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Sonntag • 12:10
6.2.2005
Lob des Vergessens
Von Wolfgang Sofsky

 Wolfgang Sofsky (Bild: privat)
Wolfgang Sofsky (Bild: privat)
Das Vergessen steht unter Verdacht. Die offizielle Schuldkultur fordert Gedenken und ein demütiges Gedächtnis. Wer vergisst, mache sich schuldig, lautet der Vorwurf besorgter Erinnerungspolitik. Vergesslichkeit ebne dem Unheil den Weg, nur aus der Geschichte lernten die Zeitgenossen die rechte Einstellung wider das Böse. Dieser Drang nach moralischer Verbesserung des deutschen Nationalcharakters ist so blind wie naiv. Grundlegend verkennt er Nutzen und Nachteil des Vergessens für das persönliche und gesellschaftliche Leben.

Menschen ohne Gedächtnis leben vornehmlich in der Gegenwart. Sie werden nur von Vorkommnissen ergriffen, in deren Mitte sie sich gerade aufhalten. Ist eine Reise beendet, ein Vertrag unterzeichnet, eine Debatte vorüber, verschwenden sie keinen einzigen Gedanken mehr daran. Augenblicklich werden sie von einem neuen Interesse erfasst. Ein unbeirrbarer Instinkt befiehlt ihnen, ihr Denken von allem abzuwenden, was sie von der Gegenwart ablenken könnte. Keine Erinnerung durchkreuzt ihre Konzentration. Sie verabscheuen die Wiederholung und die Gewohnheit. Für diese Virtuosen des Vergessens ist jede Episode ein Neubeginn, jeder Auftritt ein Debüt.

Wer Erinnerungen hinter sich lässt, gewinnt freies Feld. Die Erfahrungslast ist abgeworfen. Kopf und Herz sind federleicht. Wem das Geschenk des Vergessens zuteil wurde, muss nicht mehr ein und derselbe sein. In dem Maße, wie ihm das Vergangene entgleitet, verwandelt er sich, vergisst er sich selbst. Wer er war, woher er kommt, es kümmert ihn nicht.

Das Vergessen ist kein Riss im Gedächtnis, kein Verdrängen. Es ist ein Verlöschen. Was ganz und gar vergessen ist, kann nicht mehr erinnert werden. Es hinterlässt keine Spur. Der Abdruck im Sand ist verschwunden. Der Mensch ohne Gedächtnis ist umgeben von einem Abgrund der Zeitlosigkeit. Er weiß nichts von seiner Sterblichkeit. Lethe, der Strom des Vergessens, scheidet nicht das Reich der Lebenden von der Welt der Toten. Er fließt an der Grenze zum Paradies. Wer aus ihm trinkt, vergisst Schmerz und Schuld, Lust und Leid, Trauer und Tod.

Gegenwartsmenschen erzählen nichts und behelligen andere nicht mit ihren Lebensgeschichten. Sie sind frei von Wehmut, Stolz und Ruhmsucht. Da ihnen jegliches Todesbewusstsein abgeht, verwenden sie keinerlei Mühe auf ihre Unsterblichkeit. Große Werke, unvergessliche Beiträge zur Kultur sind von ihnen nicht zu erwarten. Sie benötigen keine Zukunft und keine Utopien, und sie wollen auch nicht in die Geschichte eingehen. Sie denken gar nicht daran, irgendetwas zu hinterlassen. Dadurch unterhöhlen sie jedoch Moral und Tradition.

Jede Moral gründet auf dem Gedächtnis. Dankbarkeit verbindet die Menschen miteinander, das Gewissen schützt sie voreinander. Der Sinn für Gut und Böse entspringt nicht einer spontanen Eingebung, sondern leidvoller Erfahrung. Der Schmerz brennt die Moral dem Gedächtnis ein, bis endlich die Schande in Schuld und die Schuld in Scham verwandelt ist. Jeder Generation wird das Gute aufs Neue eingeprägt. Doch ist das Ergebnis vergänglich. Denn es ist eine Eigenschaft des menschlichen Geistes, dass Beispiele keinen bessern. Das Unglück der Väter ist für die Kindeskinder vergessen. Jede Generation muss von neuem ihre eigenen Erfahrungen des Unheils machen.

Eine Gesellschaft ohne Vergessen wäre unerträglich. Wären die Menschen nicht so beschaffen, dass ihnen die meisten Ereignisse auf immer entschwänden, sie wären angeschmiedet an eine endlose Kette von Gegenrechnungen, von Niederlage und Revanche. Bis zuletzt wären sie einzig damit beschäftigt, einander ihr Handeln zu vergelten. Nicht der geringste Neubeginn wäre möglich. Da keine Tat rückgängig gemacht werden kann, erschöpfte sich ihre Existenz darin, die Vergangenheit in die Zukunft fortzusetzen. Groll und Unversöhnlichkeit vergifteten ihren Alltag. Davon befreit das Vergessen. Es entbindet die Menschen von den Folgen ihres Tuns. Und es erspart ihnen, einander immerfort verzeihen zu müssen. Vergebung verlangt nicht selten Großmut, Weitherzigkeit, Selbstüberwindung, Vergessen erfordert nur ein kurzes Gedächtnis.

Was für die individuelle Lebensführung gilt, ist auf die öffentlichen Angelegenheiten nicht ohne weiteres übertragbar. Friedensschlüsse sehen oftmals eine Generalamnestie vor, um ein soziales Weiterleben zu ermöglichen. Der Strafverzicht soll dem Vergessen aufhelfen. Doch gibt es Untaten, die durch keine Reue oder Strafe auszugleichen sind. Die lässlichen Sünden, die Versehen und Verfehlungen des Alltags sind wert, dass sie vergessen werden, das Verbrechen nicht. Verbrechen werden mit Vorsatz und Plan verübt. Der Täter weiß um das Verbot, er handelt mit Wissen und Gedächtnis.

Schwerer als seine Bosheit wiegen indes die Folgen seiner Tat. Derart wird das Opfer verletzt, dass es, falls es überlebt, für sein weiteres Leben gezeichnet bleibt. Zur Tragik des Überlebenden gehört, dass er nicht vergessen kann.

Mord verjährt niemals. Die Gesellschaft mag sich mit großen Worten selbst beschwichtigen. Sie mag Zeremonien abhalten, Spuren sichern, Monumente errichten. Dennoch bleibt die Wohltat des Vergessens immer auf Seiten der Täter. Die Sehnsucht ihrer Kinder nach moralischer Entlastung hat sich längst erfüllt. Überlaute Schambekenntnisse und Gesten innerer Zerknirschung bedeuten das Gegenteil dessen, was sie zu zeigen behaupten. Sie sprechen von dem heimlichen Stolz, sich längst auf der richtigen Seite zu wissen. Die Enkel werden sich ohnehin - entgegen allen Ermahnungen - ihrer eigenen Zukunft zuwenden. Allein den Überlebenden wird der Schmerz im Gedächtnis bleiben. Die Lebenskunst des Vergessens versagt, wenn die Tat eine Wunde hinterlassen hat, die nicht einmal durch Trauer und Erinnerung ein Stück weit zu schließen ist.

Wolfgang Sofsky, Jahrgang 1952, ist freier Autor und Professor für Soziologie. Er lehrte an den Universitäten Göttingen und Erfurt. 1993 wurde er mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet. Er publizierte u.a.: "Die Ordnung des Terrors. Das Konzentrationslager" (1993), "Figurationen sozialer Macht. Autorität - Stellvertretung - Koalition" (mit Rainer Paris, 1994) und "Traktat über die Gewalt" (1996). 2002 erschien "Zeiten des Schreckens. Amok, Terror, Krieg", und zuletzt der Band "Operation Freiheit. Der Krieg im Irak".
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