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Sonntag • 12:10
3.10.2004
Warum so pessimistisch?
Die Deutschen und der Tag der Einheit
Von Cora Stephan

Cora Stephan (Bild: Sven Paustian)
Cora Stephan (Bild: Sven Paustian)
Herzlichen Glückwunsch, Deutschland! Gut siehst du aus, fünfzehn Jahre nach dem Ende des Kalten Kriegs. Hast ein bisschen abgenommen, ein paar mehr Mimikfalten im Gesicht - aber immer noch bist du ein schönes Land, reich an Kulturgütern, Landschaften und mehr oder weniger intelligenten Bewohnern. Die allerdings leiden an einer seltsamen Krankheit: Sie sind stets und ständig unzufrieden. Es geht ihnen schlecht, komme, was da wolle. Andere Länder würden sich für die deutschen Sorgen bedanken. Was also ist los mit den Deutschen?

Gibt es ein dunkles deutsches Wesen, das zu Depressionen neigt? Haben die Deutschen West wie Ost sich zu lange lediglich ökonomisch definiert, so dass ihnen etwas fehlt zur Identitätsbildung, wenn die Wirtschaft einmal nicht brummt? Oder verwechseln sie, wozu sie ja ebenfalls zu neigen scheinen, ein temporäres Jammertal mit der Großen Krise, der Klimakatastrophe, dem Ende des Kapitalismus oder wie die apokalyptischen Reiter sonst noch heißen, von denen sie aller Welt seit Jahrzehnten erzählen?

Sind die im Westen, vom Wirtschaftswunder verwöhnt, denkfaul geworden, haben sich die Ostdeutschen nach Jahrzehnten "realexistierendem Sozialismus" an staatliche Fürsorge und an die Päckchen von drüben zu sehr gewöhnt? Sind wir unmündige Kinder, die von Papa Staat abhängen und verlernt haben, für sich selbst zu sorgen?

Irgendwas von alledem wird eine Rolle spielen. Wenn man mildernde Umstände geltend machen wollte, könnte man uns immerhin zugute halten, dass wir jahrzehntelang für Normalität gehalten haben, was im Grunde eine weitgehend unverdiente Ausnahme war: die Wohlstandsblase des Westens war eine Begleiterscheinung des Kalten Krieges ebenso wie der Sozialismus, der es ohne den Kapitalismus niemals zu einer funktionsfähigen Ökonomie gebracht hat.

1989 hat die Verhältnisse um und um gestürzt. Rückblickend mag das deutsche Drama damit begonnen haben, dass man die Ereignisse unterschätzte - nicht zuletzt die Kohl-Regierung versuchte, den inneren Frieden zu erhalten, indem man dort mit Subventionen ruhigstellte und hier mit "Alles bleibt beim Alten" beruhigte.

Und nun glauben alle, es würde ihnen etwas weggenommen, nur weil nicht mehr zu übersehen ist, dass das soziale Netz überdehnt ist. Nein, die amerikanische Haltung, auch Härten als Herausforderung zu nehmen, ist unsere Art nicht. Vielleicht ist es das, was schiefgelaufen ist seit der deutschen Einheit.

Ausgerechnet die Deutschen, deren Stärke nach 1945 sich darin zeigte, wie sie mit Entwurzelung und Vertreibung umgingen und wie sie wiederaufbauten, was in Hitlers Krieg zerstört wurde, erweisen sich heute als die Jammerlappen Europas. Sie scheinen über nicht eine einzige Ressource mehr zu verfügen, auf die sich andere Länder im Notfall etwas zugute halten - zum Beispiel, in dieser oder jeder anderen Reihenfolge: der Zusammenhalt im Familienverband. Der Stolz darauf, sich auch ohne soziales Netz durchs Leben zu kämpfen. Oder einfach nur so etwas wie jene nationale Ruppigkeit, die andere sagen ließe: "Wir lassen uns nicht unterkriegen, auch wenn die fetten Jahre vorbei sind."

Als ob wir immer und immer wieder die dunklen Seiten der deutschen Geschichte dementieren müssten, sind wir heute nicht mehr stolz auf demographische Größe und ökonomische Kraft, auf Intelligenz und Flexibilität, auf jene Tugenden, die Made in Germany groß machten, sondern präsentieren uns als Armenhaus, dessen Bewohner seit Hartz IV den täglichen Teller warmer Suppe nicht mehr kriegen. Wem damit gedient ist, wird immer fraglicher.

Die Deutschen haben sich mit ihrer Geschichte, mit Hybris und Schuld, intensiv auseinandergesetzt, was andere noch vor sich haben. Sie sind aufgrund etwa der Notwendigkeit, Flüchtlinge und Vertriebene integrieren und mit Besatzungsmächten leben zu müssen, in vieler Hinsicht flexibler und weltoffener als andere, als zum Beispiel das teils tief provinzielle Frankreich.

Aber es scheint, als ob die Deutschen Angst hätten vor sich selbst und ihrer Energie, die staatliche Fürsorge bislang kanalisiert und unschädlich gemacht hat - im Arbeiterparadies mit Beschäftigungstherapie hier, mit federndem sozialen Netz und einer auf die Festigung des inneren Friedens setzenden Subventionspolitik dort.

Wehe, wenn sie losgelassen? Es käme auf den Versuch an. Wer die schlechte Laune hierzulande eine Weile erduldet hat, wird schlimmeres fürchten als ein Deutschland, das endlich in Bewegung gerät.

Die Frankfurter Publizistin und Buchautorin Cora Stephan, Jahrgang 1951, ist promovierte Politikwissenschaftlerin. Von 1976 bis 1984 war sie Lehrbeauftragte an der Johann Wolfgang von Goethe Universität und Kulturredakteurin beim Hessi-schen Rundfunk. Von 1985 bis 1987 arbeitete sie im Bonner Bü-ro des "Spiegel". Zuletzt veröffentlichte sie "Der Betroffenheits-kult. Eine politische Sittengeschichte", "Die neue Etikette" und "Das Handwerk des Krieges".

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