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Sonntag • 12:10
24.10.2004
Die Protagonisten des Wendeherbstes
Von Rolf Schneider

Rolf Schneider (Bild: Therese Schneider)
Rolf Schneider (Bild: Therese Schneider)
Wenn am 9. November der 15. Jahrestag des Falles der Berliner Mauer begangen wird, bietet sich Gelegenheit, das Schicksal der ostdeutschen Protagonisten jener Tage zu bedenken. Diese Menschen boten sich an, so funktionieren Revolutionen, auch die friedlichen, für den überfälligen Wechsel der politischen Eliten. Sie hatten sich organisiert in parteiähnlichen Gruppierungen wie dem Neuen Forum oder in neu gegründeten Parteien wie der SDP und dem Demokratischen Aufbruch. Ihre Leitfiguren beherrschten eine Weile die Bilder im ostdeutschen Fernsehen, sie nahmen Platz am Runden Tisch, sie zogen ein in die erste und letzte frei gewählte Volkskammer der DDR. Was ist in den folgenden anderthalb Jahrzehnten aus ihnen geworden?

Der Pfarrer Rainer Eppelmann wurde zunächst ostdeutscher Minister, dann Bundestagsabgeordneter, wo er eine Enquetekommission leitete, außerdem übernahm er den Vorsitz des einflussreichen Arbeitnehmerflügels in der Christenunion. Den hat er längst wieder verloren. Im Bundestag sitzt er noch, auf einer Hinterbank. Wenigstens hat man ihm den Vorsitz einer Bundesstiftung übertragen, die sich mit den Folgen der SED-Diktatur befasst.

Die Stiftung ist eine jener Alibi- und Versorgungsinstitutionen für ehemalige DDR-Dissidenten, deren andere die Behörde ist, welche die Stasi-Unterlagen verwaltet. Ihr stand zunächst der DDR-Oppositionelle Joachim Gauck vor, der inzwischen privatisiert. Jetzt ist Chefin die Ex-Bürgerrechtlerin Marianne Birthler, die zuvor Ministerin im Land Brandenburg war. Dort trat sie zurück, da sie die DDR-Verstrickungen ihres Ministerpräsident Stolpe nicht ertragen mochte; es geschah dies, nachdem sie die DDR-Lehrer an brandenburgischen Schulen besonders pfleglich und nachsichtig behandelt hatte, worunter die dortigen Schulen noch heute leiden.

Die Aufzählung lässt sich fortsetzen. Bärbel Bohley verstummte fast völlig und lebt heute irgendwo, vermutlich auf dem Balkan und vermutlich als Malerin. Wolfgang Ullmann, eine Vaterfigur der friedlichen Revolution, wurde zuletzt Abgeordneter im einflussarmen Europa-Parlament. Gerd Poppe war Menschenrechtsbeauftragter der rotgrünen Bundesregierung, in welchem Amt er völlig verschwand und das Amt mit ihm. Die andere Vaterfigur Richard Schröder kehrte zurück in den akademischen Betrieb, wohin es auch Jens Reich zog. Wolfgang Templin und Konrad Weiß sind Gelegenheitspublizisten. Arnold Vaatz sitzt wie Rainer Eppelmann auf der parlamentarischen Hinterbank. Und so fort.

Sucht man die gegenwärtige politische Landschaft ab nach Personen mit DDR-Biografie, verbleiben auf Bundesebene Angelika Merkel, Cornelia Pieper, Katrin Göring-Eckart, Wolfgang Thierse und Manfred Stolpe, auf Länderebene Mathias Platzek, Dieter Althaus, Harald Ringsdorf und Wolfgang Böhmer, außerdem ein paar Länderminister. Alle Genannten traten erst während des Wendeherbstes 1989 nach vorn, was kein Vorwurf, doch eine Tatsache ist. Jene, die vor dem Mauerfall viel riskierten, unter anderem Freiheit und bürgerliche Existenz, wurden von ihnen mühelos überrundet. Selbst im heutigen Ostdeutschland sind Politiker mit DDR-Vergangenheit eher unterrepräsentiert. Das erfolgreichste der fünf neuen Länder, Sachsen, wurde und wird von West-Importen geprägt.

Allein die Partei des Demokratischen Sozialismus kann mit vielen genuinen Ossis aufwarten, von Lothar Bisky bis Gregor Gysi, von Petra Pau bis Gabi Zimmer und Thomas Flierl. Nun ist die PDS juristischer, personeller und wohl auch ideologischer Nachfolger der bankrotten SED, die zu entmachten und ersetzen das Ziel des Umsturzes von 1989 war. Heute profiliert sich die PDS erfolgreich als Interessenvertreter jener Bevölkerung, die von ihresgleichen früher kujoniert und in den sozioökonomischen Kollaps getrieben wurde. Es spricht dies für den gnadenlosen Populismus dieser Partei und den fahrlässigen Gedächtnisverlust ihrer Wähler. Wer nach den Ursachen für die desolate Lage östlich der Elbe forscht, findet eine davon hier.

Das vielfache Scheitern der DDR-Dissidenten ist erklärbar. Ein Großteil entstammt dem kirchlichen Milieu, wo man zwar Unabhängigkeit bewahren konnte, doch vorherrschende Stimmung der christlicher Moralismus, also der Verzeihung und Nächstenliebe war. Sie war es auch, was sie die Genossen von SED/PDS an die Runden Tische rufen ließ, einer insgesamt sinnlosen Veranstaltung, deren einzig bedeutendes Resultat die Rehabilitation eben jener Genossen war. Dann wollte man auch noch, allen Ernstes, die DDR behalten, eine geläuterte zwar, die DDR immerhin. Die Mehrheit des ostdeutschen Wahlvolkes war anderer Meinung und strafte mit dem Stimmzettel ab.

Statt des geläuterten ostdeutschen Staates gab es die Wiedervereinigung, statt einer politischen Elite aus Reihen von Neuem Forum, SDP und DSU gab es die Inbesitznahme administrativen Schlüsselstellungen durch importierte Westpolitiker, denen dann hurtige Wendegewinnler und tüchtige Opportunisten zuliefen. Sie miteinander bestimmten fortan das Bild und die Entwicklung.

Wie soll man derlei qualifizieren? Den Protagonisten vom Herbst ´89 fehlten das entschiedene Profil, die nötige Machtwille, auch Härte und Biss und Programm. Die friedliche Revolution in der DDR fraß ihre Kinder nicht, sie spie sie aus. Vorausgesetzt wir einigen uns darauf, dass es sich überhaupt um eine Revolution gehandelt habe, da friedliche Revolutionen eigentlich ein Widerspruch sind in sich.
Der historisch anstehende Elitenwechsel in Ostdeutschland fand entweder gar nicht statt oder nicht so, wie er hätte stattfinden müssen. Die Folgen, viele sind negativ, halten bis heute.

"Der Eintritt in die Politik ist der Abschied vom Leben, der Kuss des Todes", hat der kluge Hans Magnus Enzensberger gesagt. Die Protagonisten des Wendeherbstes kehrten aus der Politik zurück ins Leben. Es sei ihnen gegönnt.

Rolf Schneider stammt aus Chemnitz. Er war Redakteur der kulturpolitischen Monatszeitschrift Aufbau in Berlin (Ost) und wurde dann freier Schriftsteller. Wegen "groben Verstoßes gegen das Statut" wurde er im Juni 1979 aus dem DDR-Schriftstellerverband ausgeschlossen, nachdem er unter anderem zuvor mit elf Schriftstellerkollegen in einer Resolution gegen die Zwangsausbürgerung Wolf Biermanns protestiert hatte. Veröffentlichungen u.a. "November", "Volk ohne Trauer" und "Die Sprache des Geldes". Rolf Schneider schreibt gegenwärtig für eine Reihe angesehener Zeitungen und äußert sich insbesondere zu kultur- und gesellschaftspolitischen Themen.

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