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Sonntag • 12:10
6.3.2005
Das Ringen um nationale Identität
Ein Beitrag des Bevölkerungswissenschaftlers Josef Schmid

Nationale Identität: Beim Fußball gerade noch möglich, ansonsten tun sich die Deutschen schwer (Bild: AP)
Nationale Identität: Beim Fußball gerade noch möglich, ansonsten tun sich die Deutschen schwer (Bild: AP)
Fremdworte, die nicht unmittelbar dem Amerikanischen entstammen, machen stutzig. Den Betriebswirten und Managern wird beigebracht, was "Corporate Identity" ist: das Erscheinungsbild der Firma, geschlossen und eindeutig wie ein Markenzeichen. Das Entscheidende ist, dass die Ausstrahlung eines Firmennamens auch in die einzelnen Mitarbeiter hineinleuchtet und ein stolzes Zugehörigkeitsgefühl schafft. Von ihm geht ein Leistungsanreiz aus, wie ihn kein Betriebsverfassungsgesetz vorschreiben könnte. Was in der Firmenidentität alles aufblitzt an Loyalität und Beitragswillen nun auf die Nation übertragen wollen, könnte einen verzagt machen oder zum Schmunzeln veranlassen: Die typische Reaktion einer Nation, die immer noch um ihre Identität ringt.

Dabei ist sie die unverzichtbare Daseinsgewissheit des Menschen, die viele mit ihm teilen. In der nationalen Identität ist man anders eingereiht als in der Warteschlange am Passamt. Hier geht es um ein Selbstbild, das die Eigenheit der Person übersteigt. Die Frage "Wer ist man eigentlich?", liegt jeder Identitätssuche zugrunde und sie wird aber schon im Sinne vieler anderer beantwortet. Es sind die Zeit- und Schicksalsgenossen, die sich im Kopf und im Lebensgefühl des Einzelnen eingenistet haben. Es sind alle diejenigen, mit denen er lebt, mit denen er rechnet, ohne sie näher zu kennen. Die volle Teilhabe an Massenkommunikation und Sprache ist die Oberfläche nationaler Identität, doch muss sie tiefer verankert sein, um von einer wetterwendischen Geschichte nicht ständig umgeblasen zu werden.

Das nationale Temperament und Gewohnheiten reichen nicht aus, Identität zu bezeichnen: Zwischen dem Franzosen beim Rotwein, dem Spanier beim Stierkampf und dem Deutschen beim Bier klaffen zwar schon Welten, doch hier geht es um das bewusste Einssein mit seiner Herkunft, mit seinen Landsleuten und so etwas wie einer Bestimmung und Daseinserfüllung. Sie machen erst nationale Identität aus.

Die nächste Frage lautet: "Haben wir nationale Identität? Wie kommt man eigentlich zu ihr? Ist sie ein unfehlbares Steuerungsgerät, oder kann man damit auch in die Irre gehen?"

Je klarer und festgefügter eine nationale Identität, umso offener zeigt eine Nation ihre Interessen und umso mehr wird sie für sich selbst und seine Nachbarn berechenbar. Ein hoher Grad an Selbstbewusstsein und Selbstachtung verbindet sich damit. Die Nation wird zum Maßstab und Prüfstein in einer Welt der Veränderungen und nationalen Zusammenschlüsse. Sie ist für Franzosen ein Stück Unverrückbarkeit, trotz Europäisierung; für Briten ein Anlass, sich zu fragen, ob man die Bewegung von Nachbarn überhaupt mitmachen soll. Die geschlossene, religiös gestützte Identität der USA ist sogar die Passform für eine Großmacht und wird nur von denen nicht ganz begriffen, denen es an ähnlich festgefügter Identität mangelt, den Deutschen zum Beispiel seit Wende und Wiedervereinigung. Denn dazu wäre eine Dauerhaftigkeit der Zustände vonnöten, die das verflossene 20. Jahrhundert nicht lieferte und somit nicht gelernt werden konnte. Das Bild eines bedenkentragenden, entschlusslosen Neurotikers, der in Selbstwertdefekten schwelgt anstatt sie schleunigst abzulegen, ist wohl die häufigste internationale Charakterisierung Deutschlands.

Nationale Identität ist ein Inventar aus Bindung, kollektivem Erleben und Orientierung auf Kommendes, die sich im Seelenhaushalt des Einzelnen niederlässt, dort Zustimmung erfährt und zu Eigenbeitrag anspornt.

Sie ist der Seelenkitt eines modernen Kollektivs, ein höchst diffiziles Wesen, mühsam zu errichten, aber unverzichtbar. Eine Verliebtheit in die Diskurse um die vielen Stolpersteine deutscher Identität bis hin zu der Idee, Zivilisationsbrüche in ihre Grundfesten einzumauern, wird eine nationale Identität, die 80 Millionen Menschen bei der Stange hält, nicht entstehen lassen. Schreibtischprodukte der tiefgründigen Art, angefertigt in Sakristeien des Intellekts, werden es also nicht schaffen.

Identität kann nur ein heilsamer Kompromiss sein, der Gemeinsinn stärkt und zur Tätigkeit auffordert: dafür muss sie in einer enger werdenden Welt zwei Extreme vermeiden: Selbstbewusstsein darf nicht in Großmannssucht und Anmaßung umschlagen; und die Kontrolle nationaler Egoismen darf nicht so weit gehen, dass eine Nation von sich Fahndungsplakate entwirft, Steckbriefe verfasst und sie weltweit zum Aushang bringt. In keinem der beiden Fälle entsteht nationale Identität, die für die eigene Nation gedeihlich und für die Nachbarnationen erträglich ist.

Ein diffiziles Gleichgewicht haben wir da vor uns, das der Franzose Ernest Renan vor über hundert Jahren vorgestellt hat: Nation ist die Gesamtheit der Toten, Lebenden und Künftigen. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft müssen sich in den Gehirnen so verteilen, dass in der Summe eine Zukunft herauskommt. Nur so lädt eine Nation zur Identifikation auch der Heranwachsenden ein. Es gibt Teile der Persönlichkeitsbildung, um die man sich hierzulande wenig Sorgen machen muss, wie die soziale und Geschlechtsidentität. In einem nationalen Vakuum aber wird man nicht erziehen können. Auch zu glauben, man könne eine Umgehungsschlaufe legen und gleich an einer europäischen Identität "andocken", ist ein Irrtum. Wer vor den eigenen Dingen flüchtet, wird auch die anderer nicht richten können.

Josef Schmid, geboren 1937 in Linz/Donau, Österreich, zählt zu den profiliertesten deutschen Wissenschaftlern auf seinem Gebiet. Er studierte Betriebs- und Volkswirtschaft sowie Soziologie, Philosophie und Psychologie. Seit 1990 ist Schmid Inhaber des Lehrstuhls für Bevölkerungswissenschaft an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Seine Hauptthemen: Bevölkerungsfragen der industrialisierten Welt und der Entwicklungsländer, Kulturelle Evolution und Systemökologie. Schmid ist u.a. Mitglied des Kuratoriums des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung, Wiesbaden, Mitglied der International Union for the Scientific Study of Population (USSP) und der European Association für Population Studies (EAPS). Veröffentlichungen: Einführung in die Bevölkerungssoziologie (1976); Bevölkerung und soziale Entwicklung (1984); Das verlorene Gleichgewicht - Eine Kulturökologie der Gegenwart (1992); Bevölkerung - Umwelt - Entwicklung. Eine humanökologische Perspektive (1994); Sozialprognose - Die Belastungen der nachwachsenden Generation (2000). Außerdem zahlreiche Veröffentlichungen in Fachzeitschriften, in der Presse und im Rundfunk.
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