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13.2.2005
Deutsche Anmaßungen gegen einen ungewissen Herrn Einstein
Von Claus Koch

Claus Koch (Bild: claus-koch.com)
Claus Koch (Bild: claus-koch.com)
Eigentlich ist es unverfroren, Albert Einstein zu feiern, wie er in diesen Monaten landauf, landab sich feiern lassen muss. Wer hat überhaupt das Recht, einen Mann zu rühmen, der vom Ruhm und von den Rühmenden so wenig hielt wie er? Einen Mann, dessen Geistestaten von den meisten seiner Lobredner und wissenschaftlichen Zwischenhändler nur oberflächlich oder gar nicht verstanden werden? Einen Mann schließlich, der eines niemals sein wollte: eine Instanz. Doch da kennt die Rühmungsindustrie keinen Pardon. Tut nichts, der Mann wird gefeiert.

Der Jude Einstein, wie er noch vor ein paar Jahrzehnten von den herrschenden Deutschen genannt wurde, soll nunmehr ganz unser sein. Schließlich gehört er seit langem der ganzen Welt, wer wollte da uns, deren Muttersprache er doch sprach, das besondere Feiern verbieten? Schließlich feiern wir ihn nicht als Deutschen, sondern als Weltereignis, als Weltgenie.

Aber dies kann nicht stimmen. Denn wen und was man rühmt, muss man verehren können. Und was man verehren darf, muss man vorher begriffen haben. Wer das nicht kann und trotzdem rühmt, betreibt Hochstapelei. Das meint ja wohl, zum eigenen Vorteil. Also ganz einfach: Es ist Fledderei, was in diesem Jahr mit Einstein betrieben wird - zu allererst von einer Regierung, deren provinztechnokratische Prahlerei sich wieder einmal überschlägt. Einstein wäre vermutlich sogar dies egal gewesen, er hätte sich nur verdrückt. Einstein auf der Einsteinfeier vor heutigen deutschen Elite-Persönlichkeiten - das kann man sich kaum vorstellen.

Mit der Einverleibung des Mannes der Relativitätstheorie und der herausgestreckten Zunge hat die Gedenk-Maschinerie den Höhepunkt der Absurdität erreicht. "Deutschland im Einstein-Fieber" überschrieb neulich ein Artikel - nein, nicht der BILD-Zeitung, sondern der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, dem Blatt der Unternehmer und der gebildeten Stände. Vom Fieber hat in Deutschland niemand etwas bemerkt, bis auf ein paar delirierende Journalisten. Und die wenigen tausend Kundigen, die mit 'Einstein ernsthaft umgehen können, wären die letzten, in Feier-Taumel zu verfallen. Tut nichts, das Datum ist nun einmal im Kalender, der Mann wird gefeiert.

So konnte auch endlich gesagt werden, was schon seit langem gesagt werden musste. Edelgard Bulmahn, die Forschungsministerin, sprach das Bekenntnis: "Mit dem Einstein-Jahr wollen wir dazu beitragen, dass sich Deutschland wieder selbstbewusst darauf besinnt, was es ist: Ein Land der Denker." Niemand unter den achthundert geladenen Gästen verließ die Eröffnungsfeier im Deutschen Historischen Museum. Einstein, wäre er dabei gewesen, hätte es gewiss getan. Aber sein Geist konnte sich unter dieser Elite nicht niederlassen.

Den Pazifisten Einstein hätte es auch gegraust vor den kriegerischen Parolen, die aus dem Wörterbuch des Unmenschen zum bürokratischen Totschlag der Wissenschaft geholt wurden: Die Innovationsoffensive Schröders, die Bildungsoffensive Bulmahns, und über allem die Spitzenforschung an der Spitzenuniversität, der Fetisch der Funktionäre. Der Bundeskanzler forderte anlässlich Einsteins die deutschen Wissenschaftler auf, verständlicher zu reden und sich in die öffentlichen Dinge einzumischen. Und die Medien möchten doch mehr Populärwissenschaftliches bringen. Schröder, der gelegentlich mit seinem Mangel an Bildung kokettiert, informiert sich, wie er einmal eingestand, vorwiegend aus BILD, aus BAMS und aus der Glotze. In der letzteren stellt er wohl meistens die falschen Sendungen ein. Sonst wüsste er, dass die deutschen Sender viel Vorzügliches bringen. Und dass die smarten Professoren längst fließend die verlangten Drei-Sätze-Statements in neunzig Sekunden herausbringen - sogar ohne Konjunktiv.

Einstein, der reine, lebendige Geist, der sein Denken in jedem Zuge beobachtete, war immer unter den Suchenden. So hat es Max Born, der Kollege und Freund, einmal gesagt. Das heißt, er war kein Spitzenforscher und Haupterfinder, wie ihn die forschrittstrunkenen Politiker sich vorstellen.

Die deutschen Universitäten sind heute nicht in der Lage, eine Bildung zu vermitteln und eine intellektuelle Sphäre zu erhalten, die Geister wie Einstein tragen könnte. Kein internationaler Vergleich, der nicht die Rückständigkeit, ja das weitere Abrutschen des Bildungssystems vermerkte. Die politischen Parteien, die Regierungen und die hohen Institutionen sehen seit Jahren nur hilflos zu. Sie können die Unkultur des Landes nicht begreifen, weil sie nicht unter ihr leiden. Sie sind selber ein Teil davon. Gibt es noch einen deutschen Bildungspolitiker, der zitierbar wäre?

Niemand in diesem Land hat daher das Recht, sich auf Einstein zu berufen. Auch nicht auf all die anderen Großen, die einst in deutscher Sprache den deutschen Charakter mitgeprägt haben. Auch nicht auf Schiller, dessen Gedenken demnächst droht. Auch er wird der Misshandlung durch die Polit-Werbe-Industrie nicht entgehen. Hinterher wird man feststellen, dass in diesem verblichenen Feierjahr keine fünf Seiten mehr geschrieben wurden, die in schillerwürdigem Deutsch auftreten könnten. Und so wird auch der dröhnende Einstein-Marsch der Propagandisten keinen einzigen neuen Gedanken aufblühen lassen.

Claus Koch, in München geboren, studierte Philosophie, Ökonomie und Geisteswissenschaften und war zunächst in einem Wirtschaftsverlag tätig. Seit 1959 arbeitet er als freier Journalist für Presse und Rundfunk, seit 2003 gestaltet er den Mediendienst "Der neue Phosphorus". In den sechziger Jahren redigierte Koch die Monatszeitschrift "atomzeitalter", später war er Mitherausgeber und Redakteur der Zeitschrift für Sozialwissenschaft "Leviathan" und Mitarbeiter mehrerer sozialwissenschaftlichen Forschungsprojekte. Zu seinen Buchveröffentlichungen zählen "Ende der Natürlichkeit - Streitschrift zur Biotechnik und Biomoral", "Die Gier des Marktes - Die Ohnmacht des Staates im Kampf der Weltwirtschaft" und "Das Ende des Selbstbetrugs - Europa braucht eine Verfassung".
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