Signale
Signale • Gedanken zur Zeit
Sonntag • 12:10
31.10.2004
Die Krise der amerikanischen Führungsmacht
Von Michael Stürmer

John Kerry und George Bush vor dem ersten TV-Duell (Bild: AP)
John Kerry und George Bush vor dem ersten TV-Duell (Bild: AP)
Ob Kerry oder Bush - Amerikas Führungsmacht, überdehnt und unbezahlbar, im Innern nicht getragen und von außen nicht unterstützt, ist in einer ernsten Krise. Aber das einzige, was in der neuen Weltunordnung noch schlimmer ist als amerikanische Stärke, wäre amerikanische Schwäche.

Die Europäer zusammen, Deutschland und Frankreich je für sich, sollten es sich deshalb genau überlegen, worum sie beten. Die Gebete aus Paris und Berlin könnten erhört werden in Washington, und die Amerikaner könnten nach dem Vietnam-Syndrom ein Irak-Syndrom entwickeln, die Welt zur Hölle wünschen und hinter dem Sicherheitsabstand zweier Ozeane und des Nordpolarmeers immer noch das sicherste Land in einer unsicheren Welt sein.

Bush, der Vater, war wohl auf lange Zeit der letzte der amerikanischen Präsidenten, der irgendeinem der Europäer - so im Mai 1989 geschehen - "partnership in leadership" offerierte, als er bei Kohl zu Besuch war. Der britische Premier Blair, alleingelassen von seinen Mit-Europäern, vermochte den Amerikanern Partnerschaft auf Augenhöhe nicht mehr abzuringen. Auch für die Irak-Krise gilt, was General de Gaulle einmal in den Satz fasste: "Der Krieg bringt Dinge ans Licht, die sonst verborgen bleiben". Der Irak-Krieg, Vorgeschichte und Nachgeschichte, wurde Stunde der Wahrheit für die atlantische Allianz in einem Moment, da die Osteuropäer alle Hoffnung darauf setzten, einmal in ihrer Geschichte mit den stärkeren Bataillonen verbündet zu sein - sie meinen die der USA.

Unter den bleibenden Erfahrungen lautet die erste, dass die Amerikaner, wer immer die Höhen der Macht in Washington hält, in existentiellen Fragen nach dem Grundsatz vorgehen: "Zusammen wo wir können, allein wo wir müssen. Was in der Hitze des Wahlkampfs aussieht wie kontrapunktische Positionen, erweist sich auf lange Sicht im Staatsleben als Variation über dieselben Grundthemen. Was die Politik bestimme, wurde Harold MacMillan, der britische Premier, einmal gefragt. Seine Antwort gilt auch für Washington: "Ereignisse, mein Lieber, Ereignisse".

Die zweite Erfahrung lautet, dass die Idee, via Vereinte Nationen die amerikanische Weltmacht handzahm zu machen und auf das Maß der Europäer zu reduzieren, nicht funktioniert - selbst nicht mit Hilfe einer nach Moskau verlängerten "Achse", wie doch tatsächlich der fatale und ahnungslose Begriff in Berlin lautete. Frankreich ebenso wie Deutschland haben bei passender Gelegenheit bewiesen, dass auch für die die UN nicht das Gesetz geben, sondern nur dann, wenn es ihnen passt und wenn die UN als Kräfteverstärker dienlich sind.

Die dritte Erfahrung lautet - und sie ist natürlich auch nicht neu - dass Europa sich nicht gegen Amerika zusammenfügen und zusammenführen lässt, sondern nur innerhalb der weiteren Pax Americana. Die Europäische Union verliert an Kraft, wenn Deutschland und Frankreich in die eine Richtung ziehen, Großbritannien, Polen, Italien und die Niederlande in die andere Richtung. Aus Wahlpolitik in Berlin und Spät-Gaullismus in Paris ist europäische Handlungsfähigkeit niemals zu gewinnen, sondern, was da ist, nur zu verspielen. Europa hat in der Irak-Krise nichts gewonnen ausser einigen schmerzlichen Einsichten in die eigene Impotenz, dafür aber viel verloren, nämlich Vertrauen zu sich selbst und die Gewissheit, in einer existentiellen Krise auf die USA zählen zu können. Wer glaubt, Europa ohne oder gegen Amerika einigen zu können, hat alle historische Erfahrung seit Marshall-Plan und NATO-Gründung vor mehr als 50 Jahren gegen sich. Mehr als das, er handelt gegen, noch einmal de Gaulle zu zitieren, "die Schwerkraft der Tatsachen" und gegen die Physik der realen Macht in der Welt. Er wird Europa vielleicht nicht zerstören, aber auf eine Freihandelszone de luxe reduzieren, mit einer unmöglichen Lenkgeometrie. Denn dann werden die alten nationalen Egos wieder auferstehen, um Subventionen kämpfen und um Positionen, die Großen werden einander belauern, die Kleinen voller Misstrauen Beschützer suchen, und von Europas Handlungsfähigkeit bleibt nicht viel übrig.

Amerika, ob Kerry oder Bush, ist, wie andere Nationen auch, sich selbst der Nächste. Zu seinen Interessen gehören von jeher Sicherheit und Zugewandtheit Europas. In den Zeiten des Kalten Krieges war die Form dafür die NATO. Heute betreiben die Amerikaner das Bündnis als Werkzeugkasten, die Europäer dagegen als Wunderwerk, das unten Sicherheit liefert, ohne dass man oben etwas hineintut. Die NATO ist größer und ratloser als je zuvor. Eine strategische Allianz aber, in der niemand sich mehr auf den anderen verlassen kann, hat ihre besten Zeiten hinter sich.

Wird Amerika die Europäer notfalls gegen ihren Willen retten? Es ist daran zu erinnern, dass die Bush-Administration bis zum 10. September 2001 den Abbau fast aller überseeischen Engagements betrieb und dies weiterhin betreibt, dass der Irak-Krieg nicht zu Wiederholungen einlädt und dass, analog dem Vietnam-Syndrom, ein Irak-Syndrom im Entstehen ist. Kerry hat, um den Wind der öffentlichen Meinung in das Segel zu führen, das Versprechen abgegeben, sich nur auf existentiell notwendige Kriege einzulassen - das macht in Zukunft globales Krisenmanagement nicht leichter. Wer immer Herr des Weißen Hauses sein wird, Isolationismus und Weltmission werden miteinander streiten, und der Ausgang ist gänzlich ungewiss.

Bush ist amerikanischer als Kerry, aber Kerry ist nicht so europäisch, wie die Europäer glauben. Ein Sieg Kerrys wird nicht über Nacht die transatlantischen Misshelligkeiten wegwischen. Im Gegenteil, was man Bush abgeschlagen hat - die NATO-Rolle bei der Nachsorge im Irak - das wird man Kerry gewähren müssen. Sonst kann die NATO für sich selbst am Boulevard Leopold III. in Brüssel halbmast flaggen lassen.

Der 1938 in Kassel geborene Michael Stürmer studierte in London, Berlin und Marburg, wo er 1965 promovierte. Nach seiner Habilitation wurde er 1973 ordentlicher Professor für Neuere und Neueste Geschichte, Sozial- und Verfassungsgeschichte; außerdem lehrte er u.a. an der Harvard University, in Princeton und der Pariser Sorbonne. 1984 wurde Stürmer in den Vorstand der Konrad-Adenauer-Stiftung berufen und zwei Jahre später zum Vorsitzenden des Forschungsbeirates des "Center for European Studies" in Brüssel. Zehn Jahre lang war er überdies Direktor der Stiftung "Wissenschaft und Politik". Zu seinen Veröffentlichungen zählen: "Das ruhelose Reich", "Dissonanzen des Fortschritts", "Bismarck - die Grenzen der Politik" und zuletzt "Die Kunst des Gleichgewichts. Europa in einer Welt ohne Mitte". Im so genannten "Historikerstreit" entwickelte Stürmer die von Habermas und Broszat bestrittene These von der Identität stiftenden Funktion der Geschichte. Stürmer, lange Kolumnist für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", schreibt jetzt für die "Welt" und die "Welt am Sonntag".
-> Signale
-> weitere Beiträge