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26.9.2004
Osmanenreich
Von Michael Stürmer

EU- und Türkei-Flagge (Bild: AP)
EU- und Türkei-Flagge (Bild: AP)
Alle reden von der Türkei, niemand weiß noch vom Reich der Osmanen. Zu seiner Blütezeit reichte es von der Adriaküste - weshalb die Bosniaken bis heute Muslime sind - bis zum Zweistromland am Persischen Golf. Es umfasste die Länder des unteren Nil und verlor sich in den Wüstengebirgen der Arabia Felix und der Sahara. Es war ein Imperium, das die Europäer ein halbes Jahrtausend lang das Fürchten lehrte. In den folgenden zwei Jahrhunderten langsamen Zerfalls kämpften die Europäer um das Erbe des Kranken Manns am Bosporus.

In Kriegs- und Verwaltungskunst waren die wilden Reiter aus der Steppe anfangs den Persern ebenso unterlegen wie den Machteliten des Oströmischen Reiches. Aber sie lernten schnell. Von den Besiegten übernahmen sie die höheren militärischen Künste der Rüstungsindustrie, der Belagerung, der Marine, dazu Verwaltung und Architektur. Von den Arabern lernten sie den unsichtbaren Gott des Koran anzubeten. Und so waren sie auch bereit, die Völker des Buches - Juden und Christen - glimpflich zu behandeln, solange diese Steuern zahlten und Aufstand unterließen. Anderenfalls allerdings konnten die Osmanen grausam durchgreifen, Köpfe abschneiden, Menschen auf Pfähle stecken und dergleichen abschreckende Greuel inszenieren. Aber dann war wieder Ruhe. Im Zweistromland, dem heutigen Irak, waren sie weise genug, Schiiten, Sunniten und Kurden in drei scharf getrennten Regierungsbezirken zu halten. Damit ersparten sie sich den blutigen Ärger der Briten, die nach dem Ersten Weltkrieg ihr Erbe antraten und, aus strategischen und Ölgründen, den modernen Irak zusammenfügten. Das Unglück der Amerikaner heute ist es, dass sie auf die Weisheit der Osmanen verzichteten ebenso wie auf das Studium der britischen Desaster, die nach 1920 nicht auf sich warten ließen.

Hundert Jahre lang hatten die osmanischen Infanteristen bereits die strategisch dem Bosporus vorgelagerte Halbinsel Gallipoli in Besitz, als sie zum letzten Sturm auf Konstaninopel ansetzten. Das war vor 551 Jahren. Damit stürzte das oströmische Reich. Konstantinopel heisst seitdem Istanbul. Die Hagia Sophia, die größte spätantike Kirche, wurde Moschee. Die Osmanen richteten, um ihrer Militärherrschaft die Weihen des Koran zu geben, den Kalifat ein, die islamische oberste Autorität, unter den Augen des Sultans und seiner Verwaltung. Dann gingen sie zügig daran, Venezianer und Ritterorden aus dem östlichen Mittelmeer zu vertreiben. Das wiederum zwang Spanier und Portugiesen, den westlichen Seeweg nach Indien zu suchen. Columbus fand stattdessen Amerika. Die Welt war im Osten eng geworden, im Westen weit. Die Folgen für Europa waren enorm, Deutschland, Europas alte Mitte, rückte an den Rand.

Zugleich stürmten die Janitscharen weiter die Donau aufwärts, jedesmal in einer Zangenbewegung koordiniert mit dem königlichen Frankreich und seinem allerchristlichsten König. Das erste Mal, 1526, unterwarfen sie alle Länder bis zur österreichischen Grenze. Das zweite Mal, 1683, belagerten sie die Kaiserstadt an der Donau. Wäre Wien gefallen, dann wäre Europa islamisch geworden. Stattdessen retteten Polen und Deutsche das Abendland. Es begann der lange Rückzug der Osmanen, der fast ohne Unterbrechung bis zum Ersten Weltkrieg ging. Zuerst löste sich das Reich von innen auf, im Westen suchten Griechen, Serben und Bulgaren Selbständigkeit, im Süden der Gouverneur von Ägypten, im Südosten wurden die Araber unruhig. Von Norden führten die Russen einen Krieg nach dem anderen in Richtung Mittelmeer, von Westen drängten die Österreicher, von Süden die Briten: sie alle wollten am osmanischen Erbe teilhaben.

Der erste richtige osmanische Erbfolgekrieg war der Krimkrieg 1853. Aber auch der Erste Weltkrieg entzündete sich an der Frage, wer die Osmanen auf dem Balkan beerben würde. Die Deutschen, zuerst aus Schwäche und dann aus Bismarckscher Weisheit, hatten sich lange fern gehalten. Doch zur Jahrhundertwende war es damit vorbei. Politik und Industrie wollten das Große Spiel um den Orient nicht anderen überlassen, und als der Weltkrieg ausbrach, trieb die alte Russenangst die Türken auf die Seite der Mittelmächte. Briten und Franzosen versuchten von Süden her den Durchbruch durch die Dardanellen, aber in Gallipoli gingen sie in eine Katastrophe. Sieger war General Kemal Pascha. Es war derselbe Geenral, der den Diktatfrieden von 1919 nicht hinnahm, er stürzte den Sultan, wehrte die Invasion der griechischen Armee ab und begründete die moderne Türkei. Kemal Atatürk, Vater der Türken, wurde er seitdem genannt. Er war ein Revolutionär, aber seine Revolution kam von oben, aus dem Geist Europas. Der Kalifat wurde brutal abgeschafft, ebenso das Arabische als Sprache des Gottesdienstes, die christliche Zeitrechnung wurde eingeführt, zusammen mit dem lateinischen Alphabet. Schleier und Fez mussten fallen. Die Armee wurde Hüter dieser kemalistischen Revolution, und ist es bis heute, notfalls gegen Parteien und Parlament.

Bis heute aber ist auch der weltliche Charakter von Staat und Gesellschaft, Familie und Schule umstritten. Die islamistische Renaissance, die 1979 im Iran des Ayatollah Chomeini begann und mit Osama Bin Laden ihre terroristische Variante entwickelte, zieht in die eine Richtung, zusammen mit Armut, Rückständigkeit und Unterdrückung der Frauen. Die kemalistische Tradition, die europäische Oberschicht, die wirtschaftlichen Interessen und die NATO, sie alle ziehen in die Gegenrichtung.
Vor 80 Jahren haben die Türken Asien verlassen. Aber in Europa sind sie noch nicht angekommen. Dass die Europäer, dass die Europäische Union die Türkei vom Erbe der Osmanen und der Gewalt des Islam erlösen können, das ist eine Hoffnung. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.


Der 1938 in Kassel geborene Michael Stürmer studierte in London, Berlin und Marburg, wo er 1965 promovierte. Nach seiner Habilitation wurde er 1973 ordentlicher Professor für Neuere und Neueste Geschichte, Sozial- und Verfassungsgeschichte; außerdem lehrte er u. a. an der Harvard University, in Princeton und der Pariser Sorbonne. 1984 wurde Stürmer in den Vorstand der Konrad-Adenauer-Stiftung berufen und zwei Jahre später zum Vorsitzenden des Forschungsbeirates des Center for European Studies in Brüssel. Zehn Jahre lang war er überdies Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik. Zu seinen Veröffentlichungen zählen: 'Das ruhelose Reich', 'Dissonanzen des Fortschritts', 'Bismarck - die Grenzen der Politik' und zuletzt 'Die Kunst des Gleichgewichts. Europa in einer Welt ohne Mitte'. Im so genannten 'Historikerstreit' entwickelte Stürmer die von Habermas und Broszat bestrittene These von der Identität stiftenden Funktion der Geschichte. Stürmer, lange Kolumnist für die 'Frankfurter Allgemeine Zeitung', schreibt jetzt für die 'Welt' und die 'Welt am Sonntag'.
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