Parolen verstaatlichter Gerechtigkeit jedenfalls kann man es mit dem Kapitalismus von heute nicht mehr aufnehmen.

Wolfgang Sofsky, Jahrgang 1952, ist freier Autor und Professor für Soziologie. Er lehrte an den Universitäten Göttingen und Erfurt. 1993 wurde er mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet. Er publizierte u.a.: "Die Ordnung des Terrors. Das Konzentrationslager" (1993), "Figurationen sozialer Macht. Autorität - Stellvertretung - Koalition" (mit Rainer Paris, 1994) und "Traktat über die Gewalt" (1996). 2002 erschien "Zeiten des Schreckens. Amok, Terror, Krieg", und zuletzt der Band "Operation Freiheit. Der Krieg im Irak".
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