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Sonntag • 12:10
5.12.2004
Der Zukunft zugewandt?
Über Patriotismus, Leitkultur und Ethik
Von Cora Stephan

Cora Stephan (Bild: Sven Paustian)
Cora Stephan (Bild: Sven Paustian)
Vielleicht haben wir das ja verdient, was uns der Spiegel letztens verunsichert berichtete: Dass sich deutsche Mädels Mieze nennen und "bin nicht mehr fremd in meinem Land" trällern, das deutsche Maler wieder blonde deutsche Knaben malen und deutsche Politiker "Wir lieben unser Land" stammeln. Für die Jugend jedenfalls gilt, dass man sich schließlich von irgendetwas abgrenzen muss, und was tut man schon gegen eine Multikulti-Kultur, die vor kurzem noch "Halt's Maul, Deutschland" bellte oder "Ausländer, lasst uns mit diesen Deutschen nicht allein" flehte? Eben. Man formuliert die Dinge mal ganz, ganz anders.

Und schon deshalb keine Angst vorm neuen deutschen Patriotismus insbesondere unserer Politiker, deren Liebeserklärungen sich in den nächsten Wochen zum Crescendo steigern werden, bis wir es alle wieder leid sind. Schon, weil die Motive so durchsichtig sind: Da sind die Wähler, die mal rechts bis rechtsradikal gewählt haben oder es bei nächster Gelegenheit tun werden; die stehen auf so was wie Vaterlandsliebe. Da sind die leeren Kassen, die es tunlich machen, an höhere Werte zu appellieren wie die gute alte Opferbereitschaft. Wie sagte es Hamburgs Ole von Beust? "Nur wenn wir unser Land lieben, sind wir bereit zu Opfern." Und da sind unsere Nachbarn, die uns vormachen, wie es geht: Die Franzosen genieren sich nicht ihres Imperators Napoleon, die Briten nicht ihres Terminators Bomber-Harris. Ganz zu schweigen von all denen, die ernstlich glauben, der Nationalstolz, zum Beispiel der türkische, verbiete ihnen das Erlernen der deutschen Sprache und die Aufforderung zur Integration sei menschenfeindlicher Kulturimperialismus.
Dagegen kann man schon mal den eisenharten Patrioten mimen, wie sie es derzeit alle tun, von Gerhard Schröder bis Angela Merkel oder Guido Westerwelle. Was natürlich zum Vorhersehbaren führt: Dass man nämlich beim zigsten Bekenntnis einer Liebe zu Deutschland Überdruss empfindet und Lust bekommt, sich wieder abzugrenzen von der Neuentdeckung des eigentlich Selbstverständlichen: Dass man ein Gemeinwesen schätzen sollte, das nicht nur materielle Vergünstigungen bietet, sondern Rechtsgüter sichert, nicht zuletzt die Gleichberechtigung der Frauen. Und dass, wer hier lebt, sich einzulassen hat auf die Regeln, die dieses Gemeinwesen sich gegeben hat - und der hierzulande herrschenden Kultur der Verständigung insofern entgegenkommen sollte, als er die Sprache beherrscht, die sie zur Voraussetzung hat.

Der Bundespräsident Horst Köhler hat das in seiner Tübinger Rede zum "Weltethos" mit genau der Leichtigkeit und Festigkeit gesagt, die nötig ist - und die fast vergessen lässt, wie vermint das Terrain auch heute ist. Während die Franzosen die Selbstinthronisation Kaiser Napoleons vor 200 Jahren ohne jegliche historische Bedenken feiern und die blutigen Seiten der französischen Revolution vornehm übersehen, galt hierzulande schon der Begriff Nation lange Zeit als Tabu, weil Deutschlands finsterste Jahre sich angeblich übersteigertem Nationalgefühl verdankten. Noch 1989 wurde der Wunsch nach einer Wiedervereinigung Deutschlands als verfehlter Nationalismus kritisiert. Dass sich Freiheitsgarantien und Menschenrechte am besten im nationalstaatlichen Rahmen sichern lassen, der sich vom Zusammengehörigkeitsgefühl engster Gemeinschaften emanzipiert hat und doch dichter ist als ein großes Gefüge wie Europa, drang gegen die negative Aufladung dieses Begriffs nicht durch.

Vielleicht erfreute sich auch deshalb der Kulturrelativismus des Multikulti so lange so großer Beliebtheit - fremde Sitten und Gebräuche waren hierzulande geheiligt, auch wenn sie gegen Recht und Gesetz, gegen Menschenwürde und die Gleichberechtigung verstießen - bis arrivierten grünalternativen Eltern endlich auffiel, dass ihre Kinder in Schulklassen lernen, in denen 70 Prozent der Schüler kein Deutsch sprechen und dass es dabei selten zu jener einst erwarteten Bereicherung beider Seiten kommt. Meistens verlieren alle.

Ein sinnvoller Dialog der Kulturen aber, sagte Köhler in seiner Tübinger Rede, sei nur möglich, wenn "wir wissen, wer wir sind und woher wir kommen". Zu dieser Vergangenheit gehört weit mehr als die schmutzigen zwölf Jahre Hitler, auf die wir uns selbst reduziert haben, was uns bei nicht wenigen unserer Nachbarn nicht versöhnliche Zuneigung, sondern Verachtung einträgt.

Wem das Patriotismusgebimmel in Politik und Medien bald leid ist, möge beim Bundespräsidenten Zuflucht nehmen, der die zivilisatorischen Standards des Grundgesetzes zur Richtschnur macht. Man muss keinen Nationalstolz haben, um diese Standards mit Zähnen und Klauen zu verteidigen - nur den brennenden Wunsch, sich kein neues Mittelalter aufzwingen zu lassen.


Die Frankfurter Publizistin und Buchautorin Cora Stephan, Jahrgang 1951, ist promovierte Politikwissenschaftlerin. Von 1976 bis 1984 war sie Lehrbeauftragte an der Johann Wolfgang von Goethe Universität und Kulturredakteurin beim Hessischen Rundfunk. Von 1985 bis 1987 arbeitete sie im Bonner Büro des 'Spiegel'. Zuletzt veröffentlichte sie 'Der Betroffenheitskult. Eine politische Sittengeschichte', 'Die neue Etikette' und 'Das Handwerk des Krieges'.
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