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Signale • Gedanken zur Zeit
Sonntag • 12:10
17.10.2004
Von der Gleichheit
Von Wolfgang Sofsky

 Wolfgang Sofsky (Bild: privat)
Wolfgang Sofsky (Bild: privat)
Am Anfang bestand unter den Menschen eine fürchterliche Ungleichheit. Ein jeder hatte sein Stück Acker, das ihm soviel trug, wie er brauchte. Niemand hungerte, denn niemand brauchte mehr, als er hatte. Aber einige waren mit ihrer Arbeit früher zu Ende als die anderen, sei es, weil sie klüger oder kräftiger waren, sei es, weil sie sich zusammentaten und gemeinsam ihr Pensum schneller erledigten als jeder für sich. So gewannen einige Menschen auf einmal freie Zeit. Während die Mehrheit noch im Schweiße ihres Angesichts auf ihren Äckern schuftete, saßen sie beisammen, spielten Karten, ersannen nützliche und unnütze Dinge, betrachteten den Sonnenuntergang oder schauten den Werktätigen bei der Arbeit zu.

Eine Zeitlang wurde dies mit leichtem Missmut ertragen. Ein natürlicher Zufall schien die Zeit so ungleich verteilt zu haben wie die Schönheit, den Verstand oder die Dummheit. Als aber die Müßiggänger den Pflug erfanden und damit weitere Freizeit gewannen, regten sich Neid und Groll. Ein Aufrührer verbreitete die Parole, schon von Geburt an sei jedermann das unveräußerliche Recht auf freie Zeit gegeben. Endlich müsse man dem blinden Zufall in den Arm fallen. Doch anstatt den Pflug nachzubauen - Patentrechte, die solches verboten hätten, gab es zu dieser Zeit noch nicht -, stürmten sie auf die Äcker der Erfolgsmenschen und entrissen ihnen das Gerät. Bevor sie es zerstören konnten, gründete ihr Wortführer noch rasch einen Ausschuss, der künftig den Verleih des Pfluges zu regeln hatte. Denn niemand durfte fortan mehr einen Pflug für sich allein besitzen, und niemand sollte mehr freie Zeit haben als die anderen.

Der Akt der Verstaatlichung machte alle gleich. Er beraubte die Klugen, Starken, Findigen und Pfiffigen der Chance, sich die Freizeit nach Lust und Laune zu vertreiben. Obwohl niemand Macht über andere hatte und sich nirgendwo Elend oder Ausbeutung abzeichneten, vermochte die Mehrheit diesen geringen Vorteil nicht zu ertragen. Viele schäumten vor Wut, denn der Grund ihrer Freuden und Leiden war nicht, was sie selbst hatten, sondern was die anderen hatten. Nicht durch eigene Anstrengung glichen sie den kleinen Unterschied aus, sondern durch einen energischen Akt der Enteignung. Der Ertrag war minimal. Da jeder den Pflug nur kurze Zeit nutzen durfte, gewann keiner, was die Müßiggänger verloren hatten. Spitze Fragen ersannen daher die Vordenker der Gleichheit: Wozu solle denn all der Besitz dienen, wenn nicht für das Glück aller? Gewinnt Eigentum nicht erst Sinn im Dienste der Gerechtigkeit? Sind Vorteile erlaubt, wenn sie nicht zum Nutzen der Schwächsten sind? Kann es denn billig sein, dass einige mehr freie Zeit haben als andere? Solche Ideen bestärkten die Mehrheit in ihrer Leidenschaft für die Egalität. Auf einmal konnten sie ihr Ressentiment in das respektable Kleid sozialer Gerechtigkeit hüllen. Gerecht geht es nämlich erst zu, so glaubten sie, wenn jeder das Gleiche hat wie der andere. Gerecht ist nicht, wenn jeder das Seinige erhält, sondern wenn alle gleich viel, also gleich wenig besitzen. Und wenn die Begüterten nicht freiwillig verzichten, dann müssen sie eben dazu gezwungen werden, durch einen Wohlfahrtsausschuss, der Pflug und Egge in Gewahrsam nimmt und jeden Überschuss umverteilt, und zwar zuerst in die große Tasche des Staates.

Freiheit erzeugt notwendig Ungleichheit und Gleichheit notwendig Unfreiheit. Die materielle Angleichung der Lebensbedingungen ist ohne Zwang nicht zu haben. Wer mehr hat, dem wird genommen; und wer weniger hat, dem wird gegeben. Der einzige Weg, alle Menschen auf gleiches Niveau zu bringen, liegt darin, sie ungleich zu behandeln. Der Benachteiligte wird bevorzugt, der Begünstigte benachteiligt - durch Steuern und Zuschläge, Quoten, Privilegien und Transferzahlungen. Wenn jeder dem anderen gleichgestellt werden soll, ist es mit der Gleichheit vor dem Gesetz vorbei. Manche Maßnahmen der "ausgleichenden Gerechtigkeit" sind nichts anderes als demokratisch sanktionierte Raubzüge der Staatsgewalt. Fadenscheinige Legenden sollen dies nur kaschieren, Horrorvisionen vom drohenden Zerfall der gespaltenen Gesellschaft, Anekdoten vom unlauteren Wettbewerb. Unmöglich könne eine kleine Minderheit so viel Freizeit durch eigenes Engagement, Talent oder Teamgeist verdienen. Nein, Herkunft, Vermögen und Ausbeutung brachten den Müßiggängern den Zeitvorteil, nicht ehrliche Handarbeit auf dem Feld.

Ist Gleichheit etwas an sich Gutes, ist sie ein sozialer Wert in sich? Die einzige Gleichheit, die ohne Gefahr für die Freiheit gesichert werden kann, ist die Gleichheit vor dem Gesetz und die Gleichheit der Chancen. Die Unterschiede zwischen den Menschen rechtfertigen keinesfalls, daß der Staat sie verschieden behandelt. Niemand darf aufgrund seiner Herkunft, seines Geschlechts oder seines Besitzes bevorzugt oder benachteiligt werden. Der Arme darf ebenso wenig begünstigt werden wie der Reiche. Vor dem Gesetz sind alle gleich; und Gesetze, die einigen Menschen Vorrechte einräumen, sind offenkundig ungerecht.

Gerechtigkeit gebietet zudem keine Gleichheit der Ergebnisse, sondern lediglich eine Gleichheit der Gelegenheiten. Kein Gemeinwesen ist dafür verantwortlich, was einer aus sich macht, ob er seine Talente verspielt, ob er die Arbeit im Team meidet oder sich weigert, einen Pflug nachzubauen. Hilfe in der Not ist keine Frage der Gleichheit, sondern der Brüderlichkeit. Wenn ein Mensch unter Krankheit oder Hunger leidet, ist ihm zu helfen, weil Hunger und Krankheit für jeden Menschen elende Zustände sind, und nicht deswegen, weil es anderen besser geht als ihm. Aber die Ackerbauern der Frühzeit lebten gar nicht in Armut. Ihr Groll entsprang einzig ihrem verletzten Stolz. Sie konnten das kleine Freizeitglück der Müßiggänger nicht ertragen. Und so stürzten sie alle in das Unglück vollkommener Gleichheit.

Wolfgang Sofsky, Jahrgang 1952, ist freier Autor und Professor für Soziologie. Er lehrte an den Universitäten Göttingen und Erfurt. 1993 wurde er mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet. Er publizierte u.a.: 'Die Ordnung des Terrors. Das Konzentrationslager' (1993), 'Figurationen sozialer Macht. Autorität - Stellvertretung - Koalition' (mit Rainer Paris, 1994) und 'Traktat über die Gewalt' (1996). 2002 erschien 'Zeiten des Schreckens. Amok, Terror, Krieg', und zuletzt der Band 'Operation Freiheit. Der Krieg im Irak'.
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