Signale
Signale • Gedanken zur Zeit
Sonntag • 12:10
25.12.2004
Geschenke, Geschenke
Nur was von Herzen kommt, ist Geschenk
Von Michael Stürmer

Haben Sie zu Weihnachten das Richtige geschenkt? (Bild: AP)
Haben Sie zu Weihnachten das Richtige geschenkt? (Bild: AP)
Sie brauchen nur noch zwei Tage zu warten, dann können Sie alle unerwünschten Geschenke zurückgeben oder umtauschen. Vorausgesetzt allerdings, dass der Geber auch die Güte hatte, den Kassenzettel gleich mitzuliefern. Andernfalls muss, was nicht gefällt, unter Versicherungen großer Dankbarkeit ins Recycling der unerwünschten Liebesgaben eingeführt werden. Dort kehrt es wieder an seinen Ursprung zurück. Welche Überraschung, wenn nach ein paar Jahren das kleine Monstrum sich wieder auf Ihrem Gabentisch einstellt. Man sollte deshalb sorgsam Buch führen, an wen man weiter verschenkt, was man selbst nicht haben wollte. Das falsche Parfüm, den geschmacklosen Schlips, den kratzenden Wollshawl, das Abo einer penetranten Wochenzeitung, eine Soft-Porn-Videokassette - und was der Greuel mehr sind. Lernen Sie zuerst, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, und dann, es selbst zu spielen. Für teure Objekte empfehlen sich Londoner oder Genfer Auktionen, für billige der Weihnachtsbazar der guten Zwecke.

Schenken ist eine ernste Sache, mitunter folgenreich. Das Danaergeschenk, das die Griechen einst auf dem Strand von Troja zurückließen, ist seit der Antike sprichwörtlich: Das hölzerne Riesenpferd war insgeheim voll wie ein Ei mit Soldaten. Die Trojaner aber, statt es anzuzünden, wie die kluge Kassandra riet, schleppten das Pferd samt waffenklirrendem Inhalt in ihre Stadt, wo die Griechen alsbald ans Werk gingen, die Männer erschlugen und Weiber und Kinder zu Sklaven machten.

Beschenkt werden will gelernt sein, wie zahlreiche Beispiele lehren, aber Schenken auch. Doch das ist schwierig. Die Grundregeln indessen sind einfach seit vielen Generationen: Man braucht sich nur zu fragen, warum die picassohafte Farbzeichnung eines Kindes, ungelenk beschriftet, mehr willkommen ist als die dritte Quartzuhr, oder das Blockflötenspiel mehr als Wagners Ring des Nibelungen auf CD. Wenn es am

Ende des Tages nur auf die Menge an Gold ankommt, warum bezahlt man die Dame nicht gleich in bar? A diamond is forever - so ließ De Beers einst für den kleinen Glitzerkram werben - bis den Leuten der traurige Kontrast zur Liebe auffiel, die doch eigentlich gemeint war, aber selten "forever". "A girl's best friend" - so lautete die nächste Verheißung. Aber auch die hatte einen traurigen Unterton. Denn da wurde angespielt auf die Flüchtigkeit der Liebe im Moment ihrer Erfüllung.

Nur was von Herzen kommt, ist Geschenk. Was aus Pflicht gegeben wird, ist Belästigung. Herz ist Trumpf. Was man sich nicht, wenigstens ein bisschen, vom Herzen reißen muss, ist nicht wert, verschenkt zu werden. Geld allerdings ist nicht immer verwerflich. Es gibt legitime Wünsche, die nur erfüllbar sind, wenn nach dem Prinzip der Aktiengesellschaft viele kleine Kapitalien ein großes Kapital ergeben. Aber Geld sollte bitte die Ausnahme sein. Denn Geld zu schenken verstößt gegen das Prinzip, und wenn es nicht zwischen Großeltern und Enkeln stattfindet, tragen Geldgeschenke eine Botschaft, einen Hauch von Einfallslosigkeit oder gar, je ferner die Beziehung, von Korruption, Käuflichkeit und Verachtung in sich. Überhaupt sind Geschenke sehr geeignet, anderen Leuten zu nahe zu treten. Wer ist schon so am Verhungern, dass er einen riesigen Präsentkorb aus der nahen Edelsause braucht? "Für was hält der mich?" - ist die unausweichliche Gegenfrage. Wein und Sekt, vorzugsweise Champagner, sind in überschaubaren Mengen zulässig, aber zugleich ein echter Geschmackstest für beide Seiten. Greift man zu hoch, ist das Imponiergehabe. Greift man zu niedrig, eine Kränkung des Kenners. Champagnersorten vom Discounter schmecken manchmal auch danach.

Herzenswärme ist ein kitschiges Wort. Aber beim Schenken kommt es tatsächlich darauf mehr an als auf den Preis. Ein Geschenk ist nur vollständig mit einem kleinen Briefchen dazu oder wohlgesetzten Worten. Was Kinder betrifft, so soll man ihnen schenken, was sie fordert und fördert. Damit entfallen riesige Plastikburgen aus einem Stück und ähnliche Monstrositäten. Sie laden die lieben Kleinen alsbald zum Zerstörungswerk ein, und dann müssen Sie den Müll entsorgen. Auf Dankbarkeit zu rechnen, ist hoch spekulativ. Denn die ist immer ein Gefühl von notorisch kurzer Dauer. Am besten, man schenkt so, dass man selber Freude hat. Denn Geschenke sind kein verborgenes Geschäft. Sie sollen tatsächlich ein kleines Opfer sein an die Liebe, die Freundschaft, die Dankbarkeit. In diesem Sinne, noch einmal, Frohe Weihnachten.

Der 1938 in Kassel geborene Michael Stürmer studierte in London, Berlin und Marburg, wo er 1965 promovierte. Nach seiner Habilitation wurde er 1973 ordentlicher Professor für Neuere und Neueste Geschichte, Sozial- und Verfassungsgeschichte; außerdem lehrte er u.a. an der Harvard University, in Princeton und der Pariser Sorbonne. 1984 wurde Stürmer in den Vorstand der Konrad-Adenauer-Stiftung berufen und zwei Jahre später zum Vorsitzenden des Forschungsbeirates des Center for European Studies in Brüssel. Zehn Jahre lang war er überdies Direktor der StiftungWissenschaft und Politik. Zu seinen Veröffentlichungen zählen: "Das ruhelose Reich", "Dissonanzen des Fortschritts", "Bismarck - die Grenzen der Politik" und zuletzt "Die Kunst des Gleichgewichts. Europa in einer Welt ohne Mitte". Im so genannten ‘Historikerstreit' entwickelte Stürmer die von Habermas und Broszat bestrittene These von der Identität stiftenden Funktion der Geschichte. Stürmer, lange Kolumnist für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", schreibt jetzt für die "Welt" und die "Welt am Sonntag".
-> Signale
-> weitere Beiträge