Signale
Signale • Gedanken zur Zeit
Sonntag • 12:10
10.10.2004
Aus dem kalten Land
Anmerkungen zum Grobianismus
Von Claus Koch

Claus Koch (Bild: claus-koch.com)
Claus Koch (Bild: claus-koch.com)
Es ist ein unerfreuliches Thema, und viele mögen nicht hinhören. Das lässt sich verstehen. Denn wenn man die Unerquicklichkeiten im heutigen Deutschland aufzählt und beschreibt, landet man bald in einem hilflosen Tratsch. Es ist dafür ja niemand eine Schuld zuzuweisen. Und wenn man keine Schuldigen nennen kann, findet man gerade unter Deutschen schwer einen Weg, wie sich etwas ändern ließe. Kritik der Sitten konnte man früher wenigstens mit Witz betreiben. Der ist unter den neuen Deutschen rar...

Es muss aber etwas daran sein, wenn man immer häufiger von Freunden, die sich ein paar Monate oder Jahre im Ausland herumgetrieben haben, zu hören bekommt, wie unhöflich und rüde und rechthaberisch es im Lande heute zugehe. Man kann es auch alle Tage selber erfahren. Wer Kinder hat, weiß Bescheid, wie hart es sich in vielen Schulgemeinschaften lebt. Die Eltern dieser Kinder, meistens Leute aus der Baby-Boomer-Generation, hatten das zu ihrer Zeit nicht erlebt. Und das jetzt überall übliche Mobbing war zu Zeiten des Wohlfahrtsstaates, also vor drei oder vier Jahrzehnten, nahezu unbekannt. Auch damals gab es persönliche Konkurrenzkämpfe in jeder Art von Arbeitsorganisation. Aber es galt nicht geradezu als Sympathiewerbung, mit rücksichtloser Muskelkraft anzugeben. In den Stellenanzeigen heißt das: erfolgsorientiert. Zum neudeutschen Grobianismus gehört auch, dass sich nur noch wenige an ein Land erinnern können, in dem es manierlicher, wenn auch nicht überhöflich zugegangen war. Es war tatsächlich einmal so, in West wie in Ost, dass man Angeber nicht ertragen mochte...

Und jetzt käme eine beträchtliche Liste der Beschwerden über die heutige deutsche Rücksichtslosigkeit. Ersparen wir uns das. Nennen wir nur die eine, über die Einigkeit im Lande herrscht: Das Auto-Rowdytum, zu dem sich auch viele Fahrer-Männer offen bekennen. Die gleichen energischen Glitzer- und Prestige-Maschinen, die im tüchtigen Land der Ingenieure gebaut werden, gleiten im sonst so verrückten Kalifornien ruhig über die Autobahnen. In der Hand deutscher Männer werden sie zu Angriffswaffen, mit denen sich infantile Machtprotze austoben. Ein deutscher Defekt, dem auch ganz vernünftige Leute sich manchmal ausliefern.

Suchen wir nach Erklärungen. Die erste wäre, dass die Deutschen leicht ängstlich werden, ängstlicher als ihre Nachbarn, wenn etwas nicht mehr gut funktioniert. Oder schon nicht zu funktionieren droht. Denn noch funktioniert ja die langgewohnte Ordnung. Die Gerichte, die Krankenhäuser, die Verkehrsmittel, überhaupt die meisten öffentlichen Einrichtungen. Die Sparquote kann hoch bleiben, die Vermögen in der Mehrheitsmittelklasse sind noch nicht angeknackst, wachsen sogar, wenn auch langsamer als bisher. Ahnen kann man freilich, dass das nicht mehr lange gut gehen wird. Dass die Zukunft kein Wachstum mehr sein kann, eher ein langsamer Rückgang. Und schon werden diese ordentlichen Deutschen, die sich jahrzehntelang im gemeinsamen Wachstum zivilisieren konnten, nervös, verlieren den Kopf und werden grob. Und auf einmal merkt man, dass die Decke des bürgerlichen Wohlverhaltens, die der Wohlstand über uns gebreitet hat, ziemlich dünn ist. Wo man sich so lange wohlig, rundlich und gemütlich zusammendrängen konnte, kommt auf einmal Drängeln auf. Und wenn in der harmlosen Masse nur ein paar drängeln, steckt das schnell an. Und nun müssen die Deutschen, in West wie in Ost, die Erfahrung machen, dass sie nie richtig gelernt haben, zueinander auf Distanz, eben bürgerlich privat, zu leben. Das macht sie unsicher.

Unsicher macht sie auch, dass die Ungleichheit wieder zunimmt, dass der Zufall immer häufiger dort ausbricht, wo man ihn seit langem bekannt glaubte. Und es lösen sich auch die vielen Milieus auf, in denen sich die bürgerlichen Menschen gegenseitig zur Rücksichtsnahme erzogen. Mehr noch als bei den Reichen fällt das bei den einstmals proletarischen Schichten auf. Die proletarischen Familien in Deutschland, wie auch im übrigen Europa, hielten streng auf gute Manieren ihrer Kinder, auch auf gute Bildung, ganz nach bildungsbürgerlichen Idealen. Seit sie alle Sozialaufsteiger werden konnten, sind diese Verhaltensklammern zerbrochen. In zwei Generationen näherten sie sich den Neureichen und ihren Ansprüchen - zu denen Rücksichtnahme nicht eben gehört. Ihnen kommen von der anderen Seite die Privilegierten mit altem Geld entgegen, das früher einmal zu Takt und guten Manieren verpflichtete. Nun sind auch sie zu Neureichen geworden. In Deutschland nennt man diese Schichten gerne Elite. Dafür sagt man freilich gerne Funktionselite, weil man ihr ein vorbildhaftes Verhalten nicht zumuten mag und auch nicht zutrauen kann. Zur Funktionselite zu gehören, ist bequem. Man ist nur dem Erfolg verpflichtet, muss aber keine besonderen Ansprüche an Sensibilität und zivile Manieren stellen, an sich und an andere.

Alles gut und schön. Erklären ließe sich noch stundenlang. Die neudeutschen Grobiane hören freilich nicht zu. Sie sind einfach so gebaut, dass sie nicht verstehen können. Trotzdem: Bessern wir uns! Warum helfen Sie der Dame dort nicht in den Mantel? Warum haben Sie heute Morgen der Kassiererin kein nettes Wort über ihre neue Frisur gesagt? Und bekam Ihr Bettler schon seinen "Guten Morgen"? Ach, Sie fahren ja nur Auto. Da kommt man an keinem Bettler vorbei.

Claus Koch, in München geboren, studierte Philosophie, Ökonomie und Geisteswissenschaften und war zunächst in einem Wirtschaftsverlag tätig. Seit 1959 arbeitet er als freier Journalist für Presse und Rundfunk, seit 2003 gestaltet er den Mediendienst "Der neue Phosphoros". In den sechziger Jahren redigierte Koch die Monatszeitschrift "atomzeitalter", später war er Mitherausgeber und Redakteur der Zeitschrift für Sozialwissenschaft "Leviathan" und Mitarbeiter mehrerer sozialwissenschaftlichen Forschungsprojekte. Zu seinen Buchveröffentlichungen zählen "Ende der Natürlichkeit - Streitschrift zur Biotechnik und Biomoral", "Die Gier des Marktes - Die Ohnmacht des Staates im Kampf der Weltwirtschaft" und "Das Ende des Selbstbetrugs - Europa braucht eine Verfassung".
-> Signale
-> weitere Beiträge