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Signale • Gedanken zur Zeit
Sonntag • 12:10
28.11.2004
Erinnerungen an den Fortschritt
Von Wolfgang Sofsky

 Wolfgang Sofsky (Bild: privat)
Wolfgang Sofsky (Bild: privat)
Es wird die Zeit kommen, da auf Erden nur noch freie Menschen leben, die keinen Herrn mehr über sich anerkennen als ihre Vernunft. Sklaven und Despoten, Priester und Dunkelmänner wird es nur noch in Geschichtsbüchern oder auf Theaterbrettern geben. Niemand wird mehr Hunger leiden, niemand mehr im Elend sterben. Versöhnt mit der Natur, mit sich selbst und den anderen werden die Menschen leben, im Bewusstsein der Freiheit und der Sittlichkeit. Diesem Zwischenziel steuert die Geschichte zu. Rückschläge können die Entwicklung verzögern, aber nicht aufhalten. Denn der Fortschritt ist der Leitfaden allen menschlichen Handelns. Er nährt die Zuversicht, ohne die kein Handeln auskommt. Hätte der Mensch nicht die Hoffnung, dass sich die Verhältnisse zum Besseren wenden ließen, er würde alsbald jedes Handeln beenden - und sich selbst aufgeben.

Nach den Katastrophen des letzten Jahrhunderts ist im alten Europa die Idee des Fortschritts weithin außer Kurs gesetzt. Wer an die Macht der Vernunft erinnert oder die Universalität der Freiheitsidee verteidigt, läuft Gefahr, für unzeitgemäß gehalten oder des kulturellen Imperialismus geziehen zu werden. Jede Region habe ihren eigenen Fortschritt, heißt es, denn jede Kultur sei gleich fern von Gott. Im Nebel der Gleichgültigkeit indes verschwindet auch die Urteilskraft. Aus der Tatsache, dass eine Idee an einem Ort entstanden ist, folgt mitnichten, dass sie nur dort gültig sei. Das Schuldgefühl über die Untaten europäischer Missionare und Kolonisatoren ist ein miserabler intellektueller Ratgeber. Ein Fortschritt der Freiheit bedeutet überall dasselbe, ob in einem Dorf in den Anden, einem Slum in Bombay, einer Siedlung in Sibirien oder einer irakischen Provinzstadt. Freiheit, das heißt Abwesenheit von Zwang und geistiger Bevormundung, Meinungs-, Rede- und Versammlungsfreiheit, Wahlmöglichkeiten, Lebenschancen. Der Propaganda lokaler Propheten und Ideologen darf man nicht aufsitzen. Die kommunistische Tyrannei pflegte sich stets als das größte Fortschrittsprojekt der Menschheit auszugeben. Ihr Ende jedoch war einer der größten Siege in der Weltgeschichte der Freiheit.

Gewiss, die Kritik des Fortschritts ist längst abgeschlossen. Fortschritt gibt es nur im Plural. Wie es statt der Geschichte in Wahrheit nur Geschichten gibt, so verhält es sich auch mit dem Fortschritt. Es gibt Fortschritte in der Medizin, in der Verkehrs- oder Nachrichtentechnik. Viele Menschen leben länger und besser als vor einigen Jahrzehnten. Dem stehen Not und Elend in anderen Weltregionen gegenüber. In der Wissensgesellschaft hierzulande nehmen die Kenntnisse rapide zu, aber ebenso die Bildungsverluste und die kollektive Verblödung. Fortschritte sind weder unaufhaltsam noch unumkehrbar, sie sind weder zwangsläufig noch zufällig. Keine Geschichte verläuft linear schräg nach oben. Und keine endet an einem letzten Zielpunkt, solange zumindest, wie Menschen existieren, die nicht in Zufriedenheit erstarrt sind.

Fortschritte verlaufen weder parallel noch gleichzeitig. Und manche Bereiche sind ganz von der Entwicklung ausgenommen. Neue politische Freiheit bedeutet nicht auch Entwicklung der Moral oder der Affekte. Die Menschen dürfen und können mehr, aber sie werden nicht besser. Ihre Leidenschaften und Gefühle sind diejenigen ihrer Vorfahren. Und was ihre sittliche Ausstattung anlangt, war die Menschheit von Anbeginn komplett. Das eigene Leben für andere aufzuopfern, diesen höchsten Akt der Moral vermochten gewiss schon die Urahnen. Dass sich diese Tugend unterdessen weiter verbreitet hat, ist wenig wahrscheinlich. Das Böse wird kein Fortschritt je aus der Welt schaffen.


Fortschritte sind nicht immer zum allgemeinen Vorteil. Geschichte hinterlässt Gewinner und Verlierer. Aber nicht jeder Verlierer ist zu bedauern. Die Befreiung Europas von der Knute des Totalitarismus war ein Fortschritt sondergleichen. Zu den Verlierern zählten die Profiteure von gestern, Parteibonzen, Funktionäre, Spitzel und Schergen. Nicht immer sind Fortschritte friedlich und ohne Gewalt zu haben. Despoten und ihre Gehilfen gehen selten freiwillig, ein Unrechtsregime muss gestürzt, die Freiheit erobert und gesichert werden. Von selbst stellen sich Fortschritte nicht ein. Fortschritt macht Arbeit und kostet Anstrengung. Er fordert Mut, Einfallsreichtum, Initiative, Abkehr von der Vergangenheit.

Die Rede vom Fortschritt hat ihre eigene Zeit. Aufstrebende Gesellschaften, die gerade die Bühne der Weltgeschichte betreten, sprühen vor Elan und Hoffnung. Die Menschen entwerfen Projekte und lassen sich von Rückschlägen nicht aufhalten. Die Vergangenheit kümmert sie wenig. Sie behalten nur im Gedächtnis, was sie nicht behindert. Für die Sentimentalität der Erinnerung fehlt ihnen der Sinn. Sie reizt das Neue, sie experimentieren, verwerfen und zerstören. Der Fortschritt ist nicht nur eine produktive Kraft. Damit es voran geht, muss Altes zur Seite geschoben, muss die Tradition entwertet, die Vergangenheit vergessen werden.

Alte Gesellschaften indes haben ihre Zukunft hinter sich. Vergeblich klammern sich ihre Bewohner an Traditionen, Werte, Besitzstände. Sie pflegen den Kult des Gedächtnisses; und wenn sie nichts mehr haben, worauf sie noch stolz sein könnten, dann predigen sie Eintracht, Versöhnung, Gewohnheit. Doch das gründliche, höchste Interesse hat sich aus ihrem Leben verloren. Gegensätze stören nur den konservativen Traum vom Stillstand. Die Gesellschaft lebt nur noch vom Genuss ihrer selbst. Ziele hat sie aufgegeben. Verzweifelt hält sie fest an dem, was sie hat. Ihr Bedürfnis ist befriedigt. Solche Gesellschaften sind eine politische Nullität. Sie verbreiten nur Langeweile. Im Niedergang bleibt ihnen nichts, worauf sie hoffen oder was sie gewinnen könnten. Sie haben keine Mission, kein Projekt, keine Vision, nicht einmal mehr einen Begriff vom Fortschritt.

Wolfgang Sofsky, Jahrgang 1952, ist freier Autor und Professor für Soziologie. Er lehrte an den Universitäten Göttingen und Erfurt. 1993 wurde er mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet. Er publizierte u.a.: "Die Ordnung des Terrors. Das Konzentrationslager" (1993), "Figurationen sozialer Macht. Autorität - Stellvertretung - Koalition" (mit Rainer Paris, 1994) und "Traktat über die Gewalt" (1996). 2002 erschien "Zeiten des Schreckens. Amok, Terror, Krieg", und zuletzt der Band "Operation Freiheit. Der Krieg im Irak".
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