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Sonntag • 12:10
20.2.2005
Vergnügen verboten
Die Kunst und die Kritik
Von Hans Ulrich Gumbrecht

Schilder der MoMA-Ausstellung (Bild: AP)
Schilder der MoMA-Ausstellung (Bild: AP)
Mehrere Monate lang waren während des vergangenen Jahres in Berlin die berühmtesten Bilder des New Yorker Museums of Modern Art ausgestellt, dessen Sammlung als die bedeutendste Dokumentation der Kunst im 20. Jahrhundert gilt. Die Reaktion des Publikums war überwältigend und ging weit über die Hochrechnungen der Organisatoren hinaus, die man zunächst für allzu optimistisch gehalten hatte. Aber die deutschen Kunstkritiker blieben unbeeindruckt. Sie versteiften sich darauf, die Ausstellung als eine "Machtdemonstration des amerikanischen Imperialismus” zu entlarven und anzuklagen. Außenminister Fischer, der den Besuchern im Ausstellungskatalog freundlich und einfach "viel Vergnügen” gewünscht hatte, musste da wie ein verblendeter Naivling wirken.

Aber warum steht ausgerechnet "Vergnügen” so niedrig im Kurs bei den Kritikern unserer Zeit? Kunst, welche den Staat, die Gesellschaft, das Böse im Menschen und wenn nötig auch die Leser und Betrachter gnadenlos geisselt, kann stets mit einem Kritiker-Vertrauensvorschuss rechnen. Was sonst noch gelegentlich durchgeht, ist Kunst, die ihre Konsumenten in jene Zustände taumelnden Rausches versetzt, von denen Friedrich Nietzsche so sehnsuchtsvoll träumte. Durch Schmerz aufgezwungene helle Wachheit also oder ihr genaues Gegenteil: blindes Rasen, finden die Billigung der Kritiker, was sich auf das biedere Prinzip bringen lässt: "Was immer du tust, tu es ganz.” Zwischenlagen jedenfalls sind nicht gefragt, und "Vergnügen” als ein Wohlbefinden, von dem man weiß, ohne sich weiter Gedanken darüber zu machen, bezeichnet genau eine solche - unannehmbare? - Zwischenlage. Die Kritiker scheinen sich Leser zu wünschen, die auf der Stelle bereit wären, den politischen Widerstandskampf aufzunehmen, oder Konzertbesucher, die im Konzert-Rausch vom Dach des nächsten Hochhauses springen. Bloß keine Leute, die sich einfach vergnügen wollen oder - Gott bewahre! - wirklich Vergnügen haben!

Woher kommt diese Verbissenheit der Kritiker? Im 18. Jahrhundert, als die Rolle des Kritikers entstand, sahen sich die Kritiker weniger als Zuchtmeister denn als Delegierte ihrer Leser. In den "Salons” von Denis Diderot etwa ist ausnahmslos von zeitgenössischen Gemälden die Rede, nie von "Politik” - so leidenschaftlich Diderot auch an Politik seiner Zeit interessiert war. Worum es diesem Kritiker vor allem ging, das war eine lebhafte Beziehung zwischen dem eigenen Urteil und dem potentiellen Vergnügen (oder Missfallen) seiner Leser. In jener Zeit sprach man auch zum ersten Mal von der "Autonomie” der Kunst und hatte damit gar nicht mehr im Sinn als eben die Tatsache (oder die Hoffnung), dass das Wohlgefallen an der Kunst auf Distanz gesetzt sei zum Ernst der Alltagsgeschäfte.

Nur hundert Jahre später begann es zum guten Ton unter den gehobenen Künstlern zu werden, die "Autonomie der Kunst” als so etwas wie eine "gesellschaftliche Abseitsfalle” in einer sie verachtenden Gesellschaft anzusehen und die darüber anwachsende Frustration als Aggressivität auf das Publikum abzuladen. Unter den Stars der heute "klassisch” genannten Avantgarden im frühen 20. Jahrhundert gab es dann bald kein Halten mehr: zur Autonomie degenerierte Kunst und das Leben sollten wieder vereint und der schläfrig-feiste Bürger musste verschreckt werden. Darin war die ebenso vage wie unglaubliche Prophezeiung impliziert, dass eine Welt unter politischer Führung der Künstler eine bessere Welt sein werde.

Leider haben sich die Kritiker solche Verblendung zum Maß genommen, und erstaunlich ist dabei vor allem die Hartnäckigkeit, mit der die meisten von ihnen an den Grundlinien dieses Selbstbildes festhalten. Besprechungen in enthusiastischem Ton gelten vorab als "unkritisch” und wecken stets den Verdacht, bestellt zu sein. "Politisches Engagement” gehört weiter zu den Pflichtübungen von Kunst wie Kritik - und dieser Tage ist in Europa natürlich die Kritik der Vereinigten Staaten als "Imperium des Unheils” angesagt. "Vergnügen” bleibt jedenfalls verpönt und darf höchstens im Blick auf das Fernseh-Vorabendprogramm als positive Bewertung gelten. Selbst die Wein- und Restaurant-Kritik ist inzwischen von einem Ernst durchdrungen, der Genuss ohne Interpretation zu einem Ding der Unmöglichkeit macht.

Vielleicht ist dies ja der wahre Alptraum der Kritiker - und der "kritischen” Intellektuellen überhaupt: Vergnügen ohne Worte, was bedeuten würde: Vergnügen ohne die den Spaß verderbende Zugabe der Kritiker-Kommentare. In der Zeit Diderots waren Kunst und Literatur auf die Kritiker angewiesen, um über die engen Kreise ihrer Auftraggeber hinaus Interesse auf sich zu lenken. Vielleicht braucht die Kunst aber solche Förderung angesichts der medialen Bedingungen unserer Gegenwart gar nicht mehr. Vielleicht würde also niemand etwas vermissen, wenn sich auf der nächsten Ausstellung des Museums of Modern Art wieder Millionen Besucher vergnügten - und die Kritiker stumm blieben.

Hans Ulrich Gumbrecht zählt zu den deutschen Literaturwissenschaftlern mit internationalem Renommee. Er studierte Romanistik, Germanistik, Philosophie und Soziologie in Deutschland, Spanien und Italien, lehrte dann an den Universitäten Konstanz, Bochum und Siegen. Seit 1989 ist er Inhaber des Lehrstuhls für vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Stanford in Kalifornien.
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