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Sonntag • 12:10
19.9.2004
Sind wir ein Volk?
Von Günter Kunert

Der Schriftsteller Günter Kunert auf einem Archivbild von 1983 (Bild: AP)
Der Schriftsteller Günter Kunert auf einem Archivbild von 1983 (Bild: AP)
Man könnte meinen, das Ende der Welt stünde bevor, hört man Politiker über die Divergenz zwischen Ost- und Westdeutschland reden. Entfremdung und Spaltung sind die Schlagworte, mit denen man um sich wirft. Diese fortwährende Besorgnis, Klagen und Kopfschütteln - das scheinen mir tradierte deutsche Verhaltensmuster. Dass die Ostdeutschen enttäuscht sind, weil aus den von Kohl beschworenen "blühenden Landschaften" nichts geworden ist, bleibt verständlich. Und dass die Ex-DDRler eine ganz andere Sozialisierung als die Bundesrepublikaner im Westen erfahren haben, lässt sich gewiss nicht leugnen. Aber, muss ich sagen, wären wir nicht dermaßen auf uns als Volk, das ja nie Homogenität besessen, fixiert, sollten wir unseren Blick auf andere Nationen richten, die mit solchem Dissens seit langem leben, ohne permanent den Zustand zu bejammern.

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Nämlich dass Süd- und Norditaliener einander fremder gegenüberstehen als "Ossis" und "Wessis". Für den Norditaliener ist der Mezzo Giorno beinahe schon Afrika. Welche Verachtung herrscht im Norden gegenüber dem Süden. Ich erinnere, dass man vor Jahren noch nicht einmal die gleiche Sprache beherrschte, und Filme mit süditalienischen Filmgöttinnen nachsynchronisiert wurden, um im Norden verständlich zu sein.

In der Bretagne sind Deutsche beliebter als Pariser Bürger. Und wer jemals in Wales oder Cornwall oder Schottland gewesen ist, weiß um den Abstand zwischen Engländern und anderen Bewohnern des nicht gerade friedlich vereinigten Königreiches Bescheid. Man denke an die Zweisprachigkeit der Waliser, an die Straßenschilder in einer uns eigentümlich anmutenden Schreibweise. Und Katalonien? Die Katalanen wedeln mit ihrer gelb-roten Fahne und sind nur dem Pass nach Spanier. Die Nationen sind die vereinheitlichten Gebilde, die in ihnen lebenden Völker sind es noch lange nicht.

Die Bayern würden sich bedanken, falls man ihnen, was die Ostdeutschen stets als Vorwurf behaupten, ihre "Identität" nehmen wollte. Der "Freistaat" Bayern" hat an seinen Grenzen die entsprechenden Schilder platziert, so dass man sich wie auf einem Auslandstrip vorkommt.

Der Slogan nach dem Mauerfall "Wir sind ein Volk" ist ein historischer Irrtum. Wir sind eine Nation, kein Volk, geschweige denn ein einig Volk. Und ich muss gestehen, dass ich diesen Umstand keineswegs für eine Katastrophe halte wie andere Leute. Gerade die Besonderheit der einzelnen deutschen Stämme (wie in anderen europäischen Ländern) ist eher ein Vorzug. Die einzelnen Bundesländer mit ihren Spezifiken erscheinen mir eher eine Bereicherung, als ein Staat der per Ukas die Gleichmacherei seiner Bevölkerung betreibt. Diesen Versuch hat es ja mit der Auflösung der alten Länder und ihre Umwandlung in anonyme Bezirke gegeben - keineswegs zur Freude der Betroffenen, die inzwischen vergessen haben, dass sie unter Herrn Ulbrichts Fuchtel keine Anhaltiner oder Pommern mehr waren, sondern "neue Menschen", sprich regulierbare Masse.

Insofern meine ich, dass der Unterschied zwischen Ost und West in diesem unseren Land nicht nur lange anhalten wird, er wird vermutlich bestehen bleiben, wie der Unterschied zwischen einem Saarländer und einem Nordfriesen. Ich halte das für kein Unglück. Im Gegenteil. Gerade das föderative System, in welchem es übrigens große soziale und ökonomische Unterschiede gibt, lässt sich auch als Barriere gegen einen neuen Nationalismus verstehen.

Ich weiß, das reale Problem liegt im Bereich des sozialen Status, im Bereich der Wirtschaft. Wir wären ganz sicherlich, ironische gesagt, "ein Volk", wenn es uns allen gleich schlecht oder gleich gut ginge. Nicht eine Ost- oder Westdeutsche "Identität" ist der Knackpunkt, sondern die Arbeitslosigkeit, der wirtschaftliche Niedergang, der Verlust von Lebensqualität. Solange die Krise anhält wird auch der Dissens zwischen Ost und West anhalten. Und leider, leider ist von dieser Krise kein Ende abzusehen.

Günter Kunert, geboren 1929 in Berlin, wurde von Johannes R. Becher entdeckt und protegiert. Bis zu seiner Übersiedelung in die Bundesrepublik 1979 galt Kunert in der DDR als einer der meistgelesenen Autoren. Sein vielseitiges Werk umfasst unter anderem Gedichte, Essays, Erzählungen, Märchen, Reisejournale und Kinderbücher. 1976 gehörte Kunert zu den Erstunterzeichnern des Protestbriefes einer Reihe von DDR-Schriftstellern gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns. Zu den zahlreichen Ehrungen und Auszeichnungen Kunerts zählen unter anderem der Heinrich-Mann-Preis, der Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf, der Hölderlin-Preis, der Hans-Sahl-Preis und der Georg-Trakl-Preis. Gerade erschienen ist Kunerts Aufzeichnungsbuch "Die Botschaft des Hotelzimmers an den Gast".

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