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Sonntag • 12:10
23.1.2005
Familie und deutsches Selbstbewusstsein
Von Cora Stephan

Cora Stephan (Bild: Sven Paustian)
Cora Stephan (Bild: Sven Paustian)
Die Deutschen sind an der Weltspitze, was die niedrige Geburtenrate betrifft. Im Westen ist das schon länger so - und an kaum etwas haben sich die Frauen im Osten nach der Wende so schnell angepasst wie an die Neigung zur Kinderlosigkeit der Westfrauen. Das Thema ist also nicht neu und auch nicht, dass Politiker alle Jahre wieder die Unlust an der Fortpflanzung zum Wahlkampfthema machen und so tun, als ob die Lust auf Kinder von irgendeiner "Maßnahme" abhänge.

Woran liegt es denn nun? In Frankreich klappt es doch auch, scheinen viele zu denken. Also her mit der Ganztagskinderbetreuung - sagen die einen, die anderen warnen vor einer Verstaatlichung der Erziehung und wollen mit Steuergeschenken überreden.

Die Wirklichkeit ist, wie immer, komplexer als solche Vorschläge erahnen lassen.
Kinderkriegen ist hierzulande eine Frage der Klasse: ganz unten werden Kinder geboren - und ganz oben, wo Geld keine Rolle spielt. Das Problem betrifft vor allem die von Abstiegsängsten geplagte Mittelschicht - und das hat durchaus seine Logik.

Deutsche Frauen sind das, was man Ländern mit zu hohen Geburtenraten empfiehlt: gut ausgebildet. Und wie alle Menschen können sie rechnen: was nützt eine jahrelange Ausbildung, wenn Frauen schon mit dem ersten Kind den gut bezahlten Arbeitsplatz riskieren, der hierzulande die Bedingung für die Teilhabe an den sozialen Sicherungssystemen ist? Männer wiederum müssten diesen Frauen nicht nur den Lebensunterhalt während der Kinderaufzucht garantieren können, sondern auch noch ein auskömmliches Leben hernach als Entschädigung für entgangene Jobchancen. Harte Aussichten angesichts der Langlebigkeit der Menschen und des Risikos, dass eine Ehe nicht von Dauer ist.

Das Angebot, den Müttern die Kinder mit Ganztagsbetreuung einfach wegzuorganisieren, löst das Problem nicht. Denn die Ansprüche daran, wie Kinder aufzuwachsen haben, sind so groß geworden, dass sich schon Frauen mit kleineren "Liebhabereien" als die Vollzeitstelle als Rabenmütter fühlen. Kinder gehören nicht mehr einfach so zum Leben dazu, seit sich im städtischen Raum Wohnort und Arbeitsplatz getrennt haben. Es fehlen die Hausangestellten, Großmütter, Nachbarsfrauen, die einspringen können, wenn mal mehr gefragt ist als benevolente Vernachlässigung - und nicht zuletzt die Kinderhorde auf der Straße, die in der Nachkriegszeit die Sozialisation übernahm, als die Familien auch nicht heiler waren als heute und die Mütter mit dem Überleben (und mit der Kochwäsche!) zu kämpfen hatten.

Kann man es den Frauen heute verdenken, dass sie die Vorstellung nicht nur attraktiv finden, allein mit Kleinkind in einer Zweieinhalbzimmerwohnung zu hocken und den ganzen Tag nichts anderes zu hören als Kindergebrabbel? Wir haben die Welt schon längst verloren, in der es von höchster wirtschaftlicher Bedeutung war, dass Frauen ihren Haushalt wie ein erfolgreiches Familienunternehmen führten, weil davon Wohlstand und Arbeitsplätze abhingen. Noch immer mag es verdienstvoll sein, ganz und ausschließlich für die Kinder -eher: für das eine Kind - dazusein, eine Idee indes, auf die keine Hausfrau etwa auf dem Land jemals gekommen wäre.
Aber wir brauchen doch Kinder, heißt es dann. Der Zukunft wegen. Der Produktivität, Kreativität, Aufbruchsfreude wegen. Der Rente wegen.

An der Lebenslüge unserer Rentenkonstruktion ändert auch eine sofortige Steigerung der Geburtenrate nichts mehr. Auch das ist seit Jahren bekannt. Hängt künftige Produktivität an steigenden Kinderzahlen? Auch nicht. Sie ist nicht von der Menge an Arbeitskräften eines bestimmten Alterszuschnitts abhängig. Und noch nicht einmal einen signifikanten Mangel an Arbeitskräften muss es bei anhaltender Geburtenmüdigkeit geben, sofern die hierzulande meist hoch ausgebildeten Menschen die ihnen mögliche Produktivitätsspanne auch ausnutzen, kurz: nicht bereits im sechsten Lebensjahrzehnt auf Kosten aller frühverrentet werden.

Kinder der Zukunft wegen? Sicher. Wobei man bezweifeln mag, dass Eltern mit Kindern eher über den eigenen Tellerrand hinausblicken als kinderlose Senioren, deren Zukunft absehbar ist. Aber womöglich ist es wirklich ein Misstrauen in die Zukunft des eigenen Gemeinwesens, das Menschen hierzulande davon abhält, die Freude und das Risiko des Kinderkriegens zu wagen. Wir bauen zwar mit am Airbus und empfangen Bilder vom Titan, aber das Selbstbewusstsein, das daraus erwachsen könnte, scheint "unten" nicht anzukommen. Noch immer stellen sich Menschen in einem der reichsten Länder der Welt die Frage, ob man angesichts der Kriege und Nöte anderswo und einer in der Zukunft womöglich dräuenden Klimakatastrophe Kinder in die Welt setzen könne. Endzeitstimmung macht unfruchtbar.

Wir tiefsinnigen Deutschen glauben an das Unwahrscheinliche - zum Beispiel an die romantische Liebe, die selten zur Familiengründung taugt - und hoffen auf nichts. Dagegen scheint kein Kraut gewachsen.

Die Frankfurter Publizistin und Buchautorin Cora Stephan, Jahrgang 1951, ist promovierte Politikwissenschaftlerin. Von 1976 bis 1984 war sie Lehrbeauftragte an der Johann Wolfgang von Goethe Universität und Kulturredakteurin beim Hessischen Rundfunk. Von 1985 bis 1987 arbeitete sie im Bonner Büro des "Spiegel". Zuletzt veröffentlichte sie "Der Betroffenheitskult. Eine politische Sittengeschichte", "Die neue Etikette" und "Das Handwerk des Krieges".
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