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Sonntag • 12:10
22.8.2004
Der Wille zur Verantwortung
Von Reinhard Kreissl

Wer war's, wem kann man die Schuld geben, wer sind die Väter und Mütter des Scheiterns? Der beste Kandidat war seit jeher das Wetter - das erklärt den Stau auf der Autobahn, die niedrige Wahlbeteiligung, den ausbleibenden Rückgang der Arbeitslosenzahlen. Früher machte man gelegentlich die Gesellschaft und die von ihr verantworteten Verhältnisse verantwortlich. Jeder Ladendieb konnte mit dem Verweis auf seine traurige Kindheit das Herz seiner Richter erweichen - er konnte nicht anders, als auf die schiefe Bahn abgleiten und daher war eine harte Strafe unangemessen, was er brauchte war Hilfe.

Heute hingegen herrscht eine widersprüchliche Rhetorik, man beschwört die Verantwortung des Einzelnen. Ein jeder sei seines Unglückes Schmied und also selbst verantwortlich. Ansprüche darf man nur an sich selbst stellen. So mag der Arbeitslose sich seine Arbeitslosigkeit zurechnen lassen, der Kranke seine Krankheit, der Arme seine Armut - hätten sie sich rechtzeitig um Job, Gesundheit und Einkommen gekümmert, ginge es ihnen besser. Verantwortung, so die Rhetorik, wird am anderen Ende der ökonomischen Herrschaftsordnung übernommen. Die Stirn in Sorgenfalten gelegt erklären die Vorsitzenden der globalen Unternehmen am Montag den notwendigen Abbau von Arbeitsplätzen mit dem Verweis auf ihre Verantwortung im Angesicht der ehernen Gesetze des Marktes, um am Dienstag den Einbruch des Aktienkurses mit den Unberechenbarkeiten eben dieses Marktes zu begründen. Der schwarze Peter der Verantwortung wird je nach Bedarf von der Politik auf die Wirtschaft, von dort wahlweise wieder zurück oder auf die Verhältnisse, den Weltmarkt oder andere magische Verursacher geschoben. Was waren das für Zeiten, als Führungskräfte mit gebührendem Pathos die Verantwortung übernahmen und die Konsequenzen zogen. Es muss ja nicht gleich der Sprung aus dem obersten Stockwerk der Konzernzentrale sein, ein würdevoller und Rücktritt von der verantwortungsvollen Position mit entsprechenden finanziellen Folgen würde ausreichen.

Offensichtlich verhält es sich so: Diejenigen, die für die Verhältnisse im Großen und Ganzen verantwortlich sind, ziehen sich auf die Position zurück, alles sei unübersichtlich und unberechenbar geworden, der Markt - wenn wir den nicht hätten - schlägt uns immer wieder ein Schnippchen. Es herrscht die desorganisierte Entverantwortlichung. Diejenigen, die nur für sich selbst verantwortlich sind, sollen die Verantwortung auch übernehmen und ansonsten sehen wo sie bleiben.

Während das öffentliche Moralisieren um die Frage der Verantwortung kreist und ein Menschenbild des rational kalkulierenden homo oeconomicus propagiert, eines Menschen, der die Folgen seines Handelns bedenkt und abwägt, bastelt die Wissenschaft an einem neuen Humunculus. Die Forschung in der Gestalt der populären Neurowissenschaften greift den Unterbau der moralisch begründeten Zurechnung an und stellt den freien Willen, jenes mysteriöse Zentrum aller unserer Entscheidungen, in Frage. Letztlich, so heißt es, sind Gründe und Motive, ist alles, was wir zur Rechtfertigung unseres Handelns vorbringen, nur nachgeschoben. Bevor das bewusste Überlegen einsetzt, habe die Biologie des Gehirns bereits alles entschieden. Auch hier ist eine Ökonomie am Werke, diesmal aber ist es eine der Triebe und Säfte. Unser Meinen und Wollen ist reine Ideologie, hinter den vermeintlich guten Gründen lauern die ursprünglichen Ursachen. Die ersten Einschläge dieser biologischen Wende sind im Strafrecht zu beobachten. Unser Ladendieb kann jetzt seinen Hormonspiegel ins Feld führen und statt auf eine gute Ausbildung und einen Arbeitsplatz hat er vielleicht Anspruch auf eine Behandlung seiner neurobiologisch diagnostizierten Fehlfunktionen.

Was aber wird dann aus der Verantwortung, wen kann man haftbar machen? Was heißt es, wenn der Mensch nicht mehr als Herr seiner Sinne gilt, sondern diese ihn beherrschen? Auf Fragen dieses Typs fehlen gute Antworten. Wenn es im Inneren keine Instanz gibt, die zur Verantwortung gezogen werden kann, dann muss man von außen steuern und kontrollieren. Die sich abzeichnende biologische Wende ist eine Wende zum Expertentum. Aber ist es nicht widersprüchlich, wenn einerseits das hohe Lied der Verantwortung gesungen wird, und man andererseits die biologische Determinierung jeglichen menschlichen Handelns behauptet? Schließen sich diese beiden Ansätze nicht aus? Betrachtet man beide in der Perspektive von Herrschaftstechnologien, dann zeigt sich eine perfekte Ergänzung. Sowohl die aktuelle Verantwortungsrhetorik, als auch die Biologisierung des Menschen zeichnen ein Bild der Welt, das keine Alternativen zum Status quo ermöglicht. Die Dinge sind, wie sie sind, die Armen arm, die Dummen dumm und die Bösen böse, sie haben es sich selbst zuzuschreiben und wer da kommt und von der Utopie einer anderen, besseren Gesellschaft schwadroniert, dem treten die Voodoopriester der Ökonomie und Biologie entgegen und verweisen auf die unhintergehbare individuelle Selbstverantwortung und die Macht der Körpersäfte. Veränderungen können wenn dann nur von außen geschehen: durch frühzeitige Anpassung an die Erfordernisse des Marktes oder an die Notwendigkeiten der biologischen Funktionen. Die altehrwürdige Vorstellung, dass Aufklärung die Befreiung des Menschen aus selbst verschuldeter Unmündigkeit durch den öffentlichen Gebrauch der Vernunft sei, kehrt sich in ihr Gegenteil um: unter dem Deckmantel einer anthropologischen Bescheidenheit möge man sich in das Unvermeidliche fügen und die eherne Kraft der Verhältnisse anerkennen. Glücklich diejenigen, die das Schicksal auf die Sonnenseite gespült hat - allen anderen empfehlen wir den verantwortungsvollen Umgang mit Hormonpräparaten gegen depressive Verstimmungen.

Dr. Reinhard Kreissl, geboren 1952, ist Soziologe und Publizist. Studium in München, Promotion in Frankfurt/Main. Habilitation an der Universität Wuppertal. Kreissl hat u.a. an den Universitäten San Diego, Berkeley und Melbourne gearbeitet. Er hat zahlreiche wissenschaftliche Publikationen verfasst und schrieb regelmäßig für das Feuilleton der "Süddeutschen Zeitung". Letzte Buchpublikation: "Die ewige Zweite. Warum die Macht den Frauen immer eine Nasenlänge voraus ist".

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