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Sonntag • 12:10
27.2.2005
Abschied von den Grünen
Von Cora Stephan

Cora Stephan (Bild: Sven Paustian)
Cora Stephan (Bild: Sven Paustian)
Sie stellen eine der erfolgreichsten Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen der letzten fünfundzwanzig Jahre dar - die Grünen, einst als Antiparteienpartei gegründet, gehören zu den geschicktesten Selbstversorgern auf der politischen Ackerkrume. Ihr gesamtgesellschaftlicher Nutzen allerdings ist kaum noch erkennbar.

Was von ihnen bleiben wird? Die Verspargelung der Landschaft zugunsten der Windenergie. Und ein paar nostalgische Erinnerungen an eine Zeit, als männliche Barttracht und kollektives Stricken unter nickenden Sonnenblumen als zukunftsweisend galten.
Natürlich ist der Abschied von den Grünen schon lange fällig - bzw. von ihrer Legende, von der sie noch immer zu zehren versuchen.

Die Visa-Affäre um Gottvater Joschka ist nicht mehr als ein Indikator des Dilemmas: Die Partei hat mit ihren idealistischen Anfängen nichts mehr am Hut - gottlob, denn hinter dem basisdemokratischen Trara und manch anderen Mätzchen hat sich der dadurch im übrigen ungebremste Machtwillen einiger viel zu lange tarnen können. Der Legende entkleidet, hat die Partei indes nicht mehr allzu viel anderes vorzuweisen.

Ihr Profil ist nur wenig ausgeprägter als das der FDP, die, bis die Grünen kamen, die einzige Mehrheitsbeschafferin für eine der beiden großen Volksparteien war.

Auch die Grünen halten es im Zweifelsfall mit der Macht, der man zur Not auch die eigene Glaubwürdigkeit opfert. Müßig, ihnen das vorzuwerfen. Denn sie glauben, sich von all den anderen Machtpolitikern noch immer zu unterscheiden durch ihre moralische Überlegenheit, die sie in jeder Krise penetrant zur Schau stellen. Und in der Tat hat sich die Partei nie auf jene Legitimität beschränkt, die sich von Wählerstimmen herleitet. Ihren Auftrag bezog sie höheren Orts: von der Natur. Von den Frauen. Vom Friedensgebot. Von der Gattung - also von allen Instanzen, die einem Parteienstreit enthoben sind. Wer will sich schon an der Natur versündigen? Gegen die Frauen sein? Den Frieden stören? Oder gar außerhalb der Gattung stehen? Eben.

Die Funktionalisierung von Auschwitz, um die Gefolgschaft von Partei und Wählern in der Kosovokrise zu erzwingen, entsprach dieser Logik und ist womöglich damals aus tiefster Überzeugung und nicht aus rein taktischem Kalkül eingesetzt worden. Den Spielregeln der Demokratie entspricht das nicht: Wer sich auf höchste Werte wie "Nie wieder Auschwitz", wer sich gar auf Menschheitsinteressen bezieht, statt die eigene politische Linie dem Parteienstreit auszusetzen, macht sich unangreifbar. Das ist der durchaus autoritäre Hintergrund des einst so kessen Anspruchs, eine Partei wie keine andere zu sein.
Wer sich durch höchste Werte legitimiert sieht, ist den Mühen der Ebene enthoben.

Die gekränkte Unschuld, mit der viele Grüne auf die Visa-Affäre reagieren, zeigt, dass dieses Muster moralischer Überlegenheit ungebrochen ist. Im Zweifelsfall für die Freiheit - wer will da schon mit kleinlichen polizeilichen Bedenken kommen? Und ist nicht, wie die nordrheinwestfälische Umweltministerin Bärbel Höhn insinuiert, ein bisserl Zwangsprostitution mit Visum viel angenehmer als ohne?
Nach der realpolitischen Wende, in der sich die Grünen in langen Kämpfen von ihren fundamentalistischen, linksradikalen Wurzeln lösten, um regierungsfähig zu werden, ist eine weitere Wende fällig - wie wär's mit mehr Realismus?

Denn es fällt selbst der großstädtischen Latte-Macchiato-Fraktion unter ihren Wählern langsam auf, dass den Grünen zu allen relevanten Fragen, die die Republik beschäftigen, nichts mehr einfällt außer frommen Sprüchen. Weder auf den demographischen Wandel noch auf die Frage, warum gutausgebildete Frauen hierzulande keine Kinder mehr kriegen, fällt den Grünen etwas ein, was sich von altgedienten sozialdemokratischen Positionen unterschiede. Das "Bündnis 90" im Namen kann man getrost vergessen, der Osten Deutschlands bleibt ebenso links liegen wie die einst so umworbene Frauenbewegung: die Grünen hätscheln lieber ihr Multikulti-Bild vom großen Europa mitsamt der Türkei, statt sich mit der Ghetto-Existenz türkischer Frauen hierzulande auseinanderzusetzen, mit Isolation, Sprachbarrieren, Ehrenmorden.

Noch nicht einmal der Protest von Alice Schwarzer gegen den grünen Kulturrelativismus, der auch Frauenfeindlichkeit hinzunehmen bereit ist, lockt irgendeine grüne Galionsfigur hinter dem Phrasenverhau hervor.

Doch seit der Visa-Affäre ist die Realität sehr handgreiflich über die Welt der frommen Lügen hergefallen. Der Kaiser ist nackt und alle sehen es, aber die Partei steht und schweiget wie der dunkle Tann. Was sonst: mit dem Fall des Außenministers hätte sich schließlich die Machtfrage von selbst erledigt. Der Große Zampano hat überdies rechtzeitig dafür gesorgt, dass ihm niemand gefährlich werden kann: stets hat Fischer nur seine Gegner eingebunden, Freunde und Talente hingegen im Regen stehengelassen. Führungsnachwuchs ist bei den Grünen dünn gesät.
Lange hat man den Grünen zugutegehalten, was man der SPD übelnahm. Sieht so aus, als ob das seit der Wahl in Schleswig-Holstein vorbei sei. Werden die Grünen nun in Treue untergehen, mitsamt Gottvater Joschka und dem Koalitionspartner? Es sieht ganz so aus. Wetten werden dennoch entgegengenommen.

Die Frankfurter Publizistin und Buchautorin Cora Stephan, Jahrgang 1951, ist promovierte Politikwissenschaftlerin. Von 1976 bis 1984 war sie Lehrbeauftragte an der Johann Wolfgang von Goethe Universität und Kulturredakteurin beim Hessischen Rundfunk. Von 1985 bis 1987 arbeitete sie im Bonner Büro des "Spiegel". Zuletzt veröffentlichte sie "Der Betroffenheitskult. Eine politische Sittengeschichte", "Die neue Etikette" und "Das Handwerk des Krieges".

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