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Sonntag • 12:10
14.11.2004
Die Bilder des Bösen
Von Reinhard Kreissl

Der brennende Konvoi des irakischen Justizministers Malik Dohan al-Hassan nach dem Bombenattentat in Bagdad am 17.7. 2004. (Bild: AP)
Der brennende Konvoi des irakischen Justizministers Malik Dohan al-Hassan nach dem Bombenattentat in Bagdad am 17.7. 2004. (Bild: AP)
Gewalt fasziniert jeden, auch diejenigen, die sich dagegen auflehnen. Das macht die immer wieder angezettelten Debatten über Gewalt in den Medien so paradox. Henri Nannen, der journalistische Vater des "Stern", war mit seinem Magazin ein Meister dieser Paradoxie. Er druckte Bilder des Grauens und der Gewalt ab - das wirkte auflagenfördernd und interessierte die Leser. Aber sein Kommentar war immer: Hier sehen Sie Bilder, die wir nie wieder sehen wollen. Das mag verlogen klingen und natürlich - Nannen war ein schlitzohriger Medienmacher. Aber solche Sätze haben eine tiefere Wahrheit: Man muss sich der Gewalt aussetzen, wenn man sie beherrschen will. Nun geht es den Medien natürlich nicht um die Beherrschung der menschlichen Gewalttätigkeit, sondern um die Quote. Das gilt ebenso für die besorgten Experten. Auch die wollen in erster Linie eines, mehr Aufmerksamkeit als die Konkurrenz. Also erregen sich in den Medien in regelmäßigen Abständen die üblichen Diskussionsrunden über die in den Medien gezeigte Gewalt. Alle Beteiligten berufen sich auf gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse: die einen meinen belegen zu können, dass Gewalt im Fernsehen zur Nachahmung anregt, die anderen, dass der Konsum medialer Gewalt reale Gewalt verhindern kann. Die dritten halten es mit der journalistischen Ethik: man muss den Menschen doch zeigen, wie es in der Welt zugeht. Die Argumente sind bekannt und erreichen vor allen Dingen eines: sie machen das zum Thema, was sie doch rundum für schädlich halten: Gewalt.

Unser Verhältnis zur Gewalt ist im wesentlichen voyeuristisch. Gewaltdarstellungen lösen wohlige Schauer der Angstlust aus. Man kann sich echauffieren und ergötzen, den moralischen Standpunkt der Gewaltfreiheit vertreten und sich entschlossen für die Opfer einsetzen. Und das alles, ohne den bequemen Sessel vor dem Bildschirm zu verlassen. Soviel Abenteuer war noch nie. Man könnte eine umgekehrte Proportionalität vermuten: je friedfertiger, reglementierter und langweiliger das Leben, desto größer das voyeuristische Interesse an Gewalt. Je geringer der Handlungsspielraum und die Möglichkeiten zum Ausleben der eigenen Aggression, desto größer der Wunsch, in der Rolle des Zuschauers stellvertretend die Rächer der Entehrten zu beobachten. Je weniger Möglichkeiten zum Ausleben der eigenen Gewalt, desto größer das Bedürfnis sie andernorts in Szene zu setzen.

Am besten lassen sich diese Mechanismen in der Politik beobachten. Hier betätigen sich die verantwortlichen Brandstifter nach dem Motto "Haltet den Dieb" als Feuerlöscher. Mit dem Hinweis auf die gefährliche Gewalttätigkeit des vermeintlichen Feindes wird der eigene Einsatz von Gewalt gerechtfertigt. Das gilt im großen, wie im Kleinen. Im Irakkrieg wie in der Kriminalpolitik. Die eigene Gewalt ist dann immer nur eine Reaktion der Notwehr und Verteidigung - aber es ist blanke Gewalt. Kriegführen und Strafen sind zwei Formen der gesellschaftlich akzeptierten Gewaltausübung und sie befriedigen beide einen tiefsitzenden Bedarf an Gewalttätigkeit. Noch in den alten Strafriten, in der öffentlichen Hinrichtung des Missetäters im Angesicht der versammelten Massen tritt dieser Zusammenhang offen zu Tage. Man hängt den Dieb vor aller Augen und es verbreitet sich im Publikum das gute Gefühl auf der richtigen Seite zu stehen.

Der neue und alte amerikanische Präsident hat mit dieser Politik nach Wildwestmanier Erfolg. Die Mischung aus christlichem Kreuzritter und Beschützer vor den Bedrohungen des Terrorismus hat mehr als die Hälfte der amerikanischen Bürger hinter ihm versammelt. Wer interessiert sich noch für Armut und Leid im eigenen Land, für marode Staatsfinanzen und zerfallende Industrien, für Arbeitslosigkeit und Bildungsnotstand - viel erregender und bedrohlicher ist der große unsichtbare Feind. Mit aller militärischen Macht und Gewalt des Imperiums rückt man ihm zu Leibe. Dieser Feind leistet Widerstand, die Spirale der Gewalt dreht sich immer weiter und alle sitzen davor und schauen zu. Denn es sind letztlich die Zuschauer, für die das Spiel der Gewalt am Laufen gehalten wird. Diejenigen, die ihr Leben lassen und die man - je nach Position - als Täter oder Opfer bezeichnen kann, sterben nicht aus freien Stücken. Sie agieren im Bann einer realen Gewalt, die uns als Spektakel dient. Wir sterben nicht, wir schauen den anderen dabei zu. Wir leiden nicht, wir erregen uns über das Leiden. Ein kluger Beobachter hat dies als symbolische Politik mit Menschenopfern bezeichnet: man bedient sich realer Gewalt um das Gewaltbedürfnis der Massen zu bändigen und ihre Aufmerksamkeit zu fesseln.

Die Bilder des Bösen, angefangen vom trivialen Fernsehkrimi bis hin zum Reality-TV der Geiselvideos aus dem Irakkrieg halten uns im Zustand des ambivalenten Schreckens. Sie bannen den Blick und lenken die Aufmerksamkeit von der Banalität und Brutalität der eigenen trivialen Existenz ab. Mit dem Blick auf das stellvertretende Opfer erscheint das eigene nackte Leben als letztes Gut, das zu schützen ist. Unter welchen Bedingungen es geführt werden muss - diese Frage stellt keiner mehr.


Dr. Reinhard Kreissl: geb. 1952, ist Soziologe und Publizist. Studium in München, Promotion in Frankfurt/Main. Habilitation an der Universität Wuppertal. Kreissl hat u.a. an den Universitäten San Diego, Berkeley und Melbourne gearbeitet. Er hat zahlreiche wissenschaftliche Publikationen verfasst und schrieb regelmäßig für das Feuilleton der ‘Süddeutschen Zeitung'. Letzte Buchpublikation: ‘Die ewige Zweite. Warum die Macht den Frauen immer eine Nasenlänge voraus ist'.


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