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Sonntag • 12:10
19.12.2004
Die Welt mit den Augen des Anderen sehen
Von Reinhard Kreissl

Justitia-Statue in Frankfurt am Main (Bild: AP)
Justitia-Statue in Frankfurt am Main (Bild: AP)
Was wurde eigentlich aus der Gerechtigkeit? Es ist still geworden um diesen schönen Begriff, der in vorweihnachtlichen Zeiten oft Thema erbaulicher Reden war. Wer erinnert sich noch an Diskussionen über soziale oder Verteilungsgerechtigkeit, an die Zeiten, in denen Gerechtigkeit als regulative Idee bei politischen Auseinandersetzungen zumindest rhetorisch ihr segensreiches Wirken entfaltete? Wer Gerechtigkeit forderte, stand auf der richtigen Seite. Auf einem Traditionspolster fragloser ethischer Verpflichtungen thronte die Gerechtigkeit und jeder Redner erwies ihr seine Referenz. Jedem das Seine, wenn nicht gar das Gleiche aber zumindest ausreichend - an Geld, Bildung, Chancen und Teilhabe. Man konnte Gerechtigkeit einfordern. Wurde sie verweigert, hatte man ein Anrecht auf Kompensation.

Aber wer sagt denn, dass die Welt in diesem Sinne gerecht sein muss? Zwei abschlägige Antworten hört man auf diese Frage, eine verschämte und eine unverblümte. Die unverblümte operiert mit Formulierungen wie Leistungsgerechtigkeit, die als Begründung für hohe oder niedrige Einkommen herhalten. Dass die einen viel, die anderen wenig haben und die einen immer mehr, die anderen immer weniger bekommen, dass also die ökonomische Spreizung in der Gesellschaft und weltweit zunimmt, hat seine Ordnung, ist gerecht. Denn in dieser Differenz drücken sich die Unterschiede zwischen den Menschen aus. Die Top Dogs der Weltwirtschaft und die nachgeordneten Kläffer leisten mehr, sie mehren den Reichtum und dafür sollen sie auch mehr bekommen. Mein Haus, mein Auto, meine Yacht - alles selbst erarbeitet. Vorbei die Zeiten des verschämten Reichen, der seine weltlichen Güter eher versteckte, um den Eindruck allzu großer Ungleichheit - die es natürlich immer schon gab - zu vermeiden. Man zeigt was man hat und findet es gut so. Keine sanfte Nötigung, sich rechtfertigen zu müssen. Wer hier Umverteilung im Namen der Gerechtigkeit fordert, wird auf den Markt verwiesen. Denn der verträgt angeblich keine umverteilenden Eingriffe, und er bietet jedem seine Chance. Man sieht es doch an den Reichen - sie haben ihre Chance genutzt. Wer das nicht tut, ist selbst schuld. Ende der Debatte.

Die verschämte Variante nimmt den Umweg über die Notwendigkeiten. Muss eine Gesellschaft nicht zuallererst sicher sein, bevor sie gerecht werden kann? Muss man nicht erst den Reichtum erarbeiten, bevor man ihn gerecht verteilt? Also sind wir für Kinderarbeit in der Dritten Welt, denn diese Form der Wertschöpfung bildet die erste Stufe auf dem Weg zur voll entwickelten Marktwirtschaft mit stabilen politischen Verhältnissen. Also sind wir für Kürzung der Sozialleistungen, denn die Renten müssen gesichert werden, dazu muss der Standort attraktiv sein und wenn wir erst wieder Wachstum haben, dann werden wir uns den Fragen der Gerechtigkeit zuwenden. Bis dahin hat jeder den Gürtel enger zu schnallen, auch wenn der Bauchumfang unterschiedlich ist.
Gerechtigkeit - für die einen überflüssig, für die anderen ein Luxus, was in etwa auf das gleiche hinausläuft.

Wer heute die Forderung nach Gerechtigkeit erhebt, muss sich rechtfertigen und findet Gehör nur dann, wenn er im Jargon der Zeit spricht. Ökonomen haben den wirtschaftlichen Wert sozialer Gerechtigkeit nachgewiesen und dafür sogar den Nobelpreis erhalten. Die Vorstellung, dass allen Menschen Anerkennung und Respekt gebührt und ihnen daher die Mittel und Möglichkeiten für ein entsprechendes Leben bereitgestellt werden sollten, gilt nicht mehr als selbstevident. Man hält dagegen mit der Faktizität der Wirklichkeit. Sehen wir nicht, dass allerorten naturwüchsig zunehmende Ungleichheit sich ausbreitet? Was soll dann die gerechtigkeitsselige Gleichmacherei, sie ist gegen die Natur! Aber dieser scheinbar grimmige Realismus ist nichts als schlecht kaschierte Barbarei. Denn Ideen wie soziale Gerechtigkeit sind ihrem Wesen nach Produkte einer kulturellen Entwicklung. Es ist die Fähigkeit des Menschen, sich den Lauf der Dinge anders vorzustellen, als es den natürlichen Gegebenheiten und Ungleichheiten entspräche, die zur Vorstellung der Gerechtigkeit führt. Man kann hier die großen Philosophen bemühen, aber es genügt der gesunde Menschenverstand. Wer immer nur auf einen anderen herabschaut, der wird nie wahre Anerkennung finden. Denn die gibt es nur auf Augenhöhe im Angesicht von seinesgleichen. Anerkennung aber braucht der Mensch als soziales Wesen. Mit solchen Überlegungen kann man für soziale Gerechtigkeit und Gleichheit der Lebensverhältnisse argumentieren. Dass sie etwas für sich haben, sieht man daran, dass auch diejenigen, die sich gegen die Idee der sozialen Gerechtigkeit aussprechen, gern im Kreise Gleichgesinnter sich bewegen. Was nützt der Achtzylinder in der Garage und das Penthouse am Meer, wenn man die Bilder davon nur dem Gärtner zeigen kann. Es muss schon einer sein, dem man auf gleicher Ebene begegnet. Und so finden sich auch entsprechende Forderungen nach Gerechtigkeit auf lokaler Ebene, im kleinen Kreis der Gleichgesinnten. Denn welcher Reiche wird einem anderen Reichen den Abstieg in die Armut zumuten wollen. Schließlich weiß man ja, wie es einem ergehen würde, der in der gleichen Lage wie man selbst ist. Diese Fähigkeit, die Welt mit den Augen des Anderen zu sehen, und sich in seine Lage zu versetzen, das heißt im Geiste mitzuleiden, ist vermutlich das tiefste Fundament für die Begründung jeglicher Form von sozialer Gerechtigkeit. Wer an diesen Grundlagen rüttelt, darf sich nicht wundern, wenn eines Tages das ganze Gebäude über ihm zusammenfällt.

Dr. Reinhard Kreissl, geboren 1952, ist Soziologe und Publizist. Studium in München, Promotion in Frankfurt/Main. Habilitation an der Universität Wuppertal. Kreissl hat u.a. an den Universitäten San Diego, Berkeley und Melbourne gearbeitet. Er hat zahlreiche wissenschaftliche Publikationen verfasst und schrieb regelmäßig für das Feuilleton der "Süddeutschen Zeitung". Letzte Buchpublikation: "Die ewige Zweite. Warum die Macht den Frauen immer eine Nasenlänge voraus ist".
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