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12.9.2004
Das Ende des staatsbürokratischen Humanismus
Von Josef Schmid

Josef Schmid (Bild: Maurer-Hörsch)
Josef Schmid (Bild: Maurer-Hörsch)
Wenn mein Blick über ein Regal ausländischer Bücher schweift, bleibt er häufig an einem Werk haften. Es trägt -frei übersetzt - den Titel "Kontinente unterwegs" und zeigt auf dem illustrierten Einband ein Stück Wüstensand mit Fußstapfen, die nach Norden weisen. Autor ist der französische Gelehrte Alfred Sauvy, Berater von Staatspräsidenten und Erfinder des Begriffs "Dritte Welt". In einer persönlichen Widmung bemerkte er zur Einbandillustration: "die einzig wahre Sicht auf das kommende Jahrhundert".

Nun, das ist längst angebrochen und die Zustände sind es offenbar auch: der Bundesinnenminister macht den Vorschlag, auf afrikanischem Boden eine Unterbringung für vorzeitig aufgegriffene Europa-Flüchtlinge zu schaffen, weil die Anrainerstaaten des Mittelmeeres über immer mehr Bootsflüchtlinge stöhnen und tragisch Umgekommene zählen müssen.

Das sind keine vereinzelten Vorfälle; sie sind Teil einer Weltbewegung und einer Weltspannung, die sich schon lange vor unseren Augen entrollt. Doch in umfassendem Sinne ist davon wenig die Rede. Der Bürger in unserem Lande soll von Dingen, die er offenbar nicht versteht, unbehelligt bleiben - soll keinen Ängsten erliegen oder falschen Gedankengängen folgen. Dabei sind es die Ängste der politischen Klasse selber, mit weltbewegenden Vorgängen nicht fertig zu werden, - dem Bürger die Seelenruhe zu nehmen mit Themen, in denen sie selbst nicht sattelfest ist wie schon bei der Alterung der Wohnbevölkerung, der Unvereinbarkeit von Demokratie und multikultureller Gesellschaft oder der Vorspiegelung, die Kosten der Wiedervereinigung aus der Portokasse holen zu können.

Umfragen zeigen, dass das Wahlvolk aufgeklärter ist, als die politische Klasse wahrhaben will, und dass es sich über politisch korrekte Wortverrenkungen wundert, mit dem ihm das beigebracht werden soll, was es schon weiß. So geht es auch mit dem kritischen Weltzustand und der Überzeugung, dass er - einem ohnehin gebeutelten Staatswesen zuliebe - vor den Toren Europas gehalten werden muss. Im Volk war das schon zu der Zeit bekannt, als die Regierenden ihm weismachen wollten, ein Weltproblem, das tief in den globalen Entwicklungsdiskrepanzen wurzelt, mit Fremdenpolizei und ein bisschen mehr ausländerfreundlicher Toleranz klein zu halten.

So sind dem Publikum die Äußerungen von Otto Schily kein Anlass zur Aufregung. Auch Organe, die normalerweise vor moralischer Entrüstung platzen, hielten sich auffallend zurück. So besteht die Chance, dass sich der Zusammenprall der Kulturen, der die deutsche Gesellschaft in der Zuwanderungs- und Ausländerfrage seit jeher durchzieht, mildert und dadurch Raum für Entscheidungen frei wird, den der politische Moralismus gänzlich für sich okkupiert glaubte.

Nach jedem Erkenntnis- und Erfahrungsgewinn muss der Weltzustand neu vermessen werden. Die neuen Kommunikationstechniken machen uns Europäer blind für die geteilte Welt, in der wir leben.

Die Weltteilung nach arm und reich erscheint uns zu simpel, denn erhebliche Diskrepanzen finden wir auch in der kürzlich erweiterten Europäischen Union. Es ist vielmehr die große Attraktivität, welche die westliche Lebensform weltweit ausstrahlt: die individuellen Anrechte auf Existenz, Auskommen und Unterstützung und noch dazu Geld für Kinder - alles Dinge, die außerhalb des westlichen Lebensmodells unbekannt sind. Außerdem sind da staatliche Gesetze und internationale Abmachungen, die einen Grenzüberschreiter in eine Betreuungs- und Ausstattungslage bringen, in der er in seinem bisherigen Leben noch nie war und von der die Zurückgebliebenen nur träumen. Beschwernisse und Entwurzelung, welche die Fremde allemal bereithält, können von Landsleuten, die schon lange im Aufnahmeland sind, gemildert werden.

Die fehlgeschlagenen Versuche, ein solches Lebensmodell auch außerhalb der modernen Welt zu errichten (bei den 80 Prozent der Menschheit auf den Entwicklungskontinenten), werden die Welt insgesamt in Bewegung und unter Spannung halten und das Jahrhundert bestimmen.

Das Einwanderungspotenzial, diejenigen, die nach neuen Lebensgrundlagen suchen und neben Nordamerika vor allem Europa im Visier haben, wird auf mindestens 200 Millionen Menschen geschätzt. Wenn man weiß, dass sich diese in Nord- und Zentralafrika, im Nahen und Mittleren Osten konzentrieren und einige westliche Länder sogar mit Einwanderungsdruck aus Zentralasien und China zu rechnen haben, dann ist dies eine realistische Zahl; und sie kommt beinah der Hälfte der Einwohnerzahl der EU gleich.

Dieses Faktum allein zwingt die Staaten, ihre Kapazitäten festzulegen und sich von teuren, großzügigen staatsbürokratischen Humanismen zu verabschieden. Das Weltwanderungspotenzial muss die politische Richtgröße abgeben und nicht die Beruhigung, die von einer sinkenden Zahl von Asylbewerbern ausgehen mag.

Entwicklung ist ein dorniger Weg, den die Völker gewiss nicht ohne äußere Hilfe, aber im angestammten Raum zurücklegen müssen. Da hilft keine demographische Entsorgung in die modernen Weltregionen. Für den Westen gilt ähnliches. Was er an Qualifikation braucht, muss er selbst hervorbringen.

Der sonderbare Auflauf unserer Deutungseliten gegen eine "Leitkultur" vor einigen Jahren, weil sie angeblich ausgrenze und die Umarmung von Fremden verhindere, ist demnach hinfällig. Kultur ist ein herrschender Zustand, leitet wie selbstverständlich und ist der Heimathafen für Eingemeindung und Integration. Es muss wohlüberlegt sein, wer von wo, in welcher Anzahl und zu welchem Zweck kommen soll. Der Sinn eines Einwanderungsgesetzes liegt allein darin, diese ernsthafte Überlegung politisch umzusetzen.

Josef Schmid, geboren 1937 in Linz/Donau, Österreich, zählt zu den profiliertesten deutschen Wissenschaftlern auf seinem Gebiet. Er studierte Betriebs- und Volkswirtschaft sowie Soziologie, Philosophie und Psychologie. Seit 1990 ist Schmid Inhaber des Lehrstuhls für Bevölkerungswissenschaft an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Seine Hauptthemen: Bevölkerungsfragen der industrialisierten Welt und der Entwicklungsländer, Kulturelle Evolution und Systemökologie. Schmid ist u.a. Mitglied des Kuratoriums des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung, Wiesbaden, Mitglied der International Union for the Scientific Study of Population (USSP) und der European Association für Population Studies (EAPS). Veröffentlichungen: Einführung in die Bevölkerungssoziologie (1976); Bevölkerung und soziale Entwicklung (1984); Das verlorene Gleichgewicht - Eine Kulturökologie der Gegenwart (1992); Bevölkerung - Umwelt - Entwicklung. Eine humanökologische Perspektive (1994); Sozialprognose - Die Belastungen der nachwachsenden Generation (2000). Außerdem zahlreiche Veröffentlichungen in Fachzeitschriften, in der Presse und im Rundfunk.
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