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Sonntag • 12:10
7.11.2004
Geschichte heute, oder: Ach, Schiller!
Von Cora Stephan

Cora Stephan (Bild: Sven Paustian)
Cora Stephan (Bild: Sven Paustian)
Lasst uns heute einmal nicht an deutsche Schicksalstage denken oder an das ewige Drama der Wiedervereinigung. Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus, zumindest auf dem Buchmarkt: Wir gedenken Friedrich Schillers, des deutschen Dichters, dessen Todestag sich im nächsten Jahr zum 200. Mal jährt!

Ja, Friedrich Schiller, ein Mann der Leidenschaften, des Pathos, der Freiheit, der Kulturnation. Ein Kämpfer gegen die Tyrannis, ein "Weltbürger, der keinem Fürsten dient". Was könnte aktueller sein als er?

Was, stellen wir uns vor, wäre wohl aus unserem Land geworden, wenn nicht Walter Momper, der Mann mit dem roten Schal, sondern der Dramatiker Fritz Schiller 1989 mit Pathos und Leidenschaft intoniert hätte: "Wir Deutschen sind heute das glücklichste Volk der Welt?" Jene Worte, die schon widerlegt waren, als sie gesagt wurden, denn niemand beteuerte eifriger als die Deutschen, es gäbe nicht den geringsten Anlass, den Sieg der westlichen Werte allzu sehr zu feiern, weshalb wir heute auch locker auf einen Feiertag zur Deutschen Einheit verzichten können.

Und wie wäre es wohl der Friedensbewegung der 80er Jahre gegangen, hätte sich der Feuerkopf Schiller an ihre Spitze gestellt und gesagt, was man damals Heiner Geißler so unverdient übel nahm: "Es gibt manchmal wichtigeres als Frieden." Vielleicht hätte man sich unter dem Eindruck eines so leidenschaftlichen Widerstandskämpfers schon damals klar gemacht, dass der Wunsch nach Frieden mit der Sowjetunion auf Kosten all jener freiheitsdürstenden Individuen ging, die unter dem kommunistischen Diktat von Selbstverständlichkeiten wie den Menschen- und Freiheitsrechten nur träumen konnten.

Ach, und wäre es doch nicht Friedrich Merz, sondern Friedrich Schiller gewesen, der uns daran erinnert hätte, dass es im Einwanderungsland Deutschland durchaus so etwas wie eine Leitkultur gibt, die ja einer der Gründe ist, warum manch einer den Aufenthalt in diesem Land dem in seiner Heimat vorzieht. Stattdessen üben wir uns in scheinliberaler Toleranz, die nicht selten an Fahrlässigkeit grenzt. In den Niederlanden hat man seit der Ermordung des Politikers Fonteyns und des Journalisten van Gogh mittlerweile den Vorzug erkannt, der in der Anerkennung und Verteidigung der eigenen Werte liegt, die Respekt erwarten können, auch von jenen, die anders glauben.

Ach, und der Kampf gegen die Tyrannis. Schiller wenigstens hätte als Dilemma erkannt, was die deutschen Kritiker der amerikanischen Bush-Regierung erfolgreich negieren: wie kurzsichtig auch immer der Irakkrieg geführt worden sein mag, immerhin hat er zum Fall des Tyrannen geführt, Saddam Husseins, eines Diktators der besonders blutrünstigen Sorte.

Ja, Schiller. Zu seinen Zeiten fragten junge Männer noch mit allem idealistischen Ernst, "warum und zu welchem Zweck" man sich in der Geschichte auskennen solle. Ja, warum? Um den Unterschied zwischen Gänsemarsch und Stechschritt zu kennen? Die Wurzeln deutscher Geschichte sind, scheint's, nur noch bei den traditionsbewussten Briten aufbewahrt, und da lediglich als Karikatur - in den Boulevardblättern, in denen so getan wird, als gingen die Deutschen ihren alltäglichen Geschäften im Stechschritt nach und schnarrten dauernd "Achtung!" Und wo man noch immer glaubt, der deutsche Kaiser Wilhelm II habe den 1. Weltkrieg vom Zaun gebrochen - aus Frust über seinen verkrüppelten Arm.

Wir hier in unserem kleinen Deutschland kennen uns zwar in der Geschichte auch nicht mehr aus, aber wir haben aus ihr gelernt! Zu unserer Sorte Höflichkeit gehört, dass man sich zur Begrüßung über ein paar gut einzementierte Tabus verständigt, die wir uns in Historiker- und anderen Streitereien selbst eingebleut haben.

Und deshalb, liebe Briten - keine Sorge. Wir verlangen keine Entschuldigung für Dresden, für die völlig unsinnige Vernichtung von Städten und Menschen unter dem Kommando von Bomber-Harris, dem ihr ein so schönes Denkmal gesetzt habt - schon mal gar nicht von der Queen. Und es ist auch nicht richtig, dass wir uns heutzutage als Volk der Opfer sehen wollen, um von den Taten der Vergangenheit abzulenken. Nur in Deutschland findet man Menschen, die noch heute der Meinung sind, Bombenkrieg und Vertreibung von Frauen, Kindern, Zivilbevölkerung gingen schon in Ordnung gegenüber einem "Mördervolk" wie uns.

Wir sind keine Chauvinisten wie nicht wenige unserer Nachbarn, und das hat seine wirklich angenehmen Seiten. Das Problem ist nur: uns fehlt es auch an irgendeinem anderen stabilen Traditionsbewusstsein, das uns hülfe, die Herausforderungen der Zeit zu bestehen. Da hilft wohl auch kein Dichterfürst.


Die Frankfurter Publizistin und Buchautorin Cora Stephan, Jahrgang 1951, ist promovierte Politikwissenschaftlerin. Von 1976 bis 1984 war sie Lehrbeauftragte an der Johann Wolfgang von Goethe Universität und Kulturredakteurin beim Hessischen Rundfunk. Von 1985 bis 1987 arbeitete sie im Bonner Büro des 'Spiegel'. Zuletzt veröffentlichte sie 'Der Betroffenheitskult. Eine politische Sittengeschichte', 'Die neue Etikette' und 'Das Handwerk des Krieges'.
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