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Signale • Gedanken zur Zeit
Sonntag • 12:10
29.8.2004
Neid ist geil!
Von Eva Demski

Er hat wieder ein Buch geschrieben, der Idiot. Und wieder werden ihm bereitwillig Quadratmeter von Feuilletonseiten überlassen, in denen die Sachwalter der Literatur sich wortreich über die Hervorbringung beugen, respektvoll und unbegreiflich neugierig. Das naheliegende, das erleichterndste aller Gefühle ist aber streng verboten: Neid. Neid ist hässlich, quittengelb, gesellschaftlich unmöglich und darf niemals, niemals zugegeben werden. Versuche, ihn hinter dem durch die Werbung sanktionierten Geiz herzuschleppen (wenn der jetzt geil ist, kann's der fast gleich klingende Neid doch auch sein!) sind bisher misslungen. Wie nützlich und Leber schonend wäre es, zu sagen: Ich bin rasend vor Neid! Ich möchte für meine wunderschönen, intelligenten und bezaubernden Werke endlich die gleiche Aufmerksamkeit wie der Idiot mit seinem grobschlächtigen und banalen Geschreibsel. Und vor allem bin ich neidisch auf die viele Kohle, die der Idiot kriegt. Aber das darf man nicht einmal denken. Erstens ist das sehr deutsch, wir sind nämlich eine Neidgesellschaft, das sagen die Vorstände von Industrie und Banken immer wieder, wenn sie sich die Bezüge erhöhen.

Zufriedenheit ist eine immer wieder eingeforderte Tugend. In Amerika zum Beispiel sind alle zufrieden, sie winken freudig von ihren mageren Feldern aus den Stretchlimousinen zu und bewundern neidlos bei Fritten die Trumps, die im Fernsehen beim Verzehr ihrer Wohltätigkeitshummern zu sehen sind. Ja, der Amerikaner kennt keinen Neid. Deswegen müssen wir versuchen, ihn aus uns zu vertreiben, die böse kleine gelbe Stimme abzuwürgen, die da sagt: Ich möchte auch einmal fünfhunderttausend Euro Abfindung kriegen, weil ich meinen Job nicht kann. Ich kriege nämlich dafür, dass ich ihn kann, nur ein Tausendstel davon in der Woche. Und deswegen bin ich neidisch, jawohl!

Neid gilt als eine der Todsünden, aber warum? Ist er nicht, richtig eingesetzt, ein notwendiges Gewürz? In einer moderaten Dosis anspornend, ein Zuviel allerdings lähmend: Das hat er mit anderen durchaus angenehmen Drogen gemeinsam. Zum Beispiel im Schwimmbad: Der wohlangewandte Neid gibt sich angesichts schöner Leiber nicht mit dem üblichen Geschwätz ab: Die ist ja magersüchtig! Mein Mann mag keine so Dünnen! Lass die erst mal Kinder kriegen! Nein, der wohlangewandte Neid sagt: Ich bin neidisch! Ab heute keine Pizza mehr. Der ungeile Neid grämt sich: Ich bin neidisch, sagt er. Sagt es eine hässliche Stunde lang und isst dann eine Pizza mit allem. Und weil schon alles egal ist, noch ein Magnumeis.

Neid ist geil. Man sollte ihn sich nicht mehr verbieten lassen, auch nicht von den Entscheidungsträgern, die gern auf ihr arbeitsreiches und hartes Leben hinweisen, das sie führen, derweil die Bauarbeiter es sich an der frischen Luft gut gehen lassen und die Aldikassiererinnen immer neues elektronisches Spielgerät geschenkt kriegen.

Man müsste einen deal machen, die Rückkehr zum Feudalismus offen fordern und nicht unter dem Allemenschensindgleichdeckmäntelchen verstecken. Dabei würden zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Die reichen Leute müssten gezwungen werden, ihren Reichtum gekonnt und anmutig zur Schau zu stellen, damit das Volk was davon hat und der Neid eine schöne Farbe kriegt. Nicht mehr diese abartigen Superstars im Dschungel oder auf der Alm, die doch alle aus zerrütteten Verhältnissen und aus dem gesellschaftlichen Mustopf kommen, was man sieht und hört. Nicht diese halbprolligen Opern- oder Pressebälle und grottenhässlichen Kleider und Häuser, sondern Eleganz! Dekadenz! Rokokohaft ausgebreiteter Lebensgenuss! Zarenhafter Überfluss! Die Kohle wäre da, es fehlt allerdings an Mut, Geschmack, Frechheit, Kunstverstand, Stil - kurz an all den schönen belle-epoque-Eigenschaften, ohne die eine gedeihliche und angenehme Neidentwicklung nicht klappt. Wer kann denn positiv neidisch auf etwas sein, das aus Silikon und Dummheit besteht? Oder sauerländisch im Fernsehen herumgrunzt, schreckliche Anzüge tragend? Oder, um auf unseren Idioten zurückzukommen, - sind wir wirklich neidisch? Wollen wir es sein, auf ihn und seine trüben Provinzen? Oder wünschen wir uns nicht vielmehr einen prinzlichen Dichter oder eine Dichterin, prima oder primus inter pares, unterhaltsam, tiefsinnig und elegant, mit schöner Sprache und tausendundeiner Geschichte? Da ließe sich endlich selig neidisch sein!

Denn dieser, der gute Neid, hat eine Schwester: Die Bewunderung. Ohne sie macht er keinen Spaß, der Neid, er muntert nicht auf - und geil ist er auch nicht.

Eva Demski, 1944 in Regensburg geboren, studierte Germanistik, Kunstgeschichte und Philosophie. Sie arbeitete zunächst am Theater und als freie Lektorin und Übersetzerin, später für Kultursendungen in Hörfunk und Fernsehen sowie für verschiedene Zeitschriften. Nebenbei entstanden zahlreiche Fernsehfilme und Essays. Ihr Romandebüt gab Eva Demski 1979 mit "Goldkind". Zuletzt erschienen der Roman "Das Narrenhaus" und "Zettelchens Traum". Die mit mehreren Preisen ausgezeichnete Autorin lebt in Frankfurt am Main.

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