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Sonntag • 12:10
16.1.2005
Lehren aus der Tsunami-Woge
Unzulängliche Katastrophen-Hilfe und Spenden-Illusionen
Von Hans Christoph Buch

Soldaten aus Sri Lanka transportieren Hilfsgüter in die Krisenregion (Bild: AP)
Soldaten aus Sri Lanka transportieren Hilfsgüter in die Krisenregion (Bild: AP)
"Das Unzulängliche / Hier wird's Ereignis; / Das Unbeschreibliche / Hier ist's getan" heißt es im Schlusschor von Goethes 'Faust', und diese Verse gewinnen eine vom Autor nicht beabsichtigte Aktualität beim Blick auf die jüngste Flutkatastrophe im Indischen Ozean. Das "Unbeschreibliche" war die Tsunami-Woge selbst, die innerhalb weniger Minuten abertausende Touristen und Einheimische in den Tod riss und alles, was diese mühsam dem Meer abgerungen hatten. "Das Unzulängliche / Hier wird's Ereignis": Dieser Vers beschreibt die Hilfsbemühungen, die immer erst post festum einsetzen, wenn die Horrormeldungen zur traurigen Gewissheit und die Toten nicht mehr zum Leben zu erwecken sind - Schadensbegrenzung heißt der Fachausdruck dafür, aber das Sprichwort "Tropfen auf den heißen Stein" bringt die Sache genauer auf den Punkt. In fast zeitgleich mit der Katastrophe verbreiteten Spendenaufrufen, die seitdem als Endlostext durch die Nachrichten laufen, war und ist von "schneller und unbürokratischer Hilfe" die Rede, die angeblich zu hundert Prozent den Betroffenen zugute kommt; doch jeder, der einen Hilfseinsatz aus der Nähe erlebt hat, weiß, dass dem nicht so ist. Die Praxis sieht anders aus, denn effektive Hilfe ist nicht nur eine Geldfrage, sondern eine Frage der logistischen Infrastruktur - ganz zu schweigen vom politischen Willen der jeweiligen Regierung, einer von der Außenwelt abgeschotteten Provinz, deren Bevölkerung bewaffnete Rebellen unterstützt, Hilfe zugute kommen zu lassen. Die Hoffnung, eine Naturkatastrophe könnte helfen, einen Bürgerkrieg zu befrieden, ist ein frommer Wunsch, denn Hunger und Elend dienen vielerorts in der Dritten Welt als Waffen im politischen Kampf - man denke nur an den Krieg zwischen Äthiopien und Somalia und die gleichzeitige Hungersnot, als Hilfslieferungen von beiden Seiten behindert wurden. Selbst wenn führende Politiker in Colombo und Djakarta westlichen Besuchern das Gegenteil versichern, bleibt das tief sitzende Misstrauen zwischen Regierungen und Rebellen bestehen: Erstere sind nicht bereit, ihre nationale Souveränität an Hilfsorganisationen abzutreten, und letztere wollen ihren Kampf nicht aufgeben zugunsten einer humanitären Intervention.

Aber auch die von den Medien geweckte Erwartung, wenn die Spendenbereitschaft nur groß genug ist, würden die Schreckensbilder, die keiner mehr sehen will, von den Fernsehschirmen verschwinden, ist eine haltlose Illusion. Es gibt keinen Automatismus, demzufolge Almosen vom Schmerz befreien nach dem Motto des Ablasspredigers Tetzel: "Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt." Das Gegenteil ist der Fall: Auf die Naturkatastrophe folgt das von Menschen gemachte Desaster als der Tragödie zweiter Teil, weil die Aufnahmekapazität der betroffenen Staaten begrenzt und die Hilfe immer unzulänglich ist. Es muss nicht so schlimm kommen wie in Osttimor oder im Südsudan, wo aus Flugzeugen abgeworfene Paletten die auf Lebensmittel wartenden Menschen töteten, oder wie in Ruanda, wo mit Milchpulver beladene Lkw die hungernden Kinder überrollten, deren Leben sie retten sollten. Das war Ende der neunziger Jahre, und ich war selbst am Ort und habe mit eigenen Augen die tragischen Folgen des Verkehrsstaus gesehen, der dadurch entstand, dass zu viele humanitäre Helfer zur selben Zeit am selben Ort zusammenkamen, Straßen und Pisten blockierten und sich gegenseitig auf die Füße traten. Die Hilfsindustrie ist ein Industriezweig wie andere, der nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage funktioniert und um öffentliche Aufmerksamkeit und Spendengelder wirbt. Aus dieser Sicht sind nur schlechte Nachrichten gute Nachrichten, weil nie dagewesene Katastrophen wie im Indischen Ozean auch das Spendenaufkommen unerhört in die Höhe treiben.

Damit nicht alles falsch wird, eine Klarstellung: Dies ist kein Plädoyer gegen die Hilfsbereitschaft privater Bürger, die alle Rekorde schlägt. Aber ich bin gegen die Verengung des Blicks auf einen spektakulären Punkt, der andere, schleichende Krisen unbeachtet lässt: Stichwort Krieg in Darfur oder Aids im südlichen Afrika. Und niemand sollte sich wundern, wenn, wie nach dem letzten Erdbeben im Iran, herauskommt, dass nur ein Bruchteil des versprochenen Geldes die Betroffenen erreicht und dass der Wiederaufbau sich durch Willkür und Inkompetenz der Behörden verzögert, weil der Hilfseinsatz nicht schnell und unbürokratisch, sondern langsam und bürokratisch war.

Gibt es einen speziellen Grund, warum gerade die Deutschen besonders spendabel sind? Kompensieren sie die Schrecken von NS-Zeit und Stasi-Staat durch gesteigertes Mitgefühl für die Opfer der Tsunami-Welle? Oder liegt es daran, dass zahlreiche Deutsche unter den Toten sind? Demnach müssten die Schweden Spenden-Weltmeister sein. Oder geht es um den angestrebten Sitz im UN-Sicherheitsrat? All das mag eine Rolle spielen. Doch die außergewöhnliche Hilfsbereitschaft ist Ergebnis einer konzertierten Aktion von Politikern aller Parteien, Kirchen und Wohlfahrtsverbänden, nicht zu vergessen das Fernsehen, das Geldüberweisen zur ersten Bürgerpflicht erklärte, und mit dieser Kampagne schossen die Medien, wie so oft, über das Ziel hinaus.

Hans Christoph Buch, 1944 in Wetzlar geboren, wuchs in Wiesbaden und Marseille auf und las im Jahr seines Abiturs (1963) bereits vor der Gruppe 47. Mit 22 Jahren veröffentlichte er seine Geschichtensammlung "Unerhörte Begebenheiten". Ende der 60er Jahre verschaffte er sich Gehör als Herausgeber theoretischer Schriften, von Dokumentationen und Anthologien. Auch mit seinen Essays versuchte er, politisches und ästhetisches Engagement miteinander zu versöhnen. Erst 1984 erschien sein lang erwartetes Romandebüt: "Die Hochzeit von Port au Prince". Aus seinen Veröffentlichungen: 'In Kafkas Schloß", "Wie Karl May Adolf Hitler traf", "Blut im Schuh". 2004 erschien "Tanzende Schatten".
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