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Signale • Gedanken zur Zeit
Sonntag • 12:10
1.1.2005
Nach der großen Flut
Ein Offenbarungseid der westlichen Zivilisation
Von Claus Koch

Claus Koch (Bild: claus-koch.com)
Claus Koch (Bild: claus-koch.com)
Der elfte September hat sich der Zeitgenossenschaft als Alarmruf in ein neues eisernes Zeitalter eingebrannt. Nach dem Signal folgte das, was folgen sollte, ja mehr, als die abgefeimteste Kalkulation voraussehen konnte. Nun fügt sich zum Jahrhundert-Datum ein zweites: Der 26. Dezember. Der Tag wird auf lange Zeit nicht vergessen werden, weil er einen weiteren Offenbarungseid der westlichen Zivilisation erzwungen hat. Auch danach wird alles anders sein. Wären es nur die Hekatomben der Opfer, wäre es nur das Unheil der Natur gewesen - man würde sie in ein paar Jahren vergessen haben. Erinnert sich noch jemand an die großen Beben der letzten Jahrzehnte in China, in Anatolien, in Algerien, in Persien, die jeweils Zehntausende ums Leben brachten?

Dieser zweite Weihnachtstag zeigte schonungslos, auf welche Weise sich die Weltgesellschaft mischt, in obszöner Harmlosigkeit. Wem jetzt noch das Wort "Ferienparadies" über die Lippen kommt, der kann nur ein abgestumpfter Barbar sein. Das Paradies hat sich als ein Ort der Schuld offenbart, wie einst schon in der Bibel. Die apokalyptische Woge zertrümmerte und vermengte wahllos braunes Menschenfleisch und weißes Menschenfleisch. Als sie vorübergegangenen war, wurde soweit möglich wieder getrennt. Das weiße Fleisch, ob tot, verletzt oder heil geblieben, wurde zumeist nach Norden, in die Heimat geflogen. Dort wurde es bereits von den ersten fröhlichen Silvesterböllern empfangen. Das braune Menschenfleisch wurde in die Massengräber geworfen, Kalk darüber, die Bagger decken ein wenig Erde drauf.

Die Versicherungsindustrie kann ihre Klienten und ihre Aktionäre beruhigen: So groß auch die Verheerungen an den südasiatischen Küsten sind, so sind sie doch weniger kostspielig als die vier Hurricans, die Nordamerika im vergangenen Herbst heimgesucht hatten. Alle jene Küstenregionen sind zu arm, als dass es dort viel zu versichern gäbe. Wo keine Prämie gezahlt werden kann, da ist kein Wert, da gibt es keinen Maßstab, für Menschenleben wie für Güter.
Nach dem elften September vergoss die gesamte zivilisierte Welt Tränen über das geschundene Amerika. Keine zwei Jahre später wurde das verwundete Imperium, das sich von den Terroristen in vormoderne Formen der staatlichen Gewalt hatte ziehen lassen, fast überall so verachtet und gefürchtet wie nie zuvor. Es ist bereits stigmatisiert als der kommende große Verlierer, der sich blindwütig wehrt, um sich nur noch tiefer in den Sumpf zu arbeiten.

Nun hat der 26. Dezember die westlich-amerikanische Lebensweise und ihr Glücksversprechen, das pursuit of happiness, grausam bloßgestellt. All die freundlichen Urlauber, die nur gedankenlos ihren Körperkult pflegen wollten, hatten keine Ahnung davon, von welcher Welt sie umgeben waren, welchen Umständen sie ihren Lebensgenuss verdankten. Die anonymen Massen, an deren Rändern die fleischigen Exemplare der weißen Rasse sich unbefangen pflegen, verfügen über ihre Körper nicht. Sie besitzen sich nur, um sich mühsam am Leben zu erhalten und sich blind fortzupflanzen. Wenn nun die Reichen, denen heute ihre Langlebigkeit Sorge machen muss, mit den Armen für kurze Zeit im Tode vereinigt waren, so hat es die ganze Welt gesehen. Ebenso gesehen, wie wir damals immer wieder an unseren Blick auf den Untergang der babylonischen Doppeltürme gefesselt blieben.

Ein Unterschied freilich zwischen dem elften September und dem sechsundzwanzigsten Dezember macht sich quälend bemerkbar. Wenn damals, nach einem ersten Verstummen vor dem Grauen, das große und feindselige Gerede losbrach, müssen diesmal fast alle schweigen und schweigend ihre Hilflosigkeit eingestehen. Die Repräsentanten, die Politiker und die Medienmenschen müssen natürlich ihre unvermeidlichen Floskeln vorbringen. Aber da ist niemand von persönlicher Autorität, der ein sinnvolles Wort der Erkenntnis oder des Trostes aussprechen könnte. Um "damit fertig zu werden", wie es die positiven Köpfe fordern, gibt es keine Sprache. Es ist auch keine Trauerarbeit zu leisten. Und draußen böllert es, zur Begrüßung eines neuen Schreckensjahres.

Claus Koch, in München geboren, studierte Philosophie, Ökonomie und Geisteswissenschaften und war zunächst in einem Wirtschaftsverlag tätig. Seit 1959 arbeitet er als freier Journalist für Presse und Rundfunk, seit 2003 gestaltet er den Mediendienst "Der neue Phosphoros". In den sechziger Jahren redigierte Koch die Monatszeitschrift "atomzeitalter'", später war er Mitherausgeber und Redakteur der Zeitschrift für Sozialwissenschaft "Leviathan" und Mitarbeiter mehrerer sozialwissenschaftlichen Forschungsprojekte. Zu seinen Buchveröffentlichungen zählen "Ende der Natürlichkeit - Streitschrift zur Biotechnik und Biomoral", "Die Gier des Marktes - Die Ohnmacht des Staates im Kampf der Weltwirtschaft" und "Das Ende des Selbstbetrugs - Europa braucht eine Verfassung".

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