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Signale • Gedanken zur Zeit
Sonntag • 12:10
26.12.2004
Abendländischer Konsum im Dezember
Von Josef Schmid

Josef Schmid (Bild: Maurer-Hörsch)
Josef Schmid (Bild: Maurer-Hörsch)
Ein Blick in die Buchläden zeigt uns viele gute Bücher zur schlechten Wirtschaftslage. Es werden etliche davon unterm Weihnachtsbaum gelegen haben. Das Staatsvolk versteht auch immer mehr von der Materie und ihren Zusammenhängen. Das ist auch nötig, um das Auf und Ab der Ökonomie zu verstehen und seine widersprüchlichen Deutungen.

Unsere Zustände sind Menschenwerk, sagt man uns, und trotzdem treffen sie uns wie fremde Gewalten. Das Zeitalter des Individuums, sagt man uns, soll angebrochen sein: Jeder ist wieder seines Glückes Schmied in seiner eigenen Ich-AG, - doch zu oft ist das Individuum darin allein gelassen.

Daher fragen wir uns lieber: wo sind wir gefordert, wodurch kommen wir den Glücksverheißungen unserer Hemisphäre am nächsten? Da halten uns die Wirtschaftler gleich die Tagesordnung hin: das erarbeitete Einkommen sei in wohlüberlegten Anteilen zu investieren, zu sparen und zu konsumieren. Sie werden zu patriotischen Handlungen. Nicht jeder arbeitet, investiert oder spart, aber im Konsum treffen wir uns alle. Da könnten wir zeigen, wie wir ein einig Volk von Brüdern und Schwestern sind und im kollektiven Heimatfrontgefühl das Schwungrad der Konjunktur in Gang setzen.

Während man früher nur die Gründertat hoch achtete, jeden technischen Durchbruch in der Produktion für einen Leuchtturm auf dem Industriestandort hielt, rückt plötzlich der Konsum, die "Binnennachfrage" wieder ins Zentrum wirtschaftspolitischer Debatten. Dass Überproduktion unser Leben gefährdet, sagen uns Ökologen und Ökonomen seit Jahren. Dass wir auch mit schleppendem, lahmenden Konsum unsere Maschinerie und damit uns selbst schädigen, stand lange nur in den Lehrbüchern, doch nun wird es offenkundig: produziert kann nur werden, was auch im selben Umfang gekauft, nachgefragt, exportiert wird. Sonst verschwinden die Orientierungspunkte unseres Wirtschaftsbürgerdaseins, die uns von Jugend an vertraut sind: Autofabrikation, Straßenbau, Warenhaus.

Kulturkritik und Intellektuellenspott über die Konsumgesellschaft sind rasch verflogen angesichts der Drohung, dass sie uns abhanden kommen, sei's durch Verlagerung anderswohin, sei's durch Schließung wegen mangelnder Nachfrage. Um das abzuwenden, muss der Konsument in die Rolle des Helden schlüpfen, die einst dem Produzenten, Gründer und Erfinder vorbehalten war. Zwei große Volkswirte müssen hier erwähnt werden: Lord Keynes und Joseph Schumpeter. Für Keynes wurde der Massenkonsum zum Zündschlüssel, der den Motor anspringen lässt. Schumpeter sah im rührigen Wirtschaftspionier den Beweger des Ganzen: er nannte seine Tätigkeit "schöpferische Zerstörung". Wenn wir diese berühmt gewordenen Thesen im Licht unserer lahmenden Binnennachfrage sehen, dann rückt unwillkürlich der Konsument auf zum "schöpferischen Zerstörer": er macht die Märkte und Regale leer und den Handel liquide, der für Nachschub sorgt.

Wir fragen uns, woher dieses Bild einer Pumpstation stammt, mit dem wir unsere wirtschaftliche Existenzgrundlage beschreiben: bald nachdem der Leibarzt der Madame Pompadour den Blutkreislauf entdeckt hatte, machten sich Staatsdenker daran, ihn auf ihre Sphäre zu übertragen: der Wirtschaftskreislauf war erfunden und jede technische Neuerung hat eine Metapher dazu geliefert, wie die vom Kasten, der anspringt und an Fahrt gewinnt.

Da gab es die abenteuerlichsten Vorschläge, wie dies geschehen könnte. Aus der Zeit vor Erfindung des elektrischen Lichts stammt folgender: Bei Wirtschaftsflaute solle man doch am helllichten Tag die Fensterläden schließen und bei Kerzenlicht weiterleben. Das würde dem Wachsziehergewerbe und allen seinen Zulieferern einen gewaltigen Aufschwung bringen, der sich wellenartig über alle anderen darnieder liegende Branchen ausbreiten und die Gesamtwirtschaft wieder zum Blühen bringen würde.

Geben wir es zu! Wir würden gerne von Herzen lachen über ein solches Konjunkturprogramm, doch es vergeht uns, sobald wir den Ernst hinter diesem Scherz erkennen: wir sind aufgefordert zur schöpferischen Vernichtung, Altes durch Neues zu ersetzen. Wenn sich nur Kopf und Geldbeutel auch so schnell drehen könnten wie das Karussell der Neuerungen!

Zwischen Konsum und Konjunktur besteht also ein beinahe spielerischer Zusammenhang. Doch Konjunkturprobleme sind nicht die einzigen. Wir haben noch Klötze am Bein: die tiefer liegenden "Strukturprobleme".

Wenn wir uns diese betrachten, voran die Hauptsorge Arbeit und Beschäftigung, dann wissen wir, dass Konsum nur an der Oberfläche kuriert.

Gewiss, Absatzmarkt und Konsumenten arbeiten sich in die Hände. Doch das ist nur eine Seite des Kreislaufs. Wer macht die Konsumgüter, die sich auch absetzen lassen? Wir können der Frage nicht ausweichen. Wenn wir so in unseren Gedanken den Wirtschaftskreislauf vollenden, können wir den Schritt vertrauensvoll zu Lebensgesetzen, wie dem Blutkreislauf, zurückgehen.

In uns und mit uns endet täglich, ja stündlich ein Kreislauf und beginnt ein neuer. Schaffen und erhaltendes Vernichten lösen einander ab. So öffnen und schließen sich immer weitere Kreise in ständiger Wertschöpfung für sich und die anderen.

Josef Schmid, geboren 1937 in Linz/Donau, Österreich, zählt zu den profiliertesten deutschen Wissenschaftlern auf seinem Gebiet. Er studierte Betriebs- und Volkswirtschaft sowie Soziologie, Philosophie und Psychologie. Seit 1990 ist Schmid Inhaber des Lehrstuhls für Bevölkerungswissenschaft an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Seine Hauptthemen: Bevölkerungsfragen der industrialisierten Welt und der Entwicklungsländer, Kulturelle Evolution und Systemökologie. Schmid ist u.a. Mitglied des Kuratoriums des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung, Wiesbaden, Mitglied der International Union for the Scientific Study of Population (USSP) und der European Association für Population Studies (EAPS). Veröffentlichungen: Einführung in die Bevölkerungssoziologie (1976); Bevölkerung und soziale Entwicklung (1984); Das verlorene Gleichgewicht - Eine Kulturökologie der Gegenwart (1992); Bevölkerung - Umwelt - Entwicklung. Eine humanökologische Perspektive (1994); Sozialprognose - Die Belastungen der nachwachsenden Generation (2000). Außerdem zahlreiche Veröffentlichungen in Fachzeitschriften, in der Presse und im Rundfunk.
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