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Sonntag • 12:10
12.12.2004
Doch die Verhältnisse, die sind nicht so
Von Eva Demski

Die Kunst des Reichtums (Bild: AP)
Die Kunst des Reichtums (Bild: AP)
Gelegentlich ist es in der gleichen Zeitung zu lesen und manchmal sogar auf der gleichen Seite: Die Deutschen sind verschuldet. Aber auch: Die Deutschen sind Sparbillionäre. Billionäre! Und niemandem fällt offenbar auf, dass das nicht zusammenpasst. Oder machen zigtausende Menschen Schulden, um das geliehene Geld auf schlechtverzinste Sparguthaben zu packen? Weiter heißt es: Die Deutschen konsumieren zu wenig und sitzen auf Säcken voll Geld. Und gleichzeitig: Die Deutschen konsumieren zu viel, und zwar auf Pump. Es gibt eine neue Armut. Es gibt einen breiten Reichtum. Ja, was denn nun? Und wie sehen eigentlich die Verhältnisse aus, über die angeblich gelebt wird? Die aber andererseits von vielen nicht erreicht werden können?

Oder anders gefragt: Was braucht es zum Lebensglück, und kann man diese Bedürfnisse objektiv messen? Objektiv? Bei diesem Versuch kann man besser als bei vielen anderen sehen, dass Objektivität eine Fiktion ist. Zwischen dem Wunsch nach einer Sommerwiese für sich allein und dem, acht Stunden mit einer unbegrenzt nutzbaren Kreditkarte bei Saturn oder meinetwegen YSL verbringen zu dürfen, klaffen Welten. Und die Erfüllung des erstgenannten Wunsches kostet gar nichts, während der zweite das Konto eines Normalbürgers in Schutt und Asche legen kann.

Wirklich? Oder nur falsch gerechnet? In Wirklichkeit nämlich, oder besser gesagt, in unserer ziemlich ungestörten kapitalistischen Ordnung lebt nämlich der mit der Sommerwiese ganz unverschämt über seine Verhältnisse. Liegt da und schaut in den Himmel. Fällt fürs Bruttosozialprodukt aus. Verhindert die Umwidmung einer nutzlosen Unkrautbrache in Bauland. Verweigert sich der Inanspruchnahme von Gastronomie, Verkehrsverbund, Druckereigewerbe, und hundert anderen Dienstleistern. Wären alle so, bräche das ganze schöne System zusammen.

Andererseits wird das vom vorhin genannten Kreditkartennutzer - oder der Nutzerin - gottseidank in Gang gehalten. Der Erwerb von bergeweise Unterhaltungselektronik und später ungenutzt herumstehenden Küchengeräten oder teurer, wenn auch nicht sehr kleidsamer Klamotten ernährt viele Menschen, wenn auch die meisten davon in fernen Ländern. Aber immerhin.

Leben wir also über unsere Verhältnisse oder haben wir gehorsam vergessen, was wahrhaft wünschenswerte Verhältnisse wären? Für uns, die Bürger, wünschenswert, nicht für den Staat, die Konzerne, Banken, Versicherungen, die uns täglich sagen, wie wir uns zu verhalten haben, damit sie weiter expandieren können? Da gibt es Unvereinbarkeiten: Die Pharmaindustrie möchte, dass wir uns ihrer Mittel großzügig bedienen, wogegen die Versicherungen sagen, dass sie die nicht bezahlen. Darüber, ob man das Zeug braucht und es einem nützt, äußert sich allerdings niemand. Wo sind da unsere Verhältnisse, denen entsprechend es zu leben gilt, weder drüber noch drunter? Schwer zu entscheiden.

Andererseits haben sich zum Beispiel Schönheitsoperationen verzigfacht, und aus Suppenhühnern werden Schwäne geschnitzt. Entspricht es den Verhältnissen, innerhalb derer man sich bewegen sollte, dass es keine Suppenhühner, sondern nur noch Schwäne gibt? Und die Schwäne dann für fünfzehn Euro nach Gran Canaria fliegen?

Je länger wir die Verhältnisse drehen und wenden, desto unklarer wird, wie sie beschaffen sein sollten. Es ist tröstlich, dass auch die Auguren der Marktwirtschaft offenbar keine Ahnung haben, wie dem öffentlichen Wohl aufzuhelfen wäre. Sagt der eine: Steuern runter und kauft wie die Verrückten! - sagt mit Sicherheit ein anderer: Sparen, sparen, sparen!

Ja was denn nun? In irgendeinem Verlies lagern die zusammengekratzten Billionen derer, die sich nichts zu kaufen trauen, weil ja alles immer schlimmer wird, und in einem anderen Verlies, in den virtuellen Schuldtürmen der Neuzeit, sitzen all die Verzweifelten, die bestellt haben was die Kataloge hergeben und e-bay zum Glühen brachten. Welche sind nun für die Volkswirtschaft bekömmlicher? Oder ist beides falsch? Oder ist beides einfach nicht wahr?

Verhältnismäßig, in richtigen Verhältnis mit sich selber zu leben heißt nichts anderes als: nicht alles machen wollen und haben wollen was einem andere sagen oder vormachen. Nicht drauf reinfallen wenn einem die Bank einen Weihnachtskredit vor die Nase hält, der nichts anderes bedeutet als dass man den Kram, der zum Teil schon eine Woche nach Heiligabend unbenützt in der Ecke liegt, im Februar bezahlen muss - nämlich wenn man den Wunscherfüllungswahn längst vergessen hat. Sich aber das schöne Essen, die Konzertkarte oder eine kleine Reise nicht verkneifen, wenn's irgend geht.

Das letzte Hemd hat keine Taschen. Es geht also darum, möglichst lang mit den vorletzten Hemden fröhlich zu leben. Die braucht man. Sie dürfen hin und wieder auch aus Seide sein. Müssen aber nicht, wenn's grade nicht geht. Das weise Wort der Vita Sackville-West für Gartenbesitzer lässt sich auf viele Lebensbereiche anwenden: "Kommt, lasst uns pflanzen und fröhlich sein, im nächsten Jahr sind wir vielleicht schon alle bankrott."

Eva Demski: Schriftstellerin, Journalistin. 1944 in Regensburg geboren, studierte Germanistik, Kunstgeschichte und Philosophie. Sie arbeitete zunächst am Theater und als freie Lektorin und Übersetzerin, später für Kultursendungen in Hörfunk und Fernsehen sowie für verschiedene Zeitschriften. Nebenbei entstanden zahlreiche Fernsehfilme und Essays. Ihr Romandebüt gab Eva Demski 1979 mit "Goldkind". Zuletzt erschienen der Roman "Das Narrenhaus" und "Zettelchens Traum". Die mit mehreren Preisen ausgezeichnete Autorin lebt in Frankfurt am Main.
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