Tacheles
Tacheles • Das Streitgespräch
Freitag • 18:05
6.12.2002
Mathias Döpfner
Vorstandsvorsitzender des Axel-Springer-Verlages

Sie haben als Beruf Journalist gelernt, waren Chefredakteur der 'Wochenpost', der 'Hamburger Morgenpost', zuletzt der 'Welt', jetzt sitzen Sie quasi auf der anderen Seite als Chef des Verlages, als Manager. Wie ist Ihnen das gelungen, gab es da Identifikationsprobleme mit der Rolle?

Döpfner: Ich kann leider mit Patentrezepten nicht dienen und sagen: 'so macht man's'. Wenn ich jetzt sage, 'so hat es sich ergeben', ist das vielleicht auch zu wenig. Es ist sicher so, dass es immer zwei Seiten in meiner Persönlichkeit waren, die eine Rolle spielten und die eben gerade in der Zusammenführung in dieser Aufgabe für mich besonders befriedigend zu entwickeln sind. Grundsätzlich - ein Identifikationsproblem? Nein. Warum? Ganz im Gegenteil! Wenn jemand fragt 'was sind Sie von Beruf?', dann sage ich: 'ich bin Journalist', nicht: 'ich war Journalist. Ich bleibe Journalist und jetzt bin ich dazu Manager und die Kombination von beidem, glaube ich, ist sehr sinnvoll.

Wenn Sie aber jetzt am Schreibtisch des Vorstandsvorsitzenden sitzen, können Sie da inhaltlich sehr viel weniger beeinflussen als als Chefredakteur?

Nicht im Tagesgeschäft, nicht direkt. Sie können aber natürlich durch die Entwicklung neuer Blätter, neuer Zeitungen und Zeitschriften sehr viel und auf sehr befriedigende Weise kreative Dinge bewirken, anregen, mitprägen und das ist natürlich etwas, was auch ausgesprochen befriedigend ist.

Sie können aber schon auch Einfluss auf die Blattgestaltung nehmen. Konkret gefragt - rufen Sie den Chefredakteur beispielsweise der 'Welt', den Sie im Moment nicht haben, aber dann eben die Redaktion an und sagen: 'das war nicht gut, wie ihr das heute auf der Seite 3 gemacht habt'?

Im Tagesgeschäft nicht - es sei denn, es liegt ein ausgesprochener Verstoß gegen Handwerk oder gegen Anstand vor. Wenn irgendwo wirklich ein gravierender Fehler passiert, dann ruft man an und bespricht das. Das ist auch, glaube ich, meine Aufgabe. Es wäre aber falsch, im Tagesrhythmus zu intervenieren. Ich kann nur sagen, ich hab' als Chefredakteur in anderen Verlagen und auch im Axel-Springer-Verlag solche Anrufe nie bekommen und ich würde solche Anrufe selber auch nicht unternehmen. Das schreckt gute Chefredakteure ab und die müssen schon wissen, wie sie täglich das Blatt machen. Vielleicht macht man dann von Zeit zu Zeit mal Manöverkritik - das allerdings tun wir und das ist auch, glaube ich, sehr wichtig.

Ich will mal anknüpfen an den Satz 'Sie wissen schon wie Sie das Blatt machen müssen'. Der Axel-Springer-Verlag hat ja Grundsätze, auf die er die Journalisten des Hauses verpflichtet - neuerdings gehört auch die Freundschaft zu den USA dazu. Setzt das dem Meinungspluralimus eine Grenze?

Ich glaube überhaupt nicht - ganz im Gegenteil. Ich glaube, dass das eine sehr transparente Form ist, Meinungsvielfalt zu organisieren und trotzdem eine Haltung zu haben und diese Haltung auch zu bekennen. Lassen Sie uns ehrlich sein - es gibt keine in dem Sinne 'neutrale' Zeitung. Das wäre auch furchtbar. Jede Zeitung muss sich um möglichst große Objektivität bemühen, um handwerkliche Grundsätze aber letztlich schimmert eine Haltung doch immer wieder durch - sei es die Haltung des Chefredakteurs, sei es die Haltung der bestimmten Ressortleitungen etc. Insofern halte ich es für, wenn Sie so wollen, für fast heuchlerisch, wenn eine Zeitung für sich Neutralität in Anspruch nimmt und dann sozusagen insgeheim doch versucht, bestimmte Werte oder Dinge durchzusetzen.

Aber Herr Döpfner das ist doch trotzdem etwas anderes, ob ein Chefredakteur eine bestimmte Grundhaltung hat, ob er mit dem Verleger eine bestimmte Linie abspricht oder ob es prinzipiell und sozusagen 'fest gemauert', über eine ganz lange Zeit eine Linie des Hauses gibt.

Richtig, und ich finde die letztere Variante, wie gesagt, noch ehrlicher und offener und eigentlich auch reizvoller, denn wir geben ja keine parteipolitische Meinung vor. Wenn wir dies täten, das wäre der Todesstoß eines Verlages! Wir haben fünf Grundsätze und ich wiederhole sie, damit sie auch noch mal ins Bewusstsein kommen: Das ist die Deutsche und die Europäische Einheit; es ist die Aussöhnung mit den Juden und die Unterstützung der Lebensrechte des Staates Israel; es ist die Solidarität in der freiheitlichen Wertegemeinschaft mit den Vereinigten Staaten; es ist die freie und soziale Marktwirtschaft und es ist die Bekämpfung jeglicher Art von politischem Totalitarismus. Das ist für mich ein sehr, sehr schönes Weltbild, ein liberales, humanistisches, bürgerliches Weltbild...

...und daran messen Sie auch Politik?

...und in der Tat, in diesem Raster messen wir auch Politik. Aber es ist nicht klar, welche Partei dabei besser abschneidet und es ist natürlich auch in diesem Rahmen unglaublich viel Spielraum. Sie können das auch nachvollziehen und nachweisen, dass wir zum Beispiel gerade in der amerikanischen Politik, in Bezug auf Afghanistan und andere auch andere Themen, sehr, sehr kritische Kommentare in unseren Zeitungen hatten. Und das ist auch gut so und wichtig.

Wenn man in die Medienlandschaft schaut, da gibt es durchaus die Diskussion darum, was ist der Unterschied zwischen kritisch engagiertem Journalismus und Kampagnen-Journalismus. Nehmen wir einen der letzten 'Stern'-Titel vor der Wahl, der hieß 'Ich oder äh'. Was ist das? Ist das amüsant, ist das Kampagnen-Journalismus?

Lassen Sie mich die Frage so beantworten: Wenn wir das in der 'Bild'-Zeitung gemacht hätten, garantiere ich Ihnen, da wären Lichterketten in Deutschland angezündet worden und der Verfall der journalistischen Moral wäre beklagt worden. Insofern glaube ich, es wird da sicherlich manches Mal mit zweierlei Maß gemessen...

...was war es denn nun?

Wissen Sie, ich will keine Kollegen-Schelte betreiben. Das müssen die Kollegen selber wissen. Ich bin nur froh, dass es nicht in der 'Bild'-Zeitung passiert ist. Aber wir machen auch nicht alles richtig.

Konzentrieren wir uns doch mal auf das, was die 'Bild'-Zeitung oder die Zeitungen Ihres Verlages machen. Auch ihnen wurde ja vor der Bundestagswahl sehr konkret vom Bundeskanzler Gerhard Schröder, von der SPD vorgeworfen, Kampagnen-Journalismus zu betreiben. Da hieß es: 'die Springer-Blätter' - sicher hat er das nicht so pauschal gesagt, ich vereinfache das etwas - 'die Springer-Blätter, namentlich die 'Bild'-Zeitung machten Kampagnen-Journalismus, nämlich eine Kampagne gegen uns, gegen die SPD und für die Opposition. War das berechtigt?

Eine Kampagne ist ein Feldzug und für Feldzüge sollte sich kein Blatt zur Verfügung stellen. Wenn mit Kampagne gemeint ist, dass wir an Themen dranbleiben, dass wir Themen in Serie wiederholt ansprechen und dass das natürlich in einer Boulevard-Zeitung auch in einer besonders lauten, leidenschaftlichen und emotionalen Tonalität passiert, dann ist dieser Begriff angemessen, dann gibt es das. Wenn allerdings hier von der politischen Seite in einer gewissen Überempfindlichkeit reagiert wird und Kritik dann schnell als Kampagne diskreditiert wird, dann habe ich dafür wenig Verständnis. Da würde ich es doch besser finden, dass man sich mit den Spielregeln der Demokratie und der freien Presse einverstanden erklärt und die Kritik dadurch zu vermeiden versucht, dass man wenig Angriffsfläche dafür bietet.

Haben Sie sich mal ausgesprochen mit Schröder?

Es gibt immer mal wieder Gespräche, aber große Aussprachen oder irgendwelche klärenden Grundsatzgespräche haben wir bisher über das Thema nicht geführt.

Wenn Sie das nun mal weiter sehen nach der Bundestagswahl. In der Haushaltsdebatte des Bundestages haben einen Kanzler erlebt, der geradezu außer sich war, der Opposition Diffamierung, persönliche Verunglimpfung und anderes vorgeworfen hat. Nun ist ja die Quelle sehr scharfer Kritik an der Regierung, an den Koalitionsvereinbarungen, an dem, was getan worden ist nach der Wahl, nicht nur auf die Opposition beschränkt, sondern es ist ein ziemlich einhelliges Medien-Echo. Hat da der Kanzler Grund zu dieser prinzipiellen Kritik? Er hat ja sogar die Befürchtung, da gehe es an die Grundfesten der Demokratie. Haben Sie auch den Eindruck, dass die Massivität der Opposition, auch verstärkt durch die Medien, tatsächlich einen kritischen Bereich überschritten hat?

Das kann ich bisher nicht feststellen. Es mag im Einzelfall Entgleisungen geben, aber dass man sich sehr engagiert und auch leidenschaftlich mit den Fragen auseinandersetzt und jetzt auch harsche Kritik geübt wird - ich glaube das ist das gute Recht des Souveräns, des Volkes nämlich, das zu tun. Dass das eben auch in sehr vielen Zeitungen passiert, hat vielleicht noch einen anderen Aspekt. Das ist ein Gedanke, den ich nicht ausschließen würde, dass es auch damit zu tun hat, dass Journalisten zum ersten Mal seit langer Zeit unmittelbar und ganz besonders von der schwierigen Wirtschaftslage getroffen werden. Früher standen Journalisten gerne als Beobachter auf der Tribüne und guckten sich an, wie das so läuft mit der Wirtschaftspolitik und was das so für Auswirkungen hat auf unsere Gesellschaft und an welcher Schraube in dem Sozialsystem man noch drehen könnte oder nicht. Und jetzt plötzlich werden ganz besonders Journalisten entlassen, es gibt Mitarbeiter-Abbau, werden Honorare reduziert, Besitzstände abgebaut - also gerade Journalisten beutelt es ganz besonders stark im Moment. Und ich würde nicht ausschließen, dass das einer der Gründe ist, warum im Moment, wenn Sie so wollen, medienübergreifend Kritik besonders heftig ausfällt.

Sprechen wir über die Zukunft der Zeitung. Seit anderthalb Jahren erleben wir eine Anzeigen-Krise, die damit auch eine Medienkrise ist, weil sich Zeitungen eben zu durchschnittlich zwei Drittel über Anzeigen finanzieren. Wie sehen Sie die nächsten Monate, das nächste Jahr?

Die nächsten Monate und das nächste Jahr, glaube ich, werden für die Medienbranche und auch besonders für die Zeitungsbranche weiterhin sehr schwierig sein. Ich sehe kein Indiz für eine kurzfristige Erholung. Ich glaube, dass die Gesamt-Konjunkturlage schwierig bleibt. Wir haben es mit drei negativen Sonderfaktoren zu tun: Da ist die wirklich problematische Wirtschaftspolitik, das sind die problematischen Signale, die im Moment von der Politik ausgehen und die alles andere als konjunkturstimulierend wirken. Das ist, zweitens, die Angst vor dem Irak-Krieg, die sich ebenfalls belastend auswirkt und das ist, drittens, natürlich die Angst und die Androhung von weiteren Terrorattentaten. Das sind drei Faktoren, die weltweit und in Deutschland ganz besonders wie Konjunkturgift wirken.

Im Ergebnis sieht es doch so aus, dass weniger Anzeigen von Unternehmen geschaltet, beziehungsweise die Etats zusammengestrichen werden. Ihre Anzeigen-Verantwortlichen signalisieren Ihnen, dass die Konzerne auch weiterhin die Etats klein halten werden.

Aus den eben genannten Gründen ist das so und deswegen sehe ich auch keine kurzfristige Erholung auf den Anzeigenmärkten. Wir haben sicherlich hier auch mit der Besonderheit des Stellenmarktes zu tun, der besonders eingebrochen ist, der besonders konjunkturanfällig ist und der vielleicht sogar über diesen Konjunkturzyklus hinaus problematisch bleibt, weil Teile dieser Stellenanzeigen oder auch Immobilienanzeigen möglicherweise in Internet-Angebote wandern werden. Ich glaube, hier sind Medienhäuser gut beraten, wenn sie nicht davon ausgehen, dass das nur einmal so eine ganz kurze kleine Delle war, sondern das geht schon etwas tiefer. Das ist aber aus meiner Sicht überhaupt kein Anlass zum Dauer-Pessimismus. Deswegen muss man keine Trauer tragen, sondern man muss wirklich diese Krise als Chance nutzen und ich denke, gerade wir mit dem Axel-Springer-Verlag haben in den letzten Monaten sehr gut bewiesen, dass man da sehr viel Positives auch bewegen kann.

Noch mal nachgefragt: Ist es eine Konjunkturkrise, vielleicht eine tiefe, die nicht schnell vorbei geht oder ist es eine Strukturkrise, was bedeuten würde, dass das, was Sie jetzt an etwa Anzeigen verlieren, nie wiederkommt, weil es zum Beispiel ins Internet geht? Dann wäre ja die Frage, können Sie das sozusagen auf der anderen Seite durch das Online-Geschäft auffangen?

Dann lassen Sie es mich so formulieren: Es ist eine Konjunktur-Krise, die tief geht, länger dauert und strukturelle Veränderungen nach sich zieht. Dass allerdings dauerhaft Anzeigenerlöse aus den Printmedien abwandern und hier ein Strukturverfall anderen Industrien ähnlich stattfinden würde, das kann ich nicht erkennen. Ich würde es anders formulieren: Die Zeitungsbranche hat ganz besonders 'goldene Jahre' hinter sich und wenig Wettbewerb gehabt und immer noch in Deutschland eine unglaubliche Vielfalt von mehr als 400 eigenständigen, meistens familiengeführten, Regional-Zeitungsverlagen. Das ist sicherlich eine gravierende Veränderung, die im Moment stattfindet und die auch sicherlich erdrutschartige Veränderungen, Konsolidierungswellen, Allianzen, neue Konstellationen, vielleicht auch neue Erlösmodelle nach sich zieht. Insofern kommt es eben darauf an, wie reagiert man jetzt darauf - zum Beispiel beim Thema 'Stellenmarkt'. Sagt man 'ja gut, dann sind die Erlöse eben zu 30 Prozent im Internet und damit habe ich nichts zu tun'...

...oder versucht man das mit Geschäften im Internet seinerseits zu kompensieren?

Ich glaube, dass man schon versuchen muss - und wir tun das - auch selbst Internet-Angebote zu machen und diese Erlöse in einem anderen Medium eben auch ins eigene Haus zu ziehen. Die Verluste wird man vielleicht nicht in allen Fällen voll kompensieren können, in anderen Fällen wird man es vielleicht sogar überkompensieren können, weil man da plötzlich neue Geschäftsmodelle entdeckt. Ich glaube, das kann schon beides sein. Aber, wie gesagt, wir haben diese wunderbaren 'goldenen Zeiten' hinter uns und jetzt ist es vielleicht ganz gut, dass diese Branche wachgerüttelt wird und - wie andere Industrien auch, wie andere Branchen auch - ein bisschen innovativer nach neuen Antworten sucht.

Herr Döpfner, wie beschreiben Sie Ihre strategischen Geschäftsziele - sozusagen im Spannungsfeld zwischen Geschäft, Auflage und publizistischem Anspruch?

Ja, das ist eine der Schlüsselfragen und die spannendste Herausforderung in diesem Beruf. Es geht darum, zu aller erst die wirtschaftliche Sicherheit und die wirtschaftliche Grundlage herzustellen, um publizistischen Erfolg und publizistische Qualität langfristig gewährleisten zu können. Es geht das Eine ohne das Andere nicht. Wenn Sie nur guten Journalismus, neue Blätter und große fantasievolle Projekte im Sinn haben und die Wirtschaftlichkeit dabei aus dem Auge verlieren, werden Sie irgendwann die Inhalte beschädigen, die Zeitung kaputt machen und ganz viele Arbeitsplätze gefährden. Wenn Sie sich nur auf das Wirtschaftliche konzentrieren und sagen, wie kann ich mit möglichst wenig Journalismus möglichst viel Geld verdienen, dann werden Sie vielleicht kurzfristig viel Geld verdienen aber mittelfristig und langfristig werden Sie den Ast absägen, auf dem Sie sitzen. Und dieser Ast sind: kluge Gedanken, eine gute mitreißende Sprache, exklusive Nachrichten und das von leidenschaftlichen Menschen jeden Tag aufs Neue in spannende Zeitungen und Zeitschriften gebracht. Daran müssen wir arbeiten. Und dieses in die Balance zu bringen - also, wenn Sie so wollen - aus Geist Geld machen, damit aus Geld Geist wird, das ist eigentlich genau das Spannungsfeld, in dem wir uns bewegen und das macht großen Spaß.
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